2024-03-01T12:31:23.136Z

Kommentar
In der Bayernliga Süd sind der SV Kirchanschöring (in gelb) und der 1. FC Sonthofen knapp 300 Kilometer voneinander entfernt
In der Bayernliga Süd sind der SV Kirchanschöring (in gelb) und der 1. FC Sonthofen knapp 300 Kilometer voneinander entfernt – Foto: Dieter Latzel

Bayerisches Verbands-Ligenmodell: Eine Diskussion ist erforderlich!

Ist das 2012 eingeführte Liga-System auf Verbandesbene noch wirklich sinnvoll? Ein Kommentar von FuPa-Redakteur Thomas Seidl

Es wäre zu einfach, den Wintereinbruch als Vorlage für eine Grundsatzdiskussion zu verwenden. In manchen Jahren schneit’s bis Mitte Januar nicht, diesmal herrscht Winterchaos am 2. Dezember. Allerdings ist es längst überfällig, das aktuelle Ligenmodell zu hinterfragen. Der sogenannte „Wendelsteiner Anstoß“ bedeutete eine Revolution im bayerischen Amateurfußball. Die Spitzenvereine und die damalige Führung des Bayerischen Fußballverbands brachten es auf den Weg, dass Bayern 2012 eine eigene Regionalliga bekommen hat und die Pyramide unter dieser neu gestaltet wurde. Unter der höchsten Amateurklasse wurden zwei Bayernligen und fünf Landesligen eingeführt. Zur Einordnung: Zuvor gab es die Regionalliga Süd, in der ein paar bayerische Klubs vertreten waren, eine Bayernliga und drei Landesligen. Jeder Bezirk hatte zudem eine eigene Bezirksoberliga.

Elfeinhalb Jahre nach dieser Einführung muss nüchtern betrachtet festgestellt werden, dass sich die Revolution nur bedingt bewährt hat. Die Regionalliga Bayern ist bundesweit nicht unumstritten, sportlich aber durchaus erfolgreich. Die bayerischen Viertligisten setzten sich in den Aufstiegsspielen zur 3.Liga nämlich fast immer durch. In Sachen Zuschauer-Ranking liegt „unsere“ Regionalliga aber meilenweit von den Zahlen der Nordost- oder West-Gruppe entfernt. Für Bayern ist die eigene vierte Liga jedoch eine tolle Sache, deren Einführung sich der langjährige BFV-Präsident Dr. Rainer Koch auf die Fahnen schreiben darf.


Über die Verhältnismäßigkeit der Bayern- und Landesligen lässt sich aber streiten. Wäre es nicht sinnvoller, wieder auf drei Bayernligen zu switchen? Sind in der fünften Liga Fahrten von Kirchanschöring nach Sonthofen mit rund 300 Kilometer einfacher Entfernung wirklich notwendig und noch verhältnismäßig? Hätten geografisch näher zusammenliegende Klassen nicht mehr Attraktivität? Darüber sollte man auf jeden Fall reden.



Noch notwendiger ist die Frage nach der Sinnhaftigkeit der Landesligen in der derzeitigen Zusammensetzung. Landesliga - das hört sich doch richtig gut an. Aber was steckt wirklich hinter dem Sechstliga-Fußball? Für die meisten Klubs ist diese Liga ein finanzieller Drahtseilakt. Für 34 Spieltage braucht man einen großen Kader, bei dem die Spieler in den meisten Fällen - verständlicherweise - entschädigt werden wollen. Absolut nachvollziehbar, denn wenn Amateurfußballer neun bis zehn Monate trainieren und spielen - ist man in Relegation und Pokal vertreten, können in einer Saison auch mal über 40(!) Pflichtspiele zusammenkommen - sollen auch ein paar Euro rausspringen. Zudem sind Reisen von Osterhofen nach Luhe-Wildenau oder von Eggenfelden nach Garmisch-Partenkirchen mit einem hohen zeitlichen und vor allem finanziellen Aufwand verbunden. Wäre es daher nicht angebracht, mal eine ergebnisoffene Diskussion mit den Klubs zu führen? Vielerorts würde man es begrüßen, wenn die Ligen verkleinert und wieder ein Stück weit regionaler werden würden. Ein Beispiel: Bei einer 16er Liga wären in einer Saison vier Spieltage weniger zu bestreiten. Das bedeutet, dass die Vereine zwei Wochen eher in die Winterpause gehen und im Frühjahr zwei Wochen später loslegen könnten. Mal ganz ehrlich: Welcher Zuschauer hat noch Lust, sich Ende November bei Temperaturen um den Nullpunkt ein Amateurfußball-Spiel anzusehen? Das sind dann wirklich nur mehr die „eingefleischten“ Fans oder die Angehörige der Aktiven.

Wenn jeder der sieben Bezirke eine eigene Landesliga mit 16 Vereine hätte, wäre das ein interessanter Ansatz. Das Zuschauer-Interesse würde deshalb nicht total in die Höhe schießen, denn wenn in Niederbayern beispielsweise Schierling gegen Waldkirchen spielt, wird das auch kein „Reißer“-Match sein. Aber wenn Waldkirchen dann vermehrt Duelle gegen Nachbarvereine wie Hutthurm, Hauzenberg oder Passau hätte, wären das dann definitiv mehr „Highlight“-Duelle wie es in der aktuellen Konstellation der Fall ist. Klar ist auch, dass eine Reform gravierende Einschnitte hätte - vor allem auch in den Bezirken und Kreisen. Wie würde es dann beispielsweise unterhalb der Landesliga Oberpfalz oder Schwaben aussehen? Müssten viele aktuelle Bezirksligisten etwa dann in die Kreisligen absteigen? Das sind Szenarien, die man besprechen und für die entsprechende Lösungen ausgearbeitet werden müssten. Für Begeisterung würde das zweifellos nicht überall sorgen! Denn ein Verein nennt sich halt mal lieber Bezirks- als Kreisligist. Verständlich! Aber was ebenfalls in Betracht bezogen werden muss: In jedem Kreis werden die Vereine Jahr für Jahr weniger. Um den Erhalt der Kreise zu garantieren, ist es schon jetzt in manchem dieser so, dass dringend mehr Vereine erforderlich wären. Und daher wäre es vielleicht gar nicht verkehrt, wenn es auf Verbands- und Bezirksebene zu einer Art „Entwässerung“ kommen würde. Fakt ist ohnehin, dass die Landesliga vor ein paar Jahrzehnten noch die vierte Liga war, heute nur mehr die sechste. Die Bezirksliga war zu dieser Zeit noch die fünfthöchste Spielklasse, inzwischen ist es lediglich die siebte Liga.

Eine Austausch zwischen Verband und Vereinen über das Spielklassen-Modell ist also definitiv erlaubt und (eigentlich) auch dringend erforderlich. Zu dem Thema werden wir in den kommenden Tagen auch den einen oder anderen Verbandsvertreter und Vereinsfunktionär befragen.
Aufrufe: 03.12.2023, 13:00 Uhr
Thomas SeidlAutor