
Diese Vorwürfe haben es in sich. In einem offenen Brief prangern mehrere Eltern von Spielern aus dem Hachinger NLZ die dortigen Strukturen an.
Unterhaching – Die SpVgg Unterhaching kämpft nach dem Abstieg aus der 3. Liga an verschiedenen Fronten. Die Mannschaft wurde für die Regionalliga runderneuert. Außerdem will der Klub aus der Münchner Vorstadt weiterhin das Stadion von der Gemeinde kaufen. Seit Donnerstag kommt eine weitere Baustelle dazu. In einem offenen Brief prangern Eltern von Spielern aus dem Hachinger NLZ die dortigen Missstände an.
Nach Informationen von Münchner Merkur, tz und Fussball Vorort/FuPa Oberbayern war insgesamt mindestens acht Eltern bekannt, dass dieser „Brandbrief“ verschickt wird. Diese hegen die Hoffnung, dass sich die Zustände grundlegend verbessern. Einerseits, dass von den vom DFB ausgeschütteten Geldern auch etwas im Jugendbereich ankommt, andrerseits, dass sich der Umgang mit Talenten, die aussortiert werden, ändert.
Die Spielvereinigung hat die Vorwürfe der Eltern zur Kenntnis genommen, die Vorgänge zunächst intern prüfen lassen und eine ausführliche Stellungnahme abgegeben, die unserer Redaktion vorliegt. In dieser zeigte sich die Leitung des NLZ in Person von Thomas Schmeizl, in enger Absprache mit Präsident Manfred Schwabl, sehr einsichtig und betonte: „Uns ist bewusst, dass wir hier Nachholbedarf haben“. (Anm. d. Red.: Die ausführliche Stellungnahme der SpVgg Unterhaching folgt in Kürze.)
Der am Mittwoch verschickte „offene Brief“ im Wortlaut:
Offener Brief an das Präsidium der SpVgg Unterhaching, den DFB und den BFV
Sehr geehrtes Präsidium der SpVgg Unterhaching, Sehr geehrte Damen und Herren,
wir wenden uns als Eltern mehrerer Jugendspieler des Nachwuchsleistungszentrums mit diesem offenen Brief an Sie, da wir dringenden Handlungsbedarf in mehreren Bereichen sehen. Uns verbindet der Wunsch, die Rahmenbedingungen für die Kinder und Jugendlichen in Ihrem NLZ nachhaltig zu verbessern – im Sinne der sportlichen Entwicklung, der Fairness und des verantwortungsvollen Umgangs mit jungen Menschen. Da die SpVgg Unterhaching sonst so für ihre Jugendarbeit gelobt wird und Sie als verantwortlich handelde Personen das auch immer wieder öffentlich betonen, wundern uns ein paar Dinge, die das Selbst- und Fremdbild unterschiedlich erscheinen lassen.
Unzumutbare Infrastruktur an den Trainingsplätzen der Sternstraße
Ein Großteil der Nachwuchsteams trainiert zwischen März und Oktober an den Trainingsplätzen an der Sternstraße (ca. 3,5km entfernt vom Trainingsgelände am Uhlsportpark). Dort fehlen allerdings grundlegende Voraussetzungen für einen geregelten und würdevollen Trainingsbetrieb: Keine Umkleidekabinen, keine Toiletten, keine Duschen. Die jungen Spieler sind gezwungen, sich unter freiem Himmel umzuziehen, ihre Kleidung sowie persönliche Wertgegenstände ungeschützt abzulegen und ohne Möglichkeit der hygienischen Versorgung nach dem Training den Heimweg anzutreten. Dies ist nicht nur organisatorisch untragbar, sondern aus pädagogischer und gesundheitlicher Sicht nicht vertretbar.
Private Finanzierung von Trainingsmaterialien
Darüber hinaus kommt es in mehreren Jugendmannschaften regelmäßig vor, dass Eltern für die Anschaffung von Trainingsmaterialien (z.B. neue Fußbälle) aufkommen müssen. Es ist kaum vermittelbar, dass in einem DFB-anerkannten Leistungszentrum, das allein für die letzten beiden Spielzeiten (23/24 + 24/25) Fördermittel in Höhe von über 1,06 Mio. EUR vom Verband erhalten hat, nicht einmal grundlegendes Trainingsmaterial zentral und dauerhaft bereitgestellt wird. Erst gestern hat die Spvgg Unterhaching sehr prominent und stolz damit geworben, vom DFB über 300.000 EUR für die abgelaufene Saison erhalten zu haben. Diese Praxis wirft Fragen auf, wie mit Fördermitteln und den finanziellen Prioritäten im Nachwuchsbereich umgegangen wird.
