– Foto: IMAGO / Hanno Bode & Action Plus

Das Messi-Syndrom

Buchstabenliga – Geschichten aus dem Amateurfußball #2 - von Tim Frohwein

Hartplatzhelden-Kolumnist Tim Frohwein erzählt an dieser Stelle in unregelmäßigen Abständen erlebte und überlieferte (und manchmal auch völlig frei erfundene) Geschichten aus dem Amateurfußball. Das Sportliche steht dabei nicht immer im Mittelpunkt – denn Amateurfußball ist eben auch Fäulnis in der Kabine, "Flossen" im Vereinsheim und Fails in den Sozialen Medien!

Jako war mittlerweile 38 und immer noch schwer überzeugt von seiner fußballerischen Klasse, die er nach objektiven Kriterien nie besessen hatte. In der Kabine erzählte er den jungen Spielern gerne, dass er in seinen frühen Zwanzigern mit seinem Speed-Tracker eine Spitzengeschwindigkeit von 32 km/h bei sich gemessen hätte. Die Teamkollegen nickten und schwiegen, daran zweifelnd, dass jemand in der Prä-iPhone-Ära, schon seine eigene Geschwindigkeit mit einem technischen Hilfsmittel festgestellt hat.

Auf dem Platz sagte Jako Sätze wie „Früher habe ich solche Dinger gemacht!“, wenn er den Ball drei Meter vor dem Tor körperspannungslos über den Querbalken geschwurbelt hatte. Manchmal versuchte er es mit einem Fernschuss, wobei er diesen Versuch mit einer eigenwilligen Ausholbewegung mit dem Arm ankündigte – ein deutliches Signal an den Torwart, mit welcher Art Schuss er zu rechnen haben würde.

Einige von Jakos Mitspielern hielten es irgendwann nicht mehr aus. Man müsse ihm in einem ernsten Gespräch doch mal sagen, dass er sich selbst als Fußballer völlig falsch wahrnehme. Andere stellten die These auf, dass ein Gespräch hier nicht ausreiche, sondern eine Therapie durch eine ausgebildete Fachkraft vonnöten sei – jemanden, der am Jerusalem-Syndrom leide und überzeugt davon sei, eine biblische Figur zu sein, hole man schließlich auch nicht mit einem ernsten Gespräch wieder zurück in die Realität.

Symbolbild Teambesprechung
Symbolbild Teambesprechung – Foto: IMAGO / foto2press


Eines Tages war es dann soweit: Nach einem erneut schwachen Spiel von Jako, in dem er zudem lautstark seine Mitspieler für eigene Fehler verantwortlich gemacht hatte, stellte ihn der Trainer vor der versammelten Mannschaft bloß. „Junge, du warst nie ein guter Fußballer und du wirst es auch nie sein! Das, was du da auf dem Platz machst, hat nicht mal C-Klassen-Niveau!“, schrie er Jako an. Tief gekränkt verließ Jako unter den Augen seiner ihn durchaus bemitleidenden Teamkameraden die Kabine. An der Anlage sah man ihn nicht mehr – bis zu dem Tag, als der Trainer sein Amt niederlegte.

Zur ersten Einheit mit dem neuen Coach stand Jako dann wieder da: frisch rasiert, in einem Barca-Trikot mit der Nummer 10 auf dem Rücken. Er habe die Zeit genutzt, um zu trainieren, sein Fitness-Tracker bescheinige ihm eine Top-Kondition, teilte er seinen Mitspielern mit. Und seine Jungs klopften ihm auf die Schulter, aufrichtig anerkennend.

– Foto: IMAGO / ZUMA Wire

Zum Autor:
Tim Frohwein, Jahrgang 1983, ist Soziologe und setzt sich seit über einem Jahrzehnt wissenschaftlich und journalistisch mit dem Amateurfußball auseinander. Er unterrichtet an der Hochschule München, ist Redaktionsmitglied beim Zeitspiel-Magazin und organisiert die Veranstaltungsreihe Mikrokosmos Amateurfußball. Seit bald zwanzig Jahren kickt er in den Herrenmannschaften des FC Dreistern München.

Aufrufe: 014.9.2022, 16:30 Uhr
Tim FrohweinAutor

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