
Ein Mädchenprojekt im Fußball aufzubauen – das klingt zunächst ganz einfach. Ein paar engagierte Trainerinnen und Trainer, ein Ball, ein Rasen, und schon rollen die Bälle. Doch wer jemals versucht hat, für Mädchen eine feste Trainingsgruppe oder gar eine eigene Mannschaft zu etablieren, weiß: Zwischen Idee und Umsetzung liegt oft ein weiter Weg.
Denn Begeisterung allein reicht nicht. Es braucht Orte, Mittel, Unterstützung und ganz viel Beharrlichkeit. Wir wissen das aus Erfahrung. So viel Energie und Freude wir auf dem Platz erleben, so viel Organisation, Netzwerken und Bürokratie steckt hinter den Kulissen.
Platz gesucht. Und nicht gefunden
Ein freier Trainingsplatz ist in vielen Vereinen fast so selten wie ein Tor in der Nachspielzeit. Die Belegung ist dicht, die Zeiten sind knapp, und Mädchenmannschaften stehen in der Priorität oft hinten an. Nicht, weil sie weniger wert wären, sondern weil die Strukturen historisch auf Jungsfußball ausgerichtet sind.
Und dann steht man da: auf einem Platz ohne Licht, mit unebener Fläche und ohne Umkleide. Ein Ort, an dem Motivation schnell an Grenzen stößt.
Fördergelder? Ja, aber …
Natürlich gibt es Förderprogramme, Töpfe, Stiftungen. Theoretisch. Praktisch bedeuten das aber, dass man beständig Anträge schreibt, Nachweise führt und Fristen im Auge haben muss. Wer hauptberuflich arbeitet und abends ehrenamtlich ein Mädchenprojekt stemmt, jongliert irgendwann nicht mehr mit Bällen, sondern mit Bürokratie.
Und Sponsoren? Die gibt es, aber auch Fragezeichen.
Wir haben das Glück, bei Mädchen an den Ball großartige Partner an unserer Seite zu haben. Viele Unternehmen und Institutionen unterstützen uns ganz bewusst, weil Mädchenfußball gerade sichtbar, modern und gesellschaftlich relevant ist. Das ist großartig und zeigt, dass sich etwas bewegt.
Aber diese Unterstützung ist kein Selbstläufer. Die Mittel müssen oftmals jedes Jahr neu verhandelt, beantragt und begründet werden. Die Sponsorensuche bedeutet immer wieder neue Gespräche, neue Unterlagen, neue Energie. Und was passiert, wenn plötzlich ein Teil der Förderung wegbricht, der davor etliche Jahre lang gesichert war und mit dem man fest geplant hat, kann man sich ausmalen.
Und so bleiben trotz aller Begeisterung auch viele Unsicherheiten. Ob die Finanzierung gesichert bleibt. Ob die mediale, gesellschaftliche und politische Aufmerksamkeit bleibt. Und was passiert, wenn nicht.
Langfristige Planung ist im Alltag fast unmöglich.
Was heute läuft, steht nächstes Jahr vielleicht wieder auf der Kippe. Dabei wäre genau das die Zukunftsinvestition, die der Fußball braucht. Mädchenfußball wächst – das sehen wir überall. Nur die Rahmenbedingungen wachsen nicht im gleichen Tempo mit.
Viele Projekte entstehen aus Leidenschaft, nicht aus Etat. Und sie leben davon, dass Menschen sich reinhängen, weil sie überzeugt sind, dass jedes Mädchen ein Recht auf Sport, Teilhabe und Teamgefühl hat.
Was sich ändern muss
Denn das eigentliche Problem ist nicht der Mangel an Ideen. Es ist der Mangel an Raum. Auf dem Platz, im Budget und in den Köpfen.
Wir erleben immer wieder: Wenn ein Angebot erst einmal steht, kommen die Mädchen. Sofort. Voller Energie, Neugier und Spielfreude. Die Nachfrage ist da und sie scheitert selten an der Motivation, sondern wenn, dann fast immer an der Organisation.
Mädchenfußball braucht mehr als guten Willen. Er braucht faire Bedingungen.
Wer will, dass Mädchen kicken, muss ihnen dafür auch Platz machen – im wahrsten Sinne des Wortes. Denn solange Projekte von Engagement leben und nicht von Struktur, bleibt vieles Glückssache.
Denn eigentlich ist es einfach: Wenn Mädchen die Chance bekommen, Fußball zu spielen, nutzen sie sie. Die eigentliche Frage ist, ob wir ihnen diese Chance auch geben.
Über die Kolumne „Mädchen an den Ball“
In der Kolumne schreiben Anna Seliger, Lily Koch und Julia Keller vom bundesweiten Fußballprojekt Mädchen an den Ball im regelmäßigen Wechsel über aktuelle Themen aus dem Frauen- und Mädchenfußball.
Das Projekt „Mädchen an den Ball“ ist ein kostenfreies, regelmäßig stattfindendes Fußballprogramm für Mädchen in München, Augsburg, Bochum, Dortmund, Chemnitz, Düsseldorf und Karlsruhe. Ziel des Projektes ist es, niederschwellige und breitensportbetonte Angebote nur für Mädchen zu schaffen.
Unser Autorin
Anna Seliger ist Bildungsexpertin und Diplom-Sozialpädagogin. Sie ist Gründerin von „Mädchen an den Ball“ und hat das pädagogische Konzept hinter dem Projekt entwickelt. Anna ist schon immer fußballbegeistert, will sich aber auf keinen Verein festlegen „da gibt es viele gute.“ Und auch bei der Frage nach ihrer Lieblingsspielerin findet sie, dass es einfach „viele tolle Fußballfrauen gibt“.
In Oldenburg geboren, lebt und arbeitet Anna schon viele Jahre in München. Im Sinne einer Förderung von Mädchen und Frauen nutzt sie schon immer gerne den Sport, um sich zu ermutigen und zu ermächtigen.
Speziell am Frauenfußball begeistert sie, wie exzellent und präzise sich die Spielerinnen auf dem Platz miteinander abstimmen – und bereits die Mädchen in jungen Jahren zeigen, wie kommunikativ und sozial sie im Spiel agieren.
Weil es jedoch an flächendeckenden Grundlagenangeboten fehlte, gründete Anna „Mädchen an den Ball“, das niedrigschwellig, kostenlos, ohne Zwang und ohne Leistungsdruck den Start in den Breitensport Fußball ermöglicht.
Dabei beeindruckt sie, wie durchsetzungsstark die Mädchen sind und werden: Einmal habe eine Neunjährige einige Jungs, die nur das Training stören wollten, vom Platz gejagt mit den Worten: „Das ist unser Platz, und wenn wir hier grillen!“
Kolumnen-Archiv
#3: Kreis- bis Bundesliga: Der "steinige Weg" nach oben im Frauenfußball von Julia Keller
#2: Gleichberechtigung im Verein? Eine Realität mit Hürden von Lily Koch
#1: Mädchen an den Ball! Warum wir über Mädchenfußball sprechen müssen von Anna Seliger