Heimatverein oder FCB-Campus: Was ist besser für Kids U14?
Heimatverein oder FCB-Campus: Was ist besser für Kids U14? – Foto: IMAGO / ActionPictures

Nachwuchsfußball: Förderkader gegen Talentabwerbung & Selektionsdruck?

Hartplatzhelden-Kolumne #51: Es ist nicht gut, wenn Kinder in zu jungem Alter zu einem großen Verein wechseln. Der FC Bayern reagiert nun und gründet Förderkader. Das ist gut, aber alle Probleme lösen sie nicht. Von MICHAEL FRANKE

In der Hartplatzhelden-Kolumne kommen kreative und kritische Köpfe aus dem Amateurfußball zu Wort, die sich mit den Sorgen und Nöten unseres geliebten Sports befassen, aber auch Ideen für die Zukunft vorstellen. In der 51. Ausgabe beleuchtet Michael Franke, seit 2003 erster Vorsitzender der FT München-Gern, das Für und Wider sogenannter Förderkader für die Talentförderung.

Die Probleme des Scoutings und viel zu früher Vereinswechsel habe ich an dieser Stelle schon diskutiert. Studien zeigen, dass vor allem bei Kindern unter 14 keine seriöse Einschätzung des Entwicklungspotentials möglich ist. Ein großer Teil ausselektierter Kinder leidet letztlich unter klinisch nachweisbaren psychischen Problemen.

Der FC Bayern zieht nun aus den Erkenntnissen erste Konsequenzen. Er bildet Förderkader. Das bedeutet, dass der FC Bayern zukünftig keine Mannschaften der Altersstufen U7 bis U10 mehr haben wird. Spielerinnen dieser Altersstufen werden zwar gescoutet und in den Förderkader eingeladen. Dies bedeutet aber, dass sie weiterhin bei ihrem Heimatverein trainieren und spielen sowie zusätzlich ein Training pro Woche im regionalen Förderkader des FC Bayern absolvieren. Damit erhoffen sich die Verantwortlichen des FC Bayern einen frühen Zugriff auf Talente der Region, ohne jedoch die negativen Nebeneffekte zu erzeugen.

Der Umstand, dass dann keine Spiele mehr im Trikot des FC Bayern erfolgen, führt dazu, dass der Erfolgsdruck für den Verein entfällt. Dafür kann mehr Energie in die Entwicklung der Spieler gesteckt werden. Und es könnten auch talentierte retardierte Spielerinnen Berücksichtigung finden. Zudem garantiert der FC Bayern eine Mindestverweildauer im Förderkader von sechs Monaten.

Also alles super, oder? Ich versuche mal die positiven, aber auch die kritischen Aspekte dieses Konzepts herauszuarbeiten:

Pro 👍🏼

  1. SpielerInnen bleiben bis einschließlich der U10 im Stammverein. Das bedeutet, dass die Wahrscheinlichkeit, dass der Spieler im Fall der negativen Selektion den Heimatverein verlässt, vermutlich deutlich sinkt.
  2. Negative Effekte des frühen Wechsels, wie beispielsweise lange Fahrtwege, der Verlust sozialer Kontakte, massiver Erfolgsdruck in Spielen entfallen bis zur U11.
  3. SpielerInnen profitieren von einem qualifizierten Zusatztraining.

Contra 👎🏻

  1. Der Selektionsdruck bleibt grundsätzlich erhalten, da der Förderkader die Vorstufe zur U11 darstellt. Die garantierte Mindestverweildauer von sechs Monaten erscheint kurz. Ob man Talent in diesem Alter erkennen kann, sehr umstritten.
  2. Die zusätzliche Trainingseinheit wochentags erschwert sonstige sportliche Aktivitäten.
  3. Das Kontaktkonzept "Trainer –>Eltern/Spieler –> Verein" überzeugt nicht. Die offene Aufklärung der Eltern über Chancen und Wahrscheinlichkeiten erfolgt zu spät. Die Reihenfolge "Verein –> Trainer –> Eltern/Spieler" wäre wünschenswert.
  4. Beim Vereinswechsel in der U11 bleibt der Stammverein bei etwaigen späteren Transferbeteiligungen ausgeschlossen. Dazu müsste der Wechsel erst in der U12 erfolgen. Hier wäre der DFB gefordert nachzubessern, da in der U12 die Stützpunkttrainings starten.

Fazit: Das Konzept Förderkader des FC Bayern ist ein Schritt in die richtige Richtung, aber nicht mehr. Viele der negativen Effekte des Kleinfeldscoutings werden unterbunden oder zumindest gemildert. Dennoch bleiben Probleme, die es vor einer Entscheidung für oder gegen den Förderkader zu bedenken gilt.

Über den Autor:
Michael Franke ist seit 2003 erster Vorsitzender der FT München-Gern, dem Heimatverein von Philipp Lahm. Aktiver Spieler war er von 1974 bis 2007, Jugendtrainer von 2003 bis 2017, zwischenzeitlich Schriftführer. Im Jahr 2018 hat er die Interessengemeinschaft Sport in München mitgegründet, die sich zum Ziel gesetzt hat, den Breitensport zu fördern.

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Über die Hartplatzhelden-Kolumne:
In regelmäßigen Abständen lassen wir kreative und kritische Köpfe aus dem Amateurfußball zu Wort kommen, die sich mit den Sorgen und Nöten unseres geliebten Sports befassen, aber auch Ideen für die Zukunft vorstellen.

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#49: Nachhaltigkeit: »Es geht um viel mehr als die vegane Bratwurst!« von Gerd Thomas
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#45: Wahl des DFB-Präsidenten: »Wer hat inhaltlich etwas zu bieten?« von Gerd Thomas
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#42: Rituale im Fußballverein: »Es lebe die Weihnachtsfeier!« von Tim Frohwein
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#35 Ü-Fußball: »Nennt uns nicht mehr „Alte Herren“!« von Tom Frohwein
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#17: Kommunalpolitik: »Willkommen in der Sportstadt "Schilda" München« von Michael Franke
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#10 Neue DFL-Taskforce: »Wir Amateure sind denen egal« von Michael Franke
#9 Kinderfußball: »Es sollen wirklich alle spielen!« von Younis Kamil
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#6 Pro Jugendarbeit: »Lieber kauft man ein neues Herrenteam zusammen« von Gerd Thomas
#5 Stellenwert des Amateurfußballs: »Großer Konkurrent ist die Kultur« von Michael Franke
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#3 DFB: Gegen das System Pattex von Gerd Thomas
#2 Kindern die Angst nehmen: »Fehler sind etwas Tolles« von Younis Kamil
#1 »Corona hat die Leute vom Fußball entwöhnt« von Michael Franke

Aufrufe: 022.6.2022, 13:00 Uhr
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