
Wer an einem Samstagnachmittag über die Fußballplätze dieses Landes streift, sieht eins ganz deutlich: Fußball ist Männersache. Oder? Na ja, noch. Denn zum Glück stimmt das nicht mehr so ganz. Immer mehr Mädchen ziehen sich die Stutzen hoch, schnüren die Schuhe und wollen tatsächlich genau das: kicken! Und doch hat Mädchen- und Frauenfußball, trotz mehr Medienpräsenz der Frauen-Nationalmannschaft und der großen Bundesligavereine wie unserem Partner FC Bayern Frauen in Deutschland immer noch den Status einer Randnotiz. Auch ZDF-Fußballexpertin Kathrin Lehmann kritisiert die Ungleichheit zwischen Mädchen und Jungen: "Es gibt keine Talentgerechtigkeit". Genau das muss sich dringend ändern.
Wir von Mädchen an den Ball wollen mit dieser Kolumne ein wenig dazu beitragen. Sichtbarkeit schaffen, Fragen stellen, Antworten geben – und, ja, manchmal auch ein wenig sticheln. Weil es wirklich nötig ist.
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Während bei den Jungs Fußball ganz klar der Sport Nummer 1 ist, bleibt bei den Mädchen die Zahl der aktiven Spielerinnen noch überschaubar. Knapp 119.000 Mädchen bis 16 Jahre kickten laut aktuellen DFB-Zahlen in der Saison 2024/25 in Deutschland offiziell im Verein. Die Tendenz ist steigend, klar. Aber die Drop-out-Quote ist hoch. Zu viele Mädchen hören in der Pubertät auf. Weil sich Angebote verflüchtigen, weil es im Verein keine reine Mädchenmannschaft gibt, weil „die Mädels ja ruhig bei den Jungs mitspielen können“.
Alles richtig, zumindest theoretisch. Praktisch ist Mädchenfußball mehr als „Macht doch mal mit den Jungs mit.“ Mädchen wollen Vorbilder sehen, sie wollen Trainerinnen, die wissen welche Herausforderungen man als Mädchen im Fußball haben kann und Teams, in denen sie unter sich sein dürfen, ohne blöde Sprüche. Sie wollen ernst genommen werden – vom Verein, vom Verband, von der Gesellschaft.
Genau hier setzen wir an. Unser Projekt Mädchen an den Ball organisiert kostenlose Trainings für Mädchen von 6 bis 16. Ganz ohne Vereinsbindung, ohne Leistungsdruck – einfach kicken, Spaß haben, Selbstvertrauen tanken. Wer will, kann dann natürlich auch in einen Verein wechseln. Und viele tun das! Aber der Türöffner, der ist eben wichtig. Und der sollte so niedrigschwellig wie möglich sein.
Wir arbeiten mit Vereinen zusammen, die verstanden haben, dass Mädchen keine Lückenfüller sind. Sie brauchen Platz auf dem Platz. Trainerinnen und Trainer, die für Mädchenfußball brennen. Zeiten, in denen der Rasen nicht nur den Jungs gehört. Denn die Mädels brauchen diesen Raum für sich, in dem sie einfach ganz sie selbst sein können. Das ist mit das wichtigste Feedback, das wir von unseren Teilnehmerinnen immer wieder bekommen.
Es ist ja nicht so, dass Vereine keinen Bedarf hätten. Überall wird gejammert: „Wir haben keine Nachwuchsspieler mehr, die Jahrgänge werden immer kleiner!“ Ja, das stimmt wohl, an etlichen Orten ist das so. Dabei ignoriert man aber leider allzu oft leichtfertig die Hälfte der Zielgruppe.
Liebe Vereinsvorstände: Mädchen kosten euch kein Geld, sie bringen welches! Fördergelder, neue Mitglieder, engagierte Eltern, zusätzliche Ehrenamtliche – alles schon erlebt. Mädchenfußball stärkt euren Verein. Und wer jetzt denkt: „Naja, aber die sind doch schlechter…“, der möge sich bitte einmal ein U12-Mädchenteam ansehen, das mit Feuereifer, Teamgeist und Technik überrascht, während die Jungs gerade diskutieren, wer den nächsten Freistoß schießen darf.
Wir brauchen mehr Trainerinnen und Trainer, die Mädchen motivieren. Wir brauchen Vorbilder – Frauen, die vorleben, dass Fußball kein Männerclub ist. Wir brauchen Mädchen, die aufhören, sich zu fragen, ob sie „gut genug“ sind. Und wir brauchen Vereine, die begreifen: Wenn Mädchen einmal vom Fußball angefixt sind, bleiben sie oft länger dabei als Jungs.
Fußball für Mädchen ist mehr als nur Sport. Er stärkt Selbstbewusstsein, Zusammenhalt, Fairness. Er schafft Räume, in denen Mädchen sich ausprobieren können. Und er macht unsere Sportplätze ein ganzes Stück vielfältiger und offener.
Deshalb schreiben wir ab jetzt hier regelmäßig über Mädchenfußball. Über Erfolge, Baustellen, Vorurteile und Chancen. Über kleine Heldinnen, engagierte Trainerinnen und Trainer, neue Ideen. Und, ja, auch über die, die es immer noch nicht begriffen haben.
Denn eins ist klar: Mädchen gehören auf den Platz. Ohne Wenn und Aber. Und wenn wir dafür laut sein müssen, sind wir das gern.
Packen wir es also an: Mädchen an den Ball! Und der Rest? Der lernt schon noch, mitzuspielen.
Über die Kolumne „Mädchen an den Ball“
In der Kolumne schreiben Anna Seliger, Lily Koch und Julia Keller vom bundesweiten Fußballprojekt Mädchen an den Ball im regelmäßigen Wechsel über aktuelle Themen aus dem Frauen- und Mädchenfußball.
Das Projekt „Mädchen an den Ball“ ist ein kostenfreies, regelmäßig stattfindendes Fußballprogramm für Mädchen in München, Augsburg, Bochum, Dortmund, Chemnitz, Düsseldorf und Karlsruhe. Ziel des Projektes ist es, niederschwellige und breitensportbetonte Angebote nur für Mädchen zu schaffen.
Über unsere Autorin
Anna Seliger ist Bildungsexpertin und Diplom-Sozialpädagogin. Sie ist Gründerin von „Mädchen an den Ball“ und hat das pädagogische Konzept hinter dem Projekt entwickelt. Anna ist schon immer fußballbegeistert, will sich aber auf keinen Verein festlegen „da gibt es viele gute.“ Und auch bei der Frage nach ihrer Lieblingsspielerin findet sie, dass es einfach „viele tolle Fußballfrauen gibt“.
In Oldenburg geboren, lebt und arbeitet Anna schon viele Jahre in München. Im Sinne einer Förderung von Mädchen und Frauen nutzt sie schon immer gerne den Sport, um sich zu ermutigen und zu ermächtigen.
Speziell am Frauenfußball begeistert sie, wie exzellent und präzise sich die Spielerinnen auf dem Platz miteinander abstimmen – und bereits die Mädchen in jungen Jahren zeigen, wie kommunikativ und sozial sie im Spiel agieren.
Weil es jedoch an flächendeckenden Grundlagenangeboten fehlte, gründete Anna „Mädchen an den Ball“, das niedrigschwellig, kostenlos, ohne Zwang und ohne Leistungsdruck den Start in den Breitensport Fußball ermöglicht.
Dabei beeindruckt sie, wie durchsetzungsstark die Mädchen sind und werden: Einmal habe eine Neunjährige einige Jungs, die nur das Training stören wollten, vom Platz gejagt mit den Worten: „Das ist unser Platz, und wenn wir hier grillen!“
Kolumnen-Archiv
#2: folgt in knapp zwei Wochen
#1: Mädchen an den Ball! Warum wir über Mädchenfußball sprechen müssen von Anna Seliger