2024-02-28T09:51:25.667Z

Allgemeines
– Foto: Bergmann

Die Fußballtrainerausbildung hat sich ab diesem Jahr grundlegend verändert – und stößt auf Kritik an der Basis. Der DFB und die DFL würden ab der B-Lizenz zu stark selektieren. Über Vor- und Nachteile eines komplexen Konstrukts.

"Die Trainerausbildung wurde komplett auf links gedreht", sagt Benjamin Lawes, Qualifikationsvorsitzender beim NFV-Kreis Stade sowie Stützpunkt- und NFV-Auswahltrainer. "Es wird nicht mehr nach Qualität entschieden", sagt Bernhard Augustin, ehemaliger DFB-Stützpunktkoordinator aus Stade. Genau das aber will der DFB durch die neuen Anforderungsprofile erreichen. Lawes wie Augustin sagen, dass es Trainerwerdegänge wie von Enrico Maaßen, der sich von D/A aus der Niedersachsenliga bis zum FC Augsburg in die Bundesliga gearbeitet hat, oder vom jetzigen D/A-Trainer Frithjof Hansen in diesem System wohl nicht mehr geben werde. Hansen sagt, er sei froh, mit der A-Lizenz schon weit zu sein im jetzigen System - sieht in der Reform aber auch Vorteile.

Die TrainerausbildungFrüher hieß es C-, B-, A-Lizenz und Fußball-Lehrer, später wurde die B-Elite-Lizenz mit Schwerpunkt Juniorenausbildung zwischen B- und A-Lizenz hinzugefügt. Es gab Eignungstests und die ambitionierten Trainer mussten die Prüfungen mit einem vorgegebenen Numerus clausus bestehen, um überhaupt bis zur A-Lizenz zu kommen. "Es gibt keine große Qualitätsprüfung in diesem Sinne mehr", sagt Augustin. An den Stützpunkten wurden Eignungstests für die B-Lizenz durchgeführt, diese Vorarbeit und Vorauswahl, so Augustin, hätte sich in den meisten Fällen bewährt

.Jetzt gibt es eine Entwicklungstreppe für Trainer. Diese beginnt mit dem Kindertrainer-Zertifikat und geht über den Junior- und Basis-Coach hin zur C-Lizenz. Diese werden vor Ort, hier also beim NFV-Kreis Stade, absolviert. Dazwischen werden immer Weiterbildungen angeboten und vorgesehen, Teilnehmer können sich bis zur C-Lizenz spezialisieren, im Kinder-, Jugend- und Seniorenbereich. "Der Junior- oder Basis-Coach sind sehr gute Dinger", sagt Lawes über die ersten Qualifikationsstufen, denn dadurch "holen wir viele junge Neutrainer ab". Gleichzeitig habe er an der Basis das Problem, dass er "sehr heterogene Teilnehmerfelder" bekomme, weil ein Regionalligaspieler dasselbe wie der Kreisklassenkicker absolvieren muss.

Nach der C-Lizenz können sich die Trainer bei den Landesverbänden, hier in Barsinghausen, für die B-Lizenz anmelden. Danach folgen die Ausbildungsstufen an der DFB-Akademie über die B+ und A+ Lizenz (Juniorenbereich) zur Pro-Lizenz oder direkt über die A-Lizenz zur Pro-Lizenz. Zwischen allen Lizenzen gibt es Weiterbildungen. Der Sprung von der B-Lizenz (berechtigt bis zur Männer-Oberliga und Frauen-Regionalliga) in den DFB-Lizenzbereich ist allerdings sehr hoch.

Die Anforderungsprofile

Zu allen Lizenzen gibt es Vorgaben und Kriterien, die erfüllt werden müssen - es gibt allerdings keine Prüfungen im eigentlichen Sinn mehr. Neben wiederkehrenden Präsenzzeiten arbeiten die Anwerber viel im eigenen Verein und werden online begleitet. Die Trainer müssen Trainingsinhalte filmen und diese werden mit dem entsprechenden Feedback analysiert. Am Ende wird das vom Trainer selbst erarbeitete Training mit einem von ihm vorgegebenen Themenschwerpunkt bewertet - und unter Berücksichtigung der DFB-Kriterien die Lizenz erteilt. Abschlussnoten gibt es nicht mehr. Bei der B-Lizenz befürchten Lawes und Augustin einen Qualitätsabfall.

