Das Khalifa International Stadium ist einer der Spielorte für die WM in Katar, die am Sonntag beginnt.
Das Khalifa International Stadium ist einer der Spielorte für die WM in Katar, die am Sonntag beginnt. – Foto: dpa

Katar 2022: Von Euphorie bis Boykott

Wie Fußballer im Kreis die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar verfolgen +++ Public Viewing in Bad Kreuznach

Region. Noch nie hat ein Turnier die Meinungen der Fußballer in der Region so stark auseinander dividiert, wie bei der bevorstehenden Winter-WM. Doch wie genau gehen die Fußballer im Kreis mit dem umstrittenen Turnier in Katar um? Die Sportredaktion dieser Zeitung ist dieser Frage nachgegangen und hat Aktive sowie Verbands- und Vereinsverantwortliche zu diesem heiklen Thema befragt:

Einig bei der Bewertung der WM sind sich zwei Herren vom Vorstand des Fußballkreises Bad Kreuznach. Sowohl Thomas Dubravsky als auch Werner Ehle werden sich Spiele anschauen, allerdings fehlt auch bei Ihnen die ganz große Emotion. „Durch die teils ungewöhnlichen Anstoßzeiten muss es eh mit der Arbeit passen“, sagt Kreisvorsitzender Dubravsky. Und Ehle fügt an: „Die Vorfreude wie bei anderen Weltmeisterschaften zuvor gibt es bei mir nicht.“

Der Bad Kreuznacher Kreisjugendchef gibt sich pragmatisch: „Natürlich schaue ich die Spiele, vor allem die der deutschen Mannschaft“, sagt Berthold Schick. „Aber sicher nicht mehr so viele wie früher einmal.“ Die Chance, gegen die WM zu oponieren, sei schon längst vergeben. „Ich schaue Fußball, keine Politik.“

Wenn Thorsten Effgen nicht gerade auf dem Fußballplatz steht, ist der Trainer von Eintracht Kreuznach ganz oft an der Tafel oder in der Sporthalle der Crucenia-Realschule Plus zu finden. „Hier ist das kein Thema. Die Fußball-WM steht auf der Agenda ganz unten, da gibt es viel Wichtigeres.“ Auch im Pausenhof unter den Kindern oder im Lehrerzimmer sei keine WM-Stimmung zu spüren. Er persönlich hat natürlich auch eine Meinung zur WM in Katar: „Ich bin ja Fußball-Romantiker, da passt eine WM im Winter so gar nicht in meine Gefühlswelt. Aber ich werde es natürlich nicht boykottieren und mir Spiele anschauen.“ Aber eine Vorfreude, wie man sie im Sommer hat, verspüre ich nicht. „Zumal die Chancen für Deutschland ehrlich betrachtet auch sehr gering sind.“

Im Gegensatz zu vielen anderen spürt Levi Mukamba schon etwas WM-Fieber. „Die WM war für mich immer was Aufregendes“, sagt der Bad Kreuznacher Fußballer. „Mit Freunden und Familie gemeinsam sitzen und Nation gegen Nation spielen zu sehen. Meiner Meinung nach gibt es kein besseres Fußballevent.“ Auch deswegen hat er sich entschlossen, mit Freunden zusammen ein Public Viewing anzubieten. „Die Idee hatten wir schon gegen Ende 2021, und wir waren davon überzeugt, dass für die Stadt Bad Kreuznach zu organisieren.“ Ab 27. November läuft WM-Fußball auf Großbildleinwand im Kursaal. Wohlwissend, dass es viele Leute gibt, die skeptisch sind: „Wir wissen von der aktuellen Situation, jedoch kann man es nicht jedem recht machen“, sagt der Eintracht-Angreifer, der hofft, „dass die Bad Kreuznacher gemeinsam hinter der Nationalmannschaft stehen und das Team trotz aller Umstände unterstützen.“

Als Hardliner in Sachen Weltmeisterschaft kann man Mukambas Teamkollege und Eintracht-Co-Kapitän Sebastian Baumann bezeichnen. „Ich werde komplett auf die WM verzichten und mir nichts davon anschauen“, betont der 28-Jährige. Die Gründe dafür, so der Defensivexperte liegen auf der Hand: „Ich kann das Ganze, was da seit der Vergabe gelaufen ist einfach nicht unterstützen“, macht Baumann klar.

