Sportwissenschaft: »Wünsche mir Wissensspeicher für Amateurfußball«
Donnerstag 19.11.20 06:00 Uhr|Autor: Tim Frohwein1.570
Foto: Manuel Geisser (Imagoimages) & hartplatzhelden.de

Sportwissenschaft: »Wünsche mir Wissensspeicher für Amateurfußball«

Der neue HARTPLATZHELDEN-Kolumnist begeistert sich für Forschung über den Breitensport. Auf der Website der DFB-Akademie findet er allerdings nur Studien, die für Profis relevant sind. Von TIM FROHWEIN
In der Hartplatzhelden-Kolumne kommen kreative und kritische Köpfe aus dem Amateurfußball zu Wort, die sich mit den Sorgen und Nöten unseres geliebten Sports befassen, aber auch Ideen für die Zukunft vorstellen. In der 16. Ausgabe erläutert Neu-Kolumnist Tim Frohwein vom FC Dreistern München, Soziologe und Veranstalter von Mikrokosmos Amateurfußball, warum praxisnahe, aufschlussreiche Studien-Ergebnisse zum Amateurfußball unbedingt auf einer zentralen Plattform bereitgestellt werden sollten.


Weil ich selbst zum Amateurfußball forsche und mich für wissenschaftliche Ergebnisse zum Thema begeistere, bin ich bin gespannt, was der DFB mit seiner Akademie auf die Beine stellen wird. Auf ihrer Website stellt er Studien vor und macht sie in leicht verdaulicher Form einem breiten Publikum verständlich. Zum Beispiel die Studie „Keep Your Head Up – Correlation between Visual Exploration Frequency, Passing Percentage and Turnover Rate in Elite Football Midfielders“ aus dem Jahr 2019, die sich mit der Verbesserung der Orientierungsfähigkeit auf dem Fußballplatz auseinandersetzt.

Großer Aufwand für ein nützliches Angebot – wenn man Trainer einer Regionalliga-Mannschaft oder in einem Nachwuchsleistungszentrum ist. Der durchschnittliche Jugendtrainer dagegen würde sich zwar wünschen, seinen Jungs ein solches Wissen zu vermitteln, hat aber in der Realität des Amateurfußballs mit anderen Dingen zu tun: Nur selten kann er in voller Kaderstärke trainieren, oft muss er Unpünktlichkeit monieren, manchmal Dispute zwischen Spielern moderieren. Eine nicht optimal ausgeprägte Orientierungsfähigkeit ist eher ein geringes Problem.


Wie man richtig mit Jugendlichen kommuniziert, sie zu Verantwortungsgefühl erzieht, wie man ihnen Werte auf einen Weg mitgibt, der sie vermutlich nicht auf das Hochplateau des Profifußballs führen wird: das wäre praxisrelevantes Wissen für einen durchschnittlichen Fußballtrainer in Deutschland. Auch dazu gibt es Studien, wie zu anderen Themen des Amateurfußballs. Die aktuelle Ausgabe der Fachzeitschrift „Fußball und Gesellschaft“ hält einige dieser Studien bereit:

  • Die Kriminologin Thaya Vester beschäftigt sich mit der Diskriminierung von Schiedsrichterinnen im Amateurfußball. Mehr als 2000 Unparteiische in Württemberg haben an ihrer Umfrage teilgenommen. Ein interessantes Ergebnis: Von den männlichen Schiedsrichtern gaben knapp zwei Drittel an, in ihrer Tätigkeit als Unparteiischer noch nie diskriminiert worden zu sein – von den weiblichen dagegen nur knapp die Hälfte. Nach wie vor pfeifen – auch das ist ein Ergebnis – nur sehr wenige Frauen Amateurfußballspiele, was an Diskriminierungserfahrungen liegen könnte.

  • Zwei Soziologen setzen sich mit zwei Amateurfußballvereinen in Krisensituationen auseinander, einem deutschen und einem englischen. Bei ihrer Analyse kommen sie zu dem Schluss, dass beide Vereine ihre Krisen bewältigt haben, indem sie die „Metamorphose hin zu einer unternehmerischen Ausrichtung“ durchlaufen haben.

