2026-01-14T07:55:46.445Z

Kommentar
– Foto: IMAGO / Panthermedia

Frauenfußball: »Die Mädchen trauen sich was!«

Hartplatzhelden-Kolumne #39: Die Mitgliederzahlen im deutschen Mädchenfußball sinken. Bei uns im Verein steigen sie, denn wir nehmen die Sache ernst. Von UTE GROTH

In der Hartplatzhelden-Kolumne kommen kreative und kritische Köpfe aus dem Amateurfußball zu Wort, die sich mit den Sorgen und Nöten unseres geliebten Sports befassen, aber auch Ideen für die Zukunft vorstellen. In der 39. Ausgabe erläutert Ute Groth, 1. Vorsitzende der DJK TuSA 06 Düsseldorf, warum in ihrem Verein entgegen dem aktuellen Trend der Mädchen- und Frauenfußball einen so hohen Stellenwert hat.

Das Telefon klingelt. Am anderen Ende der Leitung eine junge Stimme. „Ist da TUSA 06? Ich habe gelesen, dass Sie Fußballmannschaften für Mädchen haben. Gibt es auch eine U13?” Am nächsten Tag steht das Mädchen, wir nennen sie Leonie, in Trainingskleidung, voller Erwartung im Vereinsheim und freut sich auf die erste Einheit bei uns.

Leonie hatte in einem anderen Düsseldorfer Verein Fußball gespielt, in einer gemischten Mannschaft. Das gefiel ihr nicht mehr. Auf unserer Website hat sie die Infos zu unserem Leistungszentrum für Mädchen- und Frauenfußball gefunden. Das hat ihr gefallen. Wie sie den weiten Weg, etwa 20 Kilometer, aus dem nördlichen Düsseldorfer Stadtteil nach Flehe im Süden zurücklegen kann, wusste sie schon bei unserem Telefonat.

Das Beispiel zeigt zweierlei: Die Mädchen von heute sind aufgeklärt, sie machen sich im Internet schlau. Und wir haben Zulauf, denn Leonie war nicht die einzige Anruferin, die nach Probetrainings fragt.

– Foto: IMAGO / MASKOT

Wir liegen nicht im Trend, die Mitgliedererhebungen bundesweit ergeben: Die Zahlen bei den Mädchen gehen zurzeit zurück. Doch unsere Fußballabteilung wächst, trotz Corona, und daran haben die Mädchen und Frauen einen großen Anteil.

Die TUSA hat Anfang der Neunziger eine Frauenmannschaft gegründet. Das wurde im Jubiläumsheft verschwiegen. Die erste Erwähnung gibt es für 1998, da wurde die FB Damen neu formiert. Die Zahlen (Quelle: LSB NRW) für 1998: 18 weibliche Mitglieder. 2008 zählen wir 67, 2018 sind es 95 und 2021 sind 179 Fußballerinnen auf unserer Sportanlage aktiv. Macht ein jährliches durchschnittliches Wachstum von rund 45 Prozent.

Die Durchsetzung von gleichberechtigtem Fußball für weibliche und männliche Sportler bei den eigenen Vereinsmitgliedern war durchaus schwierig. Wie oft konnte ich in den letzten Jahren „Das haben wir noch nie so gemacht” hören, wenn es darum ging, die Trainingszeiten einzuteilen, ohne die Sportlerinnen in Randzeiten zu drängen – oder auch dem Trainer der weiblichen 1. Mannschaft eine Übungsleiterpauschale auszuzahlen? Da mussten viele Bretter gebohrt werden.