Fehlende medizinische Betreuung bei Heimspielen
Besonders bedenklich ist auch die Tatsache, dass bei Heimspielen der Spvgg Unterhaching (auch und insb. der U17- und U19-Bundesligamannschaften) regelmäßig keine qualifizierte medizinische Betreuung anwesend ist. In Spielklassen dieses Niveaus, in denen hochtalentierte Jugendliche unter hoher körperlicher Belastung antreten, muss eine angemessene medizinische Absicherung selbstverständlich sein. Fehlt diese, ist nicht nur die Gesundheit der Spieler gefährdet, sondern es entsteht der Eindruck mangelnder Professionalität und Fürsorge.
Moralischer Umgang mit Jugendlichen bei Kaderentscheidungen
Wir möchten auch auf einen aus unserer Sicht gravierenden moralischen Missstand im Umgang mit Jugendlichen hinweisen, wenn diese das NLZ wieder verlassen müssen. Uns ist bewusst, dass nicht alle Spieler den Sprung in die nächsten Alters- oder Leistungsklassen schaffen – das gehört zum Leistungssport und ist allen Familien, die ihre Kinder in ein NLZ geben, bewusst.
Was jedoch tief enttäuscht, ist die Art und Weise, wie diese Mitteilungen überbracht werden:
Kurzfristig angesetzte Gespräche werden teilweise auf dem Trainingsplatz geführt, ohne geschützten oder wertschätzenden Rahmen. Spieler, die teilweise mehrere Jahre das NLZ durchlaufen haben, erhalten die Nachricht, dass sie in der kommenden Saison nicht mehr vorgesehen sind – ohne eine echte und nachvollziehbare Begründung.
Darüber hinaus möchten wir anmerken, dass die zeitliche Kommunikation von Kaderentscheidungen oft viel zu spät erfolgt. Spieler erhalten teilweise erst sehr kurzfristig vor Saisonende oder gar in der Sommerpause die Nachricht, dass sie nicht mehr berücksichtigt werden. Dies lässt ihnen kaum bis gar keine Möglichkeit, sich rechtzeitig um einen neuen Verein zu bemühen oder sich sinnvoll sportlich neu zu orientieren. Diese Praxis ist nicht nur unfair, sondern auch verantwortungslos im Hinblick auf die Zukunftsplanung der betroffenen Jugendlichen.
Dieser Umgang lässt jedes Gespür für pädagogische Verantwortung, Empathie und Respekt gegenüber der jahrelangen Bindung dieser Jugendlichen an den Verein vermissen. Es entsteht der Eindruck, dass es dem Verein gleichgültig ist, wie eine solch prägende Nachricht bei einem Kind oder jugendlichen Menschen ankommt und was eine solche Nachricht auch langfristig psychisch auslöst.
Unser dringender Appell ist daher:
Wir sind uns der finanziellen und strukturellen Herausforderungen im Jugendfußball bewusst und schätzen das Engagement vieler Trainer und Verantwortlicher in Ihrem Verein. Gerade deshalb sollte es im Interesse aller Beteiligten sein, auf einen Zustand hinzuarbeiten, der den Standards eines modernen Nachwuchsleistungszentrums gerecht wird – im Sinne der Jugendlichen, der Familien, der sportlichen Entwicklung und nicht zuletzt des guten Rufes der SpVgg Unterhaching.
Als Eltern erwarten wir, dass ein Verein, der im Jugendbereich hohe sportliche Ambitionen verfolgt, auch menschlich Maßstäbe setzt. Es geht um Vertrauen, es geht um die Werte, die unserem Nachwuchs vorgelebt wird und die er auch für das Leben mitnehmen soll – egal ob er den Sprung in den Profibereich schafft oder nicht.
Wir fordern Sie eindringlich auf, diese Themen offen und selbstkritisch zu prüfen, zu reflektieren und konkrete Maßnahmen einzuleiten. Die infrastrukturellen Missstände, die fehlende medizinische Absicherung und vor allem der moralisch fragwürdige Umgang mit Spielern, die das NLZ verlassen müssen, sind nicht mit dem Anspruch eines DFB-geförderten Leistungszentrums vereinbar.
Wir hoffen sehr, dass Sie als verantwortliches Präsidium und verantwortliche in den Verbänden aktiv zur Verbesserung der Situation beitragen.
Mit freundlichen Grüßen
Spieler-Eltern des NLZ der Spvgg Unterhaching