2026-01-20T07:14:11.657Z

Kommentar
– Foto: IMAGO / Norbert Schmidt

Ü-Fußball: »Nennt uns nicht mehr „Alte Herren“!«

Hartplatzhelden-Kolumne #35: Wir leben in der Epoche des Umbenennens. Warum aber heißen wir immer noch „Alte Herren"? Als Spielertrainer einer Ü32-Mannschaft habe ich damit wirklich ein Problem. Von TIM FROHWEIN

In der Hartplatzhelden-Kolumne kommen kreative und kritische Köpfe aus dem Amateurfußball zu Wort, die sich mit den Sorgen und Nöten unseres geliebten Sports befassen, aber auch Ideen für die Zukunft vorstellen. In der 35. Ausgabe erklärt unser Autor, warum der Begriff „Alte Herren“ künftig nicht mehr verwendet werden sollte.

Mein kleiner Bruder wird im nächsten Jahr 32. Damit hat er im Amateurfußball die Rentengrenze erreicht. Zumindest in Bayern ist er ab dem Kalenderjahr, in dem er seinen 32. Geburtstag feiert, für die „Alten Herren“ spielberechtigt. Als ich ihn kürzlich über diesen Umstand informierte, konnte ich förmlich sehen, wie das Leuchten in seinen Augen schwächer und der graue Star stärker wurde.


Wir leben in der Epoche des Umbenennens. Die Hauptschule heißt heute Mittelschule, das Zigeuner-Schnitzel steht inzwischen als „Schnitzel nach Balkan-Art“ auf der Karte. Warum aber werden Amateurkicker in ihren besten oder zumindest noch ziemlich guten Jahren eigentlich nach wie vor „Alte Herren“ genannt? Als Spielertrainer einer Ü32-Mannschaft habe ich damit wirklich ein Problem. Fast alle meiner Mitspieler sind fit – von „Wampe statt Wadeln“ keine Spur! Einzig ihre Lebenssituation weist sie als Angehörige einer erwachseneren Gruppe aus: Die meisten haben Kinder; Ausbildung oder Studium liegen weit zurück. Vor allem deshalb ist für sie das Kicken in der „Münchner Seniorenrunde“ – nicht zu verwechseln mit der Münchner Seniorenbörse, einer Begegnungsstätte für Menschen ab 55 – so attraktiv: Die Spiele finden ausschließlich unter der Woche am Abend und außerhalb der Ferien statt, was mit Familien- und Berufsleben gut vereinbar ist.

Der Altherren-Fußball braucht ein „Rebranding“, aktuell gebräuchliche Bezeichnungen und Image werden der Realität dieses Sports einfach nicht gerecht. Vielleicht würden Fußballvereine in Deutschland, die den seit Jahren belegten Nachwuchsrückgang immer stärker zu spüren bekommen, dann der Ü30-Zielgruppe auch mehr Aufmerksamkeit schenken. Denn bedenkt man den demografischen Wandel, das gesteigerte Gesundheitsbewusstsein der Gesellschaft und das zunehmende Verschwinden harter, körperlicher Arbeit aus der Berufswelt, steckt im Ü-Bereich für die Vereine ein enormes
Potenzial.

Mit Angeboten für Ältere könnten die Vereine darüber hinaus nicht nur zahlende, sondern auch engagierte Mitglieder gewinnen. Die Spieler bringen oft die richtigen Voraussetzungen mit, um irgendwann auf die Funktionärsseite zu wechseln. Oder sie steigen als Jugendtrainer ein und bringen den eigenen Nachwuchs gleich mit.

Einen weiteren Punkt hat mir Helmut Wagner, einer der Pioniere des organisierten AH-Fußballs in Deutschland und Betreiber der Website www.ah-fussballportal.de, kürzlich in einem Gespräch mitgegeben: „Bei den Ü-Mannschaften stehen der Spaß am Sport und die Geselligkeit viel stärker im Mittelpunkt. Außerdem läuft dort kein Spieler mehr dem Geld hinterher, so wie es leider in so vielen Amateurligen im Herrenbereich mittlerweile der Fall ist.“

Altherren-Fußball ist vielerorts ehrlicher und ehrgeiziger Sport – jetzt müssen wir nur einen Namen finden, damit auch Leute wie mein Bruder Lust bekommen, dort zu spielen! Vorschläge bitte ins per Kommentar unter den Beitrag auf Instagram oder auf Facebook.