Doch es hat sich gelohnt. Die Gründung des Mädchen- und Frauenleistungszentrums 2018 hat das Projekt noch einmal beflügelt. Bei uns kommt den Spielerinnen die Hauptrolle zu. Wir ermöglichen ihnen Premiumtrainingszeiten bei ausgebildeten Übungsleitern (A-Lizenz, DFB-Elite-Lizenz). Die Spielerinnen kommen aus einem Umkreis von 50 Kilometern zu uns. Wir trainieren auch Mädchen, die Clubs wie Borussia Mönchengladbach, Bayer 04 Leverkusen, 1. FC Köln oder MSV Duisburg verlassen haben. Ein bekannter Name, ein berühmtes Wappen heißt übrigens nicht, dass die Mädchen im angegliederten NLZ trainieren können. Das ist, kaum einer weiß es, den männlichen Fußballern vorbehalten. Das Training der Mädchen findet auf den Nebenplätzen statt und wenn im Winter die Plätze unbespielbar sind, sind sie die ersten, die wieder nach Hause fahren müssen.

Neben dem Leistungsbereich sorgen wir bei der TUSA auch in der Breite dafür, dass der Frauen- und Mädchenfußball Zuwachs erhält. Wir kooperieren mit diversen Schulen, Kitas, stellen als einziger Verein weit und breit komplette Mädchen-Bambini-Mannschaften auf. 2019 haben wir den Grundschulcup für Mädchenfußball ins Leben gerufen. Bis dato haben Mädchen in gemischten Mannschaften an dem Cup teilnehmen können, wurden aber in den entscheidenden Spielen immer auf die Auswechselbank gesetzt.

Mit der Ausbildung unserer Fußballerinnen sorgen wir für Nachhaltigkeit. 2020 wurden vier TUSA-Spielerinnen im Alter von 13 bis 14 an der Sportschule Wedau in Duisburg vom Fußballverband Niederrhein per Sondergenehmigung zu Junior Coaches ausgebildet. Die vier waren die bis dato jüngsten Teilnehmerinnen eines offiziellen Trainerlehrgangs (Mindestalter normalerweise: 15 Jahre). Und damit sie ihre Trainerscheine nicht umsonst gemacht haben, wurden sie als Co-Trainerinnen umgehend in den Trainingsbetrieb unserer U7 und U9-Juniorinnen einbezogen.

Diese Entwicklung mitzugestalten macht Spaß. So viele neue Gesichter auf dem Sportplatz, so viel Elan und positive Stimmung. Was wir uns jetzt noch wünschen? In der Presse darf unsere 1. Damenmannschaft gerne erwähnt werden. Sie spielt in der Niederrheinliga. Das ist die höchste Frauenklasse in Düsseldorf, aber leider keine Zeile wert.

Protokoll: Oliver Fritsch

Zur Autorin:
Ute Groth, Jahrgang 1959, ist seit 2007 die Vorsitzende der DJK TuSA 06 Düsseldorf, einem Verein, der sich dem Breitensport verschrieben hat. 2019 wollte sie sich zur ersten DFB-Präsidentin wählen lassen, wurde aber zur Kandidatur nicht zugelassen. Ihr Verein, einer der mitgliederstärksten im Rheinland, ist Teil der DJK, dem katholischen Sportverband Deutschlands.

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Über die Hartplatzhelden-Kolumne:
In regelmäßigen Abständen lassen wir kreative und kritische Köpfe aus dem Amateurfußball zu Wort kommen, die sich mit den Sorgen und Nöten unseres geliebten Sports befassen, aber auch Ideen für die Zukunft vorstellen.

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#37: Endlich "oben"? »Nach dem Aufstieg kommen die Niederlagen!« von Michael Franke
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#34: DFB: »Es sei denn, wir ändern das System!« von Gerd Thomas
#33: Nachwuchsfußball: »Scouts stehen sich auf den Füßen!« von Michael Franke
#32: Fußball und Diversität: »Deutsche Schiris pfeifen immer gegen Türken!« von Tim Frohwein
#31: DFB und Amateure: »Es braucht eine Graswurzelbewegung!« von Gerd Thomas
#30: DFB-Präsident: »Warum nicht eine Urwahl aller 24.500 Vereine?« von Gerd Thomas
#29: Digitalisierung im Verein: »Manche Apps werden bleiben!« von Tim Frohwein
#28: Datenschutz: »Das muss jeder Amateurverein beachten von Fabian Reinholz
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Aufrufe: 022.10.2021, 16:15 Uhr
Ute GrothAutor