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»Sprachnachrichten?!« Wie Kommunikation im Verein gelingen kann

Hartplatzhelden-Kolumne #57: »Wir haben 1300 Mitglieder, alle wollen erreicht werden. Dazu müssen wir viele Kanäle nutzen, analog wie digital. Doch welcher eignet sich wofür?« - Eine Übersicht von Gerd Thomas.

In der Hartplatzhelden-Kolumne kommen kreative und kritische Köpfe aus dem Amateurfußball zu Wort, die sich mit den Sorgen und Nöten unseres geliebten Sports befassen, aber auch Ideen für die Zukunft vorstellen. In der 57. Ausgabe diskutiert Gerd Thomas die Frage, wie effiziente Kommunikation im Sportverein organisiert kann.

SPRACHNACHRICHTEN? NEIN DANKE! lautet der neue Untertitel meiner Messaging-App, die man aus Datenschutzgründen eigentlich nicht verwenden sollte, es aber doch tue, weil ich nicht von Diskussionen abgeschnitten werden will. Ich finde Sprachnachrichten nervig, manchmal unverschämt. Andere Diskussionen laufen über E-Mail-Gruppen, nur selten noch wird im Fußballverein die gute alte SMS verwendet.

Auch beim klassischen Social Media gibt es Unterschiede. Inzwischen ist Facebook von Instagram abgehängt, ganz Junge konferieren über den hochproblematischen chinesischen Dienst Tik Tok, vor dem Experten warnen. Auf der Multiplikatoren-Ebene trifft man sich auch im Sport auf LinkedIn. Und dann gibt es noch die Homepage, von Kommunikationsexperten als Aushängeschild des Vereins bezeichnet. Ganz selten findet man Ankündigungsplakate oder gar Briefe, dabei könnten genau die so viel Irritation auslösen, dass es schon wieder interessant wird.

“Kommunikation ist die Königsdisziplin”, sagte ein Kollege immer, wenn mal wieder eine Information nicht überall angekommen war. Das gilt für Sportvereine fast noch mehr als für Unternehmen, denn ein Verein mit schlechten Informationsstrukturen kommt schnell in Probleme. Beim FC Internationale haben wir mehr als 1300 Mitglieder zwischen 4 und 84 Jahren. Sie alle wollen erreicht werden, sie nutzen aber nicht dieselben Medien.

Da Kinder in der Regel ihre Eltern als Überbringer benötigen, kommt eine weitere Gruppe von so genannten Stakeholdern dazu. Auch wieder so eine Bezeichnung, die man früher nicht brauchte. Noch schlimmer finde ich übrigens den Begriff „Rechtehalter” für einen Sponsoren. Wer denkt sich so etwas aus?

Die Überforderung ist in vielen Vereinen spürbar. Erstens gibt es kaum Menschen, die das ganze Repertoire beherrschen. Zweitens ist die Zahl der Kanäle einfach zu groß, um sie adäquat bespielen zu können. Und trotzdem maulen immer wieder Leute, sie hätten etwas nicht mitgekriegt oder seien gar vorsätzlich nicht informiert worden. Was tun?

Zunächst gilt es herauszufinden, wer alles Informationen aus dem Verein benötigt. Man wird schnell darauf kommen, dass es noch weitere Systeme gibt, wie bspw. das DFBnet. Und die Zahl von Adressaten wird sich schnell erhöhen, denn auch Ämter, Sponsoren, Spender oder die örtlichen Medien wollen wissen, was im Verein passiert.

Es hat Sinn, ein Medienteam zusammenzustellen, das sich am besten um Fotos, Videos oder anderes Bildmaterial kümmert. Eine Person macht dann Instagram und Facebook, eine andere kümmert sich um den Internetauftritt, eine dritte um die Außendarstellung zu relevanten Gruppen. Und jede Person sollte bei Urlaub oder Krankheit auch vertreten werden können. Wir planen übrigens, künftig mit einer woanders schon getesteten Vereins-App zu arbeiten.

Wichtig ist, eine Kommunikationslinie festzulegen. Wenn man auf einem Kanal nur über die Herrenmannschaft und Feste, auf einem anderen nur über Frauenteams und Jubiläen, auf dem dritten über die Jugend und Ehrenamt berichtet, wird es schnell unübersichtlich. Gerade auf der Homepage sollte man möglichst einen breiten sportlichen Überblick geben, aber auch Jubiläen, Feiern oder besondere Vorkommnisse abbilden. Gleichwohl sollte der Sport im Vordergrund stehen. Auf einem geschäftlichen Netzwerk wie LinkedIn postet man keine Ergebnisse. Hier geht es darum, zu vermitteln, welche Vorzüge oder Bedarfe ein Verein
hat.

