
Da sind sie also: die Mädchen, die noch vor einem Jahr mit funkelnden Augen auf dem Platz standen. Trikots voller Grasflecken, Haare zusammengebunden, Lachen beim Aufwärmen. Und dann, irgendwann zwischen 11 und 16, sind sie weg. Erst fehlt eine beim Training, dann zwei, dann die halbe Mannschaft. Welche Ursachen gibt es dafür?
Die Pubertät ist eine Achterbahnfahrt. Der Körper verändert sich, das Selbstbild wackelt, das Umfeld urteilt plötzlich lauter. Plötzlich wird Fußball für manche zum „Jungsding“. Mädchen hören Kommentare wie: „Das ist doch kein richtiger Sport für dich“ oder „Du bist ja die Einzige im Team, die noch spielt.“
Das führt zu ganz viel Unsicherheit: Der eigene Körper ist plötzlich wie ein Fremdkörper, die Vergleiche nerven, das Gefühl, nicht (mehr) dazuzugehören frustriert. Und wenn dann kein Raum da ist, in dem all das einfach als normal angesehen wird und diese Gefühle aufgefangen werden, ist der Schritt zum Ausstieg nicht weit.
Viele Mädchen gehen in dieser Phase verloren, weil Vereine sie nicht gezielt begleiten. Die U15 fällt auseinander, die Trainerin hört auf, Trainingszeiten verschieben sich und, schwupps, ist das Team Geschichte.
Aber genau in dieser Lebensphase brauchen Mädchen den Fußball mehr denn je. Nicht, weil sie alle Profis werden sollen, sondern weil Fußball ihnen Halt gibt. Weil sie dort lernen, was Zusammenhalt bedeutet, wie man mit Rückschlägen umgeht und dass man auch dann stark sein kann, wenn man sich gerade klein fühlt.
Das Problem: Viele Vereine sind auf diese Phase schlicht nicht vorbereitet. Es fehlt an weiblichen Bezugspersonen, an Trainern und Trainerinnen, die sensibel mit dem Thema umgehen, und an Strukturen, die Mädchen wirklich auffangen.
Während Jungs in dieser Altersklasse oft mehrere Teams, Förderangebote und klare Perspektiven haben, sieht es bei den Mädchen anders aus. Zu wenige Mannschaften, zu wenige Anknüpfungspunkte, zu wenig Verständnis.
Was Mädchen jetzt brauchen
Das gilt auch für Eltern und Umfeld. Oft meinen sie es gut, wenn sie sagen: „Mach lieber was anderes, du hast ja jetzt so viel Schule.“ Aber was als Entlastung gedacht ist, nimmt Mädchen etwas, das sie gerade jetzt brauchen: einen sicheren Ort.
Wir bei Mädchen an den Ball erleben das regelmäßig. Viele, die nach einer Pause wiederkommen, sagen denselben Satz: „Ich hab’s so vermisst.“ Und sie meinen nicht nur den Sport, sondern das Gefühl, einfach sie selbst sein zu dürfen – laut, stark, schwitzend, lachend.
Wir müssen die Pubertät im Fußball endlich mitdenken – als Phase, nicht als Endpunkt.
Vereine sollten gezielt Übergänge gestalten, Trainer schulen, Mädchen ermutigen, Verantwortung zu übernehmen. Und wir alle sollten lernen, diese Jahre nicht als Bruch zu sehen, sondern als Brücke.
Denn, ja, vielleicht wird das Trikot mal zu eng oder die Freizeit knapp. Aber wenn Mädchen wissen, dass sie willkommen bleiben – auch mit all ihren Veränderungen – dann kommen sie wieder. Oder sie hören gar nicht erst auf.
Bleibt die Frage: Wie viele Talente verlieren wir, weil niemand rechtzeitig hinschaut?
Wenn wir Mädchen im Fußball halten wollen, müssen wir sie in dieser Phase begleiten – nicht bewerten. Mit Geduld, Offenheit und echtem Interesse.
Denn manchmal liegt zwischen „Ich hör auf“ und „Ich bleib dabei“ nur ein einziger Satz:
„Wir brauchen dich – genau so, wie du bist.“
Über die Kolumne „Mädchen an den Ball“
In der Kolumne schreiben Anna Seliger, Lily Koch und Julia Keller vom bundesweiten Fußballprojekt Mädchen an den Ball im regelmäßigen Wechsel über aktuelle Themen aus dem Frauen- und Mädchenfußball.
Das Projekt „Mädchen an den Ball“ ist ein kostenfreies, regelmäßig stattfindendes Fußballprogramm für Mädchen in München, Augsburg, Bochum, Dortmund, Chemnitz, Düsseldorf und Karlsruhe. Ziel des Projektes ist es, niederschwellige und breitensportbetonte Angebote nur für Mädchen zu schaffen.
Über unsere Autorin
Lily Koch studiert Sportmanagement in München und hat als Werkstudentin bei „Mädchen an den Ball“ angefangen. Mit Lizenz als Junior-Coach leitet sie seit 2023 die Standorte in Moosach und an der Pinakothek. Sie spielt Fußball, so lange sie sich erinnern kann. „Gegenüber von meinem Wohnhaus war ein Fußballverein, da habe ich immer zugeschaut. Und irgendwann mit den Jungs mitgespielt.“
Gerade aus dieser Perspektive findet sie es wichtig, dass Mädchen einen eigenen Raum haben, an dem sie Fußball zu spielen. „So wird Chancengleichheit, Selbstvertrauen und Sichtbarkeit gefördert und Orte geschaffen, in denen sich Mädchen gezielt entwickeln können.“
Denn neben Leidenschaft, Zusammenhalt und Fairness begeistert Lily am Mädchen- beziehungsweise Frauenfußball vor allem das Durchbrechen von Klischees. Teamgeist, Spannung, Emotionen und das gemeinsame Erlebnis auf und neben dem Platz hingegen sind Werte, die sie ganz allgemein mit der Breitensportart verbindet.
Ihre schönste Erinnerung ist die, als „ihre“ Mädchen sich selbst bei strömendem Regen nicht vom Fußballspielen abhalten ließen. „Ein paar Mädchen hatten keine Regenjacke dabei, sie liefen mit den viel zu großen Jacken der Coaches über den Platz. Das war witzig – und total rührend.“ Obwohl Lily in München geboren und aufgewachsen ist, ist ihr Lieblingsverein nicht der große FCB, sondern der 1. FC Köln, ihre Lieblingsspielerin ist Lena Oberdorf, ihr Lieblingsspieler Jonas Hector.
Kolumnen-Archiv
#4: Warum es so schwer ist, Mädchenfußball zu organisieren von Anna Seliger
#3: Kreis- bis Bundesliga: Der "steinige Weg" nach oben im Frauenfußball von Julia Keller
#2: Gleichberechtigung im Verein? Eine Realität mit Hürden von Lily Koch
#1: Mädchen an den Ball! Warum wir über Mädchenfußball sprechen müssen von Anna Seliger