  • Die Sportwissenschaftlerin Cindy Adolph-Börs untersucht in ihrer Studie Vereinsfusionen im Amateurfußball und gibt am Ende Handlungsempfehlungen, wie diese am besten gelingen können. So empfiehlt sie zum Beispiel, dass die Vereine vorab eine Absichtserklärung unterzeichnen, „dass (mindestens) ein Vorstandsmitglied des vermeintlich unterlegenen Vereins im neuen Vorstand tätig sein wird“, oder dass die Beteiligten gemeinsam die Namensfindung durchführen.


Eine Webseite, auf der die Ergebnisse solcher Studien zusammengefasst werden, wäre ein tolles Angebot für die Amateure. Die DFB-Akademie, die sich schon vor ihrer Fertigstellung dem Vorwurf ausgesetzt sieht, ein Eliteprojekt zu sein, könnte auch zum Wissensspeicher für den Breitenfußball werden. Auf Anfrage ließ ein DFB-Sprecher allerdings wissen, dass ihm von einem solchen Vorhaben nichts bekannt sei.



Zum Autor:
Tim Frohwein
, Jahrgang 1983, ist Soziologe und setzt sich seit über einem Jahrzehnt wissenschaftlich und journalistisch mit dem Amateurfußball auseinander. Er unterrichtet an der Hochschule München, ist Redaktionsmitglied beim Zeitspiel-Magazin und organisiert die Veranstaltungsreihe Mikrokosmos Amateurfußball. Seit bald zwanzig Jahren kickt er in den Herrenmannschaften des FC Dreistern München.

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Zur Hartplatzhelden-Kolumne:
 Immer mittwochs um 11 Uhr lassen wir kreative und kritische Köpfe aus dem Amateurfußball zu Wort kommen, die sich mit den Sorgen und Nöten unseres geliebten Sports befassen, aber auch Ideen für die Zukunft vorstellen. Mehr dazu.

#15 »Die Politik muss das Fußballverbot für Kinder wieder aufheben!« von allen
#14 Sportpolitik: »Amateure, organisiert Euch!« von Gerd Thomas
#13 Sozialverhalten im Kinderfußball: »Mannschaft ist unser Spiegelbild« von Younis Kamil
#12 Gewalt im Fußball: »Wäre schön, wenn die Politik begreift« von Gerd Thomas
#11 »Wer das Hauptamt fördert, fördert auch das Ehrenamt« von Ute Groth
#10 Neue DFL-Taskforce: »Wir Amateure sind denen egal« von Michael Franke
#9 Kinderfußball: »Es sollen wirklich alle spielen!« von Younis Kamil
#8 »Duschen nach dem Spiel ist jetzt gefährlicher als nach dem Training« von Gerd Thomas
#7 Integration: »Flüchtlingsmannschaften machen mich skeptisch« von Michael Franke 
#6 Pro Jugendarbeit: »Lieber kauft man ein neues Herrenteam zusammen« von Gerd Thomas
#5 Stellenwert des Amateurfußballs: »Großer Konkurrent ist die Kultur« von Michael Franke
#4 »Der Plan mit dem Neustart ist nicht durchdacht« von Ute Groth
#3 DFB: Gegen das System Pattex von Gerd Thomas
#2 Kindern die Angst nehmen: »Fehler sind etwas Tolles« von Younis Kamil
#1 »Corona hat die Leute vom Fußball entwöhnt« von Michael Franke


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Tabelle
1. Aschaffenb. 2524 50
2. Nürnberg II 2529 49
3. SpV Bayreuth 2525 49
4. Schweinfurt 2319 44
5. Aubstadt (Auf) 252 39
6. Eichstätt 2614 37
7. Gr. Fürth II 26-2 36
8. Buchbach 253 35
9. FC Augsburg II 259 34
10. SV Wacker 251 33
11. Schalding 24-11 32
12. Illertissen 25-14 31
13. TSV Rain (Auf) 25-15 30
14. Heimstetten 25-10 26
15. 1860 Rosenh. 25-31 21
16. FC Memmingen 22-12 20
17. VfR Garching 20-31 13
18. Türkgücü Mün o.W. (Auf) 00 0
Die vier Erstplatzierten spielen eine Aufstiegs-Playoffrunde um die Relegationsteilnahme, die dann gegen den Meister der Regionalliga Nord ausgetragen wird.

Tordifferenz zählt bei Punktgleichheit.
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