2024-07-17T10:40:36.325Z

Ligabericht
Rappelvolle Tribünen wie hier in Otterskirchen, faire Fans und Spieler, tolle Spiele, pure Emotionen: Die Relegation hält bisher, was sie verspricht. Auch, weil die Ausrichter der Partien alles geben.
Rappelvolle Tribünen wie hier in Otterskirchen, faire Fans und Spieler, tolle Spiele, pure Emotionen: Die Relegation hält bisher, was sie verspricht. Auch, weil die Ausrichter der Partien alles geben. – Foto: Karl-Heinz Hönl

»Bange Momente«: Die Macher des Relegations-Wahnsinns

Ein Blick auf die Ausrichter der niederbayerischen Entscheidungs-Spiele, die laut Bezirks-Spielleiter Richard Sedlmaier ein Extralob verdient haben

Die Saisonverlängerung biegt auf die Zielgerade ein. Nur noch wenige, aber dafür umso interessantere Spiele sind noch zu bestreiten. Und bereits jetzt steht fest: Die Relegation der Saison 2022/23 erfüllt nicht nur die Erwartungen, sondern übertrifft sie sogar. Diese Phase der Spielzeit darf also ohne Weiteres als 5. Jahreszeit bezeichnet werden. Grund hierfür sind natürlich die Akteure selbst, die für Szenen sorgen, die lange in Erinnerung bleiben werden. Aber auch die großteils fairen Anhänger tragen ihren Teil dazu bei. Und nicht zuletzt die Ausrichter der Entscheidungspartien, die für einen würdigen Rahmen der Fußball-Feiertage sorgen.

Das Prozedere, überhaupt an die Austragung eines Relegationsspieles zu kommen, wurde zuletzt vereinfacht, wie Bezirksspieleiter Richard Sedlmaier erklärt. Im Kreis Ost haben sich 72 Vereine beworben. Im Kreis West mussten sich lediglich die Clubs melden, die keine Entscheidungsspiel austragen wollten. "So hatten wir eine große Auswahl an Spielorten zur Verfügung, die uns höchste Flexibilität ermöglicht haben." 44 dieser Highlight-Aufeinandertreffen werden am Ende stattgefunden haben (hier geht's zum Überblick). Gezählt werden hier nur die Spiele einschließlich des Rennens um die Bezirksliga.

Und Richard Sedlmaier ist bisher mit den Organisatoren der Begegnungen mehr als zufrieden. Ihm ist es ein Anliegen ("Bitte genauso zitierten"), folgende Worte in diesem Zusammenhang zu verbreiten: "Mein vollster Dank an alle Ausrichter, die sich dermaßen bemühen. Werden acht Ordner verlangt, gibt es mindestens zehn. Der Rasen ist top gepflegt. Jeder gibt alles. So macht es Spaß." Die Freude ist beiderseits auszumachen. Sie ist der verdiente Lohn für harte, harte Arbeit und viele, viele ehrenamtliche Arbeitsstunden. Das wird am Beispiel des SV Perlesreut, des FC Otterskirchen und des FC Dingolfing deutlich.

Am Sonntagabend erfuhr man, dass die Relegation zur Kreisliga zwischen dem FC Schalding und dem SV Riedlhütte am Samstagabend in Perlesreut ausgetragen wird. Von da an war Organisations-Chef Maxi Göttl praktisch im Dauereinsatz. Er kümmerte sich um ausreichend Helfer, er bestellte Getränke, Wurstsemmeln und Grillfleisch, er stellte den Medien entsprechende Plätze (Danke!) zur Verfügung und vieles mehr. Am Ende waren es 58 SVPler, die sich um das leibliche Wohl der 837 Zuschauer sorgten - und auch um deren Sicherheit. Ein körperlicher und mentaler Marathon, gibt es doch - trotz aller Gedankengänge im Vorhinein - immer wieder unerwartete Ereignisse, auf die möglichst schnell reagiert werden muss.

58 SVPler waren in Perlesreut im Einsatz, damit alles reibungslos klappt.
58 SVPler waren in Perlesreut im Einsatz, damit alles reibungslos klappt. – Foto: Karl-Heinz Hönl

Das weiß nun auch Josef Kohlbauer, 1. Vorsitzender des FC Otterskirchen. Auf dessen Hauptplatz fand das Entscheidungsspiel zwischen dem FC Salzweg und dem SV Garham statt. Der Kreisliga-Vize schaffte letztlich den Sprung in die Bezirksliga. Die Feierbilder wird man nicht so schnell vergessen. Und der Otterskirchener-Vereinsboss die Vorgeschichte. "Wir hatten so mit zirka 1000 Zuschauern gerechnet", berichtet er. Als diese Zahl erreicht war, rissen die Schlangen an den Kassen aber immer noch nicht ab. Eigentlich ein absoluter Glücksfall. Aber: "Irgendwann beginnt man zu spekulieren. Das sind die bangen Momente. Reichen die Plätze, die Getränke und das Essen? Kann man bei so einem Ansturm die Sicherheit gewährleiten?"

Zur Beruhigung: Alles hat geklappt. Und letztlich säumten Vereinsangaben zufolge 1.600 Fußballbegeisterte den Sportplatz des FCO. "Es wäre, so ehrlich muss man sein, kein einziger mehr möglich gewesen", rechnet Kohlbauer vor. Vom Spiel an sich, Garham siegte mit 3:0, bekamen er und seine 45 Helfer nicht wirklich was mit. Schweiß floss während der 90 Minuten nicht nur auf dem Feld, sondern auch daneben. "Das ist nicht ohne. Aber es lohnt sich. Finanziell natürlich. Aber auch das Miteinander ist echt toll. Wir würden das Ganze wieder machen, keine Frage."