Ab dann kritisieren sie die Messlatte. Das Aufnahmeprüfverfahren des DFB hat ein Punktesystem in drei Kategorien: Trainererfahrungen, Spielererfahrungen und eine relevante Bildung werden bewertet. Je höher ein Bewerber als Spieler aktiv war und/oder als Trainer gearbeitet hat, wird pro Jahr mit entsprechend mehr Punkten ausgestattet.

Beispiele für die B+ Lizenz: Ein Cheftrainer in der Regionalliga oder von der U15- bis U19-Bundesliga bekommt pro Saison die höchstmöglichen 7,5 Punkte. Ein Oberligatrainer nur noch 1 Punkt, darunter gibt es 0,5 Punkte. Ein Erstligaspieler erhält 5 Punkte/Saison, ein Oberligaspieler 1 Punkt. Die relevante Bildung in diesem System bezieht sich auf Sport und Pädagogik. Wer beispielsweise ein Diplom in Sportwissenschaft hat, bekommt 15 Punkte, ein Erzieher oder Physiotherapeut 5 Punkte. Wer die B-Lizenz ab diesem Jahr "mit Empfehlung" (den NC gibt es ja nicht mehr) bestanden hat, bekommt 7,5 Punkte. "So werden Leute verhindert", sagt Lawes, der gute, junge B-Trainer im Kreis kennt, die gerne weitergemacht hätten, so aber nicht können. "Diese Entscheidung ist sehr unglücklich", sagt Augustin, der DFB will so von der Masse beziehungsweise Basis weg und fördert die Profis beziehungsweise die Nachwuchsleistungszentren. "Das ist Stillstand", sagt Augustin, da ein Ex-Profi kein besserer Trainer ist.

Kosten und Zeit

Die B+ Lizenz kostet 1900 Euro, hinzu kommen etwa 2000 Euro für Unterkunft, Verpflegung etc. 160 Einheiten absolviert der Teilnehmer in drei bis vier Monaten. Es gibt drei Präsenzphasen mit jeweils drei, vier Tagen. Davor und dazwischen gibt es etwa vierwöchige Anwendungsphasen im Heimatverein mit der Begleitung durch den sogenannten Online-Campus. Am Ende kommt es zur sogenannten Abschlussleistung mit Bewertung (statt einer Prüfung mit Benotung). Die A-Lizenz dauert sechs bis acht Monate (360 Einheiten), kostet 6000 Euro plus etwa 4000 Euro für Unterkunft, Verpflegung etc und verläuft nach demselben Schema. Die Pro Lizenz dauert dann bis zu 15 Monate und verschlingt weit mehr als 20.000 Euro. "Diese Reform ist zu komplex, zu kostspielig und zeitaufwendig - da kommt kein Normalo bis oben durch", urteilt Augustin. Gerd Rathjen vom Bund Deutscher Fußball-Lehrer (BDFL), seit 30 Jahren im Vorstand der Verbandsgruppe Nord, meint, dass der DFB die Amateure bewusst aussperrt und die Ex-Profis fördern will. "Mir geht es um die Amateure und das die möglichst besten Trainer die Jugend ausbilden." Schwierig bei der Hürde zur B+ Lizenz. Inhaltlich hält er die Ausbildung aber für gut.

Der DFB

"Wir sind von diesem System überzeugt, nicht zuletzt weil es die Trainererfahrungen als gewichtigste Säule gestärkt hat", wird Daniel Niedzkowski, Ausbildungsleiter Pro Lizenz, unter dfb-akademie.de zitiert bezüglich der Aufnahmeprüfungen. So sollen die besten Trainer aufgrund des Punktesystems ausgewählt werden. Ein Entwicklungsmodell zieht sich ab der C-Lizenz als "roter Faden" durch alle Aus- und Weiterbildungen. Die vier Bausteine Ich, Spiel & Spieler, Organisation und System Fußball sollen für einen ganzheitlichen Ansatz sorgen. Die persönliche Trainerentwicklung wird permanent forciert.