Schafft man es nicht, alle interessanten Kanäle zu bespielen, lässt man einfach welche weg. Am wichtigsten ist eine gut gepflegte Homepage, auf der Ansprechpartner, Infos zum Verein, Spielankündigungen und besondere Ereignisse zu finden sind. Als in der letzten Woche unser
Kooperationspartner BWB (Berliner Werkstätten für Menschen mit Behinderung) Deutscher Meister wurde, war das natürlich eine Meldung auf der Internetseite wert. Wenn der DFB-Präsident zu Besuch kommt, muss auch das erwähnt werden. Aber die meisten Leute werden sich dafür interessieren, was es im Verein Neues gibt, wenn zum Beispiel ein neuer Trainer für die A-Jugend kommt.

Es wird nicht möglich sein, immer alle zu deren Zufriedenheit zu erreichen. Aber Kommunikation kann man nicht mehr allein über Aushänge im Schaukasten machen, wie im letzten Jahrhundert. Informationen sind den Mitgliedern wichtig, gern auch mündlich auf der Sportanlage. Ehrenamtliche gewinnt man in der Regel nicht über anonyme Aufrufe auf der Homepage. Am besten sind kontaktfreudige Menschen aus dem Vorstand oder aus der Trainerschaft, die einfach mal bei Mitgliedern oder Eltern fragen, ob sie nicht Lust hätten, sich im Verein zu engagieren. Es muss ja nicht gleich der Schatzmeisterposten sein.

Aber warum soll nicht eine Mutter oder ein Vater in der Zeit, wo das Kind sich auf dem Trainingsplatz tummelt, den Merchandising-Verkauf übernehmen, die Fahrten am Wochenende oder die Wäsche organisieren? Kleiner Tipp: Fast jeder Verein hat ein zwei „Menschenfänger”, die eine besondere Ader haben, Menschen von der Mitarbeit zu überzeugen. Setzt sie ein.

Für das Jahresende habe ich mir etwas ausgedacht. Ich verschicke an Menschen, die ich schätze, eine Postkarte. Da es sehr viele Personen sind, fange ich bald an. Oder doch lieber…? Das Beste ist wohl doch, Leute ab und zu mal anzurufen oder gar von Angesicht zu Angesicht miteinander zu reden. Da kann man dann auch eventuelle Missverständnisse
gleich ausräumen und erfährt sogar noch ein bisschen übereinander über Sorgen, Nöte, Bedürfnisse. Vielleicht gibt es sogar mal ein Lob. Ich glaube, die Zeit ist gut investiert.

Zum Autor:
Gerd Thomas, Jahrgang 1960, ist seit 2017 Erster Vorsitzender (seit 2003 im Vorstand) des FC Internationale Berlin. Der Verein pflegt den reinen Amateurgedanken, stärkt das völkerverbindende Element des Fußballs und ist seit 2007 Integrationsstützpunkt der Sportjugend. Auf den Trikots aller Mannschaften steht keine Werbung, sondern der Slogan: „No Racism!“. 2013 zeichnete der DFB den Verein mit dem Integrationspreis aus.

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Über die Hartplatzhelden-Kolumne:
In regelmäßigen Abständen lassen wir kreative und kritische Köpfe aus dem Amateurfußball zu Wort kommen, die sich mit den Sorgen und Nöten unseres geliebten Sports befassen, aber auch Ideen für die Zukunft vorstellen.

#56: »Energiekosten: Ist Fußball das neue Golfen?« von Ute Groth
#55: Jugendfußball: »Mehr Förderung für Deutschlands Sozialprojekt Nr. 1!« von Gerd Thomas
#54: »Ich muss eingestehen: Der Minifußball-Plan des DFB ist sehr gut!« von Michael Franke
#53: Ehrenamt: »Trainer und Trainerinnen gesucht...und noch vieles mehr!« von Gerd Thomas
#52: Schiedsrichter: Mehr Respekt durch "Meet the Ref"? von Tim Frohwein
#51: Nachwuchsfußball: Förderkader gegen Talentabwerbung & Selektionsdruck? von Michael Franke
#50: »Der Platzwart: Eine Kultfigur im Wandel der Zeit« von Michael Franke
#49: Nachhaltigkeit: »Es geht um viel mehr als die vegane Bratwurst!« von Gerd Thomas
#48: Fehler im System? »Von Krusten und Kumpanen« von Michael Franke
#47: Nachwuchsfußball: Das große Aussortieren der NLZs von Michael Franke
#46: Übungsleiterpauschale: »Wir müssen das Ehrenamt neu denken!« von Michael Franke
#45: Wahl des DFB-Präsidenten: »Wer hat inhaltlich etwas zu bieten?« von Gerd Thomas
#44: Echter Vertreter der Basis? »DFB muss die Rolle endlich annehmen!« von Ute Groth
#43: „Milliardenspiel Amateurfußball“: Die große Bezahl(un)kultur von Tim Frohwein
#42: Rituale im Fußballverein: »Es lebe die Weihnachtsfeier!« von Tim Frohwein
#41: Bedenklicher Zustand: »Rettet den Jugendfußball!« von Gerd Thomas
#40: Impfung: »Joshua Kimmich und seine fragliche Vorbildrolle« von Michael Franke
#39: Frauenfußball: »Die Mädchen trauen sich was!« von Ute Groth
#38: Wahl des Präsidenten: »Der DFB muss endlich Praktiker einbeziehen!« von Gerd Thomas
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#36: »Selbst Menschen ohne Migrationsgeschichte werden diskriminiert!« von Younis Kamil
#35 Ü-Fußball: »Nennt uns nicht mehr „Alte Herren“!« von Tom Frohwein
#34: DFB: »Es sei denn, wir ändern das System!« von Gerd Thomas
#33: Nachwuchsfußball: »Scouts stehen sich auf den Füßen!« von Michael Franke
#32: Fußball und Diversität: »Deutsche Schiris pfeifen immer gegen Türken!« von Tim Frohwein
#31: DFB und Amateure: »Es braucht eine Graswurzelbewegung!« von Gerd Thomas
#30: DFB-Präsident: »Warum nicht eine Urwahl aller 24.500 Vereine?« von Gerd Thomas
#29: Digitalisierung im Verein: »Manche Apps werden bleiben!« von Tim Frohwein
#28: Datenschutz: »Das muss jeder Amateurverein beachten von Fabian Reinholz
#27: "Generation Corona": »Kontrollierte Öffnung für Jugend-Sport jetzt!« von Gerd Thomas
#26: Türkgücü München: Streitgespräch über einen Verein, der polarisiert von Michael Franke & Tim Frohwein
#25: Pädagogik: »Wird man zum besseren Menschen, wenn man Fußball spielt?« von Younis Kamil
#24: Vereinsstruktur:»Wir wollen unseren Verein strategisch neu entwickeln« von Michael Franke
#23: Berliner Fußball-Verband: »Es geht nicht nur ums Geschlecht!« von Gerd Thomas
#22: Vereinsstruktur: »Wir wollen unseren Verein strategisch neu entwickeln« von Michael Franke
#21: »eSport? Wer Nachwuchs fördern will, sollte sich Teqball-Platte zulegen« von Tim Frohwein
#20: Fußball und Corona: »Was ich vermisse, ist das Einmischen des DFB« von Ute Groth
#19: Rassismus: »Sie riefen „Deck den Weißen“ – das tat mir weh!« von Younis Kamil
#18: Sportpolitik: »Neue Köpfe braucht der Fußball« von Gerd Thomas
#17: Kommunalpolitik: »Willkommen in der Sportstadt "Schilda" München« von Michael Franke
#16: Sportwissenschaft: »Wünsche mir Wissensspeicher für Amateurfußball« von Tim Frohwein
#15 »Die Politik muss das Fußballverbot für Kinder wieder aufheben!« von allen
#14 Sportpolitik: »Amateure, organisiert Euch!« von Gerd Thomas
#13 Sozialverhalten im Kinderfußball: »Mannschaft ist unser Spiegelbild« von Younis Kamil
#12 Gewalt im Fußball: »Wäre schön, wenn die Politik begreift« von Gerd Thomas
#11 »Wer das Hauptamt fördert, fördert auch das Ehrenamt« von Ute Groth
#10 Neue DFL-Taskforce: »Wir Amateure sind denen egal« von Michael Franke
#9 Kinderfußball: »Es sollen wirklich alle spielen!« von Younis Kamil
#8 »Duschen nach dem Spiel ist jetzt gefährlicher als nach dem Training« von Gerd Thomas
#7 Integration: »Flüchtlingsmannschaften machen mich skeptisch« von Michael Franke
#6 Pro Jugendarbeit: »Lieber kauft man ein neues Herrenteam zusammen« von Gerd Thomas
#5 Stellenwert des Amateurfußballs: »Großer Konkurrent ist die Kultur« von Michael Franke
#4 »Der Plan mit dem Neustart ist nicht durchdacht« von Ute Groth
#3 DFB: Gegen das System Pattex von Gerd Thomas
#2 Kindern die Angst nehmen: »Fehler sind etwas Tolles« von Younis Kamil
#1 »Corona hat die Leute vom Fußball entwöhnt« von Michael Franke

Aufrufe: 021.9.2022, 15:15 Uhr
Gerd ThomasAutor