In Otterskirchen wurden wegen einer gewissenhaften Vorplanung nämlich zwei allgemeine Hürden gekonnt übersprungen. Bereits vor einigen Wochen, ohne zu wissen, ob man überhaupt eines der begehrten Spiele ergattern kann, hat Josef Kohlbauer 5.000 Becher bestellt. "Ja, das ist ein gewisses Risiko. Aber man hätte die Becher ja auch so irgendwie weitergebracht." 2.000 Trinkgefäße wurden verbraucht. "Wir haben uns für Einwegbecher entschieden. Das ist natürlich nicht unbedingt gut für die Umwelt. Aber anders war es nicht möglich, obwohl ein Team nur mit abspülen beschäftigt war." Auch die Angst vor Pyrotechnik war letztlich unbegründet. Es wurde zwar etwas gezündelt, wie eigentlich auf allen Plätzen in diesen Tagen. "Richtig gefährlich geworden ist es allerdings nie. Toi Toi Toi."

Dass die brisanten Themen Becher und Pyro bis dato heißer diskutiert worden sind, als sie nun in der Praxis sind, bestätigt auch Bezirks-Spielleiter Richard Sedlmaier. "Die Sicherheitslinien sind bereits seit dem Winter bekannt. Und die Vereine halten sich dran. Bisher hat es in Niederbayern keine Probleme gegeben." In Sachen Leuchtraketen setzte der BFV-Funktionär nicht nur auf Prävention, sondern auch Manpower vor Ort. Der übliche Ordnungsdienst wurde dahingehend aufgewertet, dass jeder teilnehmende Verein jeweils einen Fanbeauftrage stellen musste. "Und sie wurden angewiesen, gleich Fotos von den Übeltäter zu machen. Das wurde super umgesetzt. Die Stadien haben bisher nicht gebrannt."

Sedlmaier nimmt diese Sachen wahrlich nicht auf die leichte Schulter. Er ist Funktionär mit Haut und Haar. Der 72-jährige pensionierte Lehrer ist detailverliebt, fast schon -versessen im positiven Sinne. Diese mühselige Kleinarbeit zahlt sich aus. Der von ihm ausgearbeitete Leitfaden samt unzähligen Formblättern, die den Ausrichtern zur Verfügung stehen, lassen nur wenige Fragen offen. Geklärt ist somit auch, wie die Eintrittsgelder aufgeteilt werden. "15 Prozent erhält der Verband, 15 Prozent der Ausrichter. Der Rest wird geteilt. Zweitgenannter Verein ist Kassenführer. Erstgenannter Verein und Ausrichter werden von ihm ausbezahlt. Vom Konto des Kassenvereins werden dann der Sozialeuro, die Verbandsabgabe und die Steuern abgezogen."

858 Zuschauer im Schnitt haben bisher die Entscheidungsspiele niederbayernweit besucht. Natürlich hat Richard Sedlmaier diese Zahl parat, ohne lange überlegen zu müssen. Im vergangenen Jahr waren es durchschnittlich 752 Zahlende. Die 731 Fans, die die Rele-Begegnung des FC Dingolfing gegen den VfB Forstinning besucht haben, sind also enttäuschend – das findet auch Otto Reinhard, Vereinsboss des Bezirksligisten. "Wir hätten uns schon 900 bis 1000 verkaufte Eintrittskarten gewünscht. Aber es hat halt nicht sollen sein." Der FC Dingolfing, als Teilnehmer des Rennens um einen Landesliga-Platz, ist somit eine Besonderheit – in vielerlei Hinsicht.

"Die Stadien brennen nicht" - Pyrotechnik kommt zwar (leider) zum Einsatz. Es hält sich aber in Grenzen.
"Die Stadien brennen nicht" - Pyrotechnik kommt zwar (leider) zum Einsatz. Es hält sich aber in Grenzen. – Foto: Helmut Weiderer

Die BMW-Städter waren, weil die Relegation auf Verbandsebene in Hin- und Rückspiel ausgetragen wird, Ausrichter ihrer eigenen Highlight-Partie. Zudem war die eigene Reserve ebenfalls in der Saisonverlängerung im Einsatz. "Dennoch hat es, und das ist super, keine Probleme gegeben, genügend Helfer zu akquirieren. Das spricht für diesen Verein. Zudem der Verband die Spiel genau richtig terminiert hat“, macht Otto Reinhard deutlich. Die Becher-Problematik wurde gekonnt gemeistert, genauso gab es mit Pyrotechnik keine Probleme.

Während also beim FC Dingolfing alles geklappt hat, sieht der FCD-Boss beim Verband in diesem Zusammenhang etwas Nachholbedarf. "Unsere Variante der Relegation mit zwei Spielen pro Runde ist nicht sinnvoll", stellt er fest. Einerseits, weil die Spieler nach einer langen, langen Saison dringend eine Pause benötigen. Andererseits, weil eine Partie gegen oberbayerische Teams ohnehin nicht so viele Zuschauer lockt wie ein Entscheidungsspiel zwischen zwei Vereinen aus dem gleichen Eck. Ein Spiel auf neutralem Feld wäre wohl prominenter platziert. So kamen zum eigentlich niederklassigeren Aufeinandertreffen des FC Dingolfing II mit dem SV Huldessen über 100 Zuschauer mehr als zum Landesliga-Kampf des FCD I...

Aufrufe: 08.6.2023, 09:00 Uhr
Helmut WeigerstorferAutor