Mitspieler Maik Strunk kann sich einen Boykott dagegen nicht vorstellen: „Ich werde es mir anschauen.“ Wenn man unbedingt hätte ein Zeichen setzen wollen, dann hätte dies viel früher geschehen müssen, erklärt er: „Dann hätte man schon vor der Vergabe etwas dagegen machen müssen.“ Da die Spiele über den kompletten Tag verteilt stattfinden, „kommt man nicht drum herum, es sich auch anzuschauen“, sagt Strunk.

Ähnlich denkt auch Matthias Münch von der SG Guldenbachtal: „Wenn interessante Spiele dabei sind und es die Uhrzeit zulässt, schaue ich mir das auch an. Mehr aber auch nicht“, sagt Münch, der sich sicher ist, dass es „genug Fußballverrückte gibt“, die sich alle Spiele ansehen werden und möglicherweise dafür extra Urlaub genommen haben. „Ich persönlich freue mich aber nicht mehr so sehr auf die WM, wie früher. Das liegt aber nicht nur an Katar, sondern generell daran, dass es viel zu viel um Politik und zu wenig um Fußball geht. Die Euphorie nimmt meiner Meinung nach daher schon seit vielen Jahren ab.“

Für Erstmannschaftstrainer Sascha Witt sind EMs und WMs unabhängig vom Austragungsort „immer ein Highlight“. Die ganzen Diskussionen hält er für nicht angebracht. „Wenn alles so schlimm ist, dann hätte man doch vor zehn oder zwölf Jahren geschlossen dagegen angehen müssen. Jetzt so ein Theater zu machen, drückt nur die Stimmung“, meint der 45-Jährige. Dass die große Euphorie noch nicht so aufgekommen ist, dafür sieht Witt mehrere Gründe: „Ob das jetzt der Jahreszeit geschuldet ist oder den vielen negativen Nachrichten in der Welt, weiß ich nicht.“ Trotz alledem freut sich Witt auf das DFB-Team. „Ich hoffe, dass durch ein gutes Turnier in Deutschland auch wieder etwas entfacht wird“, schließt Witt ein Wintermärchen nicht aus: „Ein bisschen Nationalstolz würde dem ein oder anderen hierzulande auch guttun und eine solche Euphorie kann ja auch andere Themen wieder etwas in den Hintergrund rücken.“

Auch Engin Karadeniz sieht die Thematik entspannt: „Wenn man konsequent ist, dürfte man auch PSG oder die Premier League nicht mehr schauen“, sagt der Trainer des TSV Langenlonsheim. „Ich bin gespannt, auf welche verrückten Ideen die Menschen kommen, die Spiele trotz Kälte gemeinsam zu schauen.“

Mit seinen Kindern vorm TV sitzen wird auch Cihan Ceylan: „Wir sind alle sehr fußballbegeistert und freuen uns auf Spieler wie Bellingham, Pedri oder Musiala.“ Dass die Diskussion um die Vergabe nicht die Letzte gewesen sein wird, da ist sich „Ci“ sicher: „Menschenrechte sollten immer an erster Stelle stehen und eine Vergabe hinreichend geprüft werden. Das Ganze ist generell ein schwieriges Thema und wird auch in Zukunft für Interessenskonflikte sorgen. Hoffen wir, dass die Funktionäre in Zukunft besser entscheiden.“



Aufrufe: 020.11.2022, 05:00 Uhr
Mario Luge und Martin ImruckAutor