Zum Autor:
Tim Frohwein, Jahrgang 1983, ist Soziologe und setzt sich seit über einem Jahrzehnt wissenschaftlich und journalistisch mit dem Amateurfußball auseinander. Er unterrichtet an der Hochschule München, ist Redaktionsmitglied beim Zeitspiel-Magazin und organisiert die Veranstaltungsreihe Mikrokosmos Amateurfußball. Seit bald zwanzig Jahren kickt er in den Herrenmannschaften des FC Dreistern München.

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Über die Hartplatzhelden-Kolumne:
In regelmäßigen Abständen lassen wir kreative und kritische Köpfe aus dem Amateurfußball zu Wort kommen, die sich mit den Sorgen und Nöten unseres geliebten Sports befassen, aber auch Ideen für die Zukunft vorstellen.

#34: DFB: »Es sei denn, wir ändern das System!« von Gerd Thomas
#33: Nachwuchsfußball: »Scouts stehen sich auf den Füßen!« von Michael Franke
#32: Fußball und Diversität: »Deutsche Schiris pfeifen immer gegen Türken!« von Tim Frohwein
#31: DFB und Amateure: »Es braucht eine Graswurzelbewegung!« von Gerd Thomas
#30: DFB-Präsident: »Warum nicht eine Urwahl aller 24.500 Vereine?« von Gerd Thomas
#29: Digitalisierung im Verein: »Manche Apps werden bleiben!« von Tim Frohwein
#28: Datenschutz: »Das muss jeder Amateurverein beachten von Fabian Reinholz
#27: "Generation Corona": »Kontrollierte Öffnung für Jugend-Sport jetzt!« von Gerd Thomas
#26: Türkgücü München: Streitgespräch über einen Verein, der polarisiert von Michael Franke & Tim Frohwein
#25: Pädagogik: »Wird man zum besseren Menschen, wenn man Fußball spielt?« von Younis Kamil
#24: Vereinsstruktur:»Wir wollen unseren Verein strategisch neu entwickeln« von Michael Franke
#23: Berliner Fußball-Verband: »Es geht nicht nur ums Geschlecht!« von Gerd Thomas
#22: Vereinsstruktur: »Wir wollen unseren Verein strategisch neu entwickeln« von Michael Franke
#21: »eSport? Wer Nachwuchs fördern will, sollte sich Teqball-Platte zulegen« von Tim Frohwein
#20: Fußball und Corona: »Was ich vermisse, ist das Einmischen des DFB« von Ute Groth
#19: Rassismus: »Sie riefen „Deck den Weißen“ – das tat mir weh!« von Younis Kamil
#18: Sportpolitik: »Neue Köpfe braucht der Fußball« von Gerd Thomas
#17: Kommunalpolitik: »Willkommen in der Sportstadt "Schilda" München« von Michael Franke
#16: Sportwissenschaft: »Wünsche mir Wissensspeicher für Amateurfußball« von Tim Frohwein
#15 »Die Politik muss das Fußballverbot für Kinder wieder aufheben!« von allen
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#13 Sozialverhalten im Kinderfußball: »Mannschaft ist unser Spiegelbild« von Younis Kamil
#12 Gewalt im Fußball: »Wäre schön, wenn die Politik begreift« von Gerd Thomas
#11 »Wer das Hauptamt fördert, fördert auch das Ehrenamt« von Ute Groth
#10 Neue DFL-Taskforce: »Wir Amateure sind denen egal« von Michael Franke
#9 Kinderfußball: »Es sollen wirklich alle spielen!« von Younis Kamil
#8 »Duschen nach dem Spiel ist jetzt gefährlicher als nach dem Training« von Gerd Thomas
#7 Integration: »Flüchtlingsmannschaften machen mich skeptisch« von Michael Franke
#6 Pro Jugendarbeit: »Lieber kauft man ein neues Herrenteam zusammen« von Gerd Thomas
#5 Stellenwert des Amateurfußballs: »Großer Konkurrent ist die Kultur« von Michael Franke
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#3 DFB: Gegen das System Pattex von Gerd Thomas
#2 Kindern die Angst nehmen: »Fehler sind etwas Tolles« von Younis Kamil
#1 »Corona hat die Leute vom Fußball entwöhnt« von Michael Franke

Aufrufe: 023.9.2021, 14:00 Uhr
Tim FrohweinAutor