In Düsseldorf bleiben viele Bildschirme während der WM schwarz, aber längst nicht alle.
In Düsseldorf bleiben viele Bildschirme während der WM schwarz, aber längst nicht alle. – Foto: Nicole Seidl

Düsseldorf: Breiter Boykott der Fußball-WM

In vielen Düsseldorfer Kneipen wird das Turnier in Katar, das am Sonntag startet, nicht zu sehen sein. Wirte, die die Spiele zeigen wollen, sehen sich zuweilen mit scharfer Kritik konfrontiert.

Einen solch breiten Widerstand gegen eine Sportveranstaltung hat es bislang wohl noch nie gegeben: Zahlreiche Kneipen in Düsseldorf werden die Fußball-Weltmeisterschaft in Katar, die am Sonntag beginnt, nicht zeigen.

Schon vor Monaten hatten sich bekannte Gaststätten positioniert und ihren Boykott verkündet, darunter die Retematäng-Bar auf der Ratinger Straße, das Bilker Häzz und das Kulturzentrum Zakk. Seitdem haben einige Gastronomen nachgezogen, so werden auch in beliebten Anlaufstellen wie dem Stahlwerk in Lierenfeld, dem Vossen in Friedrichstadt und der Kassette in Oberbilk die Bildschirme schwarz bleiben.

Das Team der Kassette etwa verkündete die Entscheidung in den sozialen Medien. Die WM mit ihren „katastrophalen Rahmenbedingungen“ löse keinerlei Vorfreude oder gar Euphorie aus. Viele Gäste würden betonen, dass es ihnen ähnlich gehe. „Unter diesen Umständen gibt es für uns keinen Grund, die Spiele zu zeigen.“ Man wolle sich damit nicht moralisch über diejenigen stellen, die das anders sehen. „Seien es Gastronomien, die das Turnier ausstrahlen, oder WM-Fans, die sich das Turnier anschauen. Es gibt gute Argumente für beide Positionen, und niemand sollte für seine Entscheidung diskreditiert werden.“

Genau das hat aber Christian Dauser erlebt, der die Spiele in seinem Lokal auf dem Carlsplatz zeigen wird. Seinen Entschluss teilte er bei Facebook und bekam mehrere negative Kommentare zurück, wie er berichtet. Dauser spricht sich darum für mehr Toleranz gegenüber Wirten aus, die die Spiele zeigen werden. Aus seiner Sicht hätte die WM nicht nach Katar vergeben werden dürfen – Fans und Gastronomen nun abzustrafen und Sport und Politik zu vermischen, hält er für falsch. Dauser glaubt, dass sich die Stimmung ohnehin noch ändern könnte, nämlich wenn das deutsche Team erfolgreich ist. „Spätestens wenn Deutschland im Halbfinale spielen sollte, sitzen alle wieder vor den Fernsehern.“ Geld verdiene er mit dem Übertragen der Spiele kaum, sagt der Gastronom. Die Personalkosten und die Miete für den Fernseher seien so hoch, dass es vielmehr ein Service für die Gäste sei.

Auch andere Düsseldorfer Wirte sehen das ähnlich und haben sich entschieden, die Weltmeisterschaft trotz der Kritik zu zeigen, etwa das Café Mutts in Pempelfort, das Lott Jonn in Bilk und das Uerige in der Altstadt. „Wir sind in der Gastro tätig, nicht in der Politik“, findet Michael Schnitzler, Geschäftsführer der Hausbrauerei. Zugleich glaubt er nicht an eine große Nachfrage nach der Winter-Weltmeisterschaft.

Aus diesem Grund hat sich auch Isa Fiedler, Sprecherin der Düsseldorfer Altstadtwirte und Inhaberin der Kneipe Knoten, gegen eine Übertragung entschieden. Im Sommer hätte sie die Spiele gezeigt, im Weihnachtsgeschäft nicht. „Das beißt sich“, sagt sie. „In dieser Zeit ist Party gefragt.“ Wenn jedoch alle Besucher auf Bildschirme schauen, trübe das die Stimmung.

Die Jahreszeit sorgt auch dafür, dass die Spiele nicht wie sonst üblich beim großen Public Viewing in der Arena, der Mitsubishi Electric Halle und im Dome zu sehen sein werden. Die Veranstaltungsdichte ist im Herbst und Winter einfach zu hoch, heißt es von der Stadt-Tochter D.Live, die die Hallen betreibt. So läuft beispielsweise in der Arena die Reihe „Winter am Rhein“. Diese hat D.Live bewusst in die Bundesliga-Pause gelegt, um die spielfreie Zeit für Konzerte und Shows zu nutzen.

Auch Fußball an den Glühweinbuden in Stadtmitte wird es nicht geben. Nach langer Überlegung habe man sich dazu entschieden, die Spiele nicht zu zeigen, sagt Oliver Wilmering vom Düsseldorfer Schaustellerverband. Schausteller Oscar Bruch hingegen wird an seiner Eisbahn an der Königsallee auf zwei Großbildschirmen alle Spiele der deutschen Mannschaft und alle Partien ab dem Viertelfinale übertragen. Auch auf den Märkten in Kaiserswerth und Derendorf sollen die Spiele laufen.

Die Bar Kassette in Oberbilk will trotz des Boykotts nicht ganz auf Fußball-Gefühle verzichten, die Begeisterung für das Konzept Weltmeisterschaft sei ungebrochen. Das Team veranstaltet darum ein Quiz zu 100 Jahren WM-Geschichte.

Info: Die ersten Termine der WM in Katar

Start Am Sonntag um 17 Uhr tragen Katar und Ecuador das erste Spiel dieser WM aus.

Deutschland Das erste Spiel der deutschen Mannschaft gegen Japan läuft am Mittwoch, 23. November, um 14 Uhr.

Aufrufe: 019.11.2022, 12:00 Uhr
RP / Verena KensbockAutor