Auf TAGEBLATT-Anfrage war Markus Nadler, Abteilungsleiter in der Trainer Aus- und Fortbildung, nicht zu sprechen, da er "in ganztägigen Workshops" beschäftigt sei. Auf die Frage, ob durch das Punktesystem, den Zeitaufwand und die immensen Mehrkosten die Basis vergessen wird, verwies die DFB-Pressestelle lediglich auf ihre FAQ unter dfb-akademie.de.

Ein praktisches Beispiel

Hendrik Lemke, Torwarttrainer beim Oberligisten A/O und JFV A/O/B/H/H, macht gerade seine Torwart B-Lizenz. Die Torwart-Lizenzen wurden neu geschaffen. Er gehörte zu den Letzten, die noch die alte B-Elite-Lizenz gemacht haben, die nun die neue B+ ist. Die Torwart-Lizenz werde nur zweimal im Jahr für je 16 Teilnehmer angeboten, so Lemke. "Ich bin froh, dass ich da überhaupt ran gekommen bin", sagt er. Die Bewerbung - mit Lebenslauf, Führungszeugnis, Attest - sei schon mit einem großen Aufwand verbunden, so Lemke. Dann habe er die Zusage bekommen und musste sich so schnell wie möglich um das ausführliche Anmeldeformular des DFB kümmern, Fehler nicht erlaubt, die Schnellsten bekommen die wenigen Plätze.

Lemke ist in einer Vierergruppe mit NLZ-Trainern von Holstein Kiel und St. Pauli sowie einem Stützpunkttrainer aus Hameln. Am Montag vor zwei Wochen kam die Gruppe mit den beiden Ausbildern zum A/O-Training und begleiteten Lemkes Torwarttraining. Gleiches passiert bei den anderen Teilnehmern. "Der Austausch und die Einblicke sind sehr gut", sagt Lemke. 60 Prozent der 16 Teilnehmer sind hauptberufliche Trainer. Im Oktober und November hatte er jeweils drei Präsenztage, die nächsten folgen Ende Februar. Dazwischen hat er immer Online-Aufgaben, mit viel Videomaterial von seinem Training. Er musste auch einen Aufsatz schreiben, wie er sich als Trainer sieht (Ansatz persönliche Entwicklung). Mitte April steht sein Abschlusstraining in Frankfurt an. Im besten Fall wird er "mit Empfehlung" bewertet. Lemke kann sich aber nicht vorstellen, eine weitere Lizenz zu machen. "Der organisatorische Aufwand ist immens", sagt er. Neben der Lizenzgebühr von 2000 Euro muss er auch "das ganze Drumherum" bezahlen. Ein Freund von ihm wollte die B+ Lizenz machen. "Keine Chance", sagt Lemke. Der zeitliche Aufwand sei mit Beruf und Familie kaum vereinbar, hinzu kommen die hohen Kosten.

D/A-Trainer Frithjof Hansen sagt, er sei froh schon die A-Lizenz zu haben. Als Regionalligatrainer sammelt er pro Saison die bestmögliche Punktzahl von 7,5, um sich für die angestrebte Pro Lizenz zu qualifizieren. "Das Punktesystem mag im Ansatz richtig sein, muss aber überdacht werden", sagt Hansen. Zudem findet er es schade, dass es jetzt kaum noch jemand von unten nach ganz oben in der Ausbildungspyramide schafft. Was er auch bedenklich findet: Beim bewerteten Abschlusstraining kann die Tagesform vieles kaputt machen, zudem sei eine Bewertung trotz vieler Kriterien sehr individuell, die Ausbilder können streng sein oder jemanden durchwinken.

Den DFB-Ansatz, das Niveau zu heben, begrüßt Hansen. Die neuen Inhalte seien besser und vielseitiger, die Auszubildenden werden länger und intensiver begleitet. "In drei Wochen wird keiner ein besserer Trainer", sagt Hansen zur alten Lizenzvergabe. Auch haben ihm immer die wenigen Fortbildungsangebote gestört.

Aufrufe: 031.1.2023, 16:15 Uhr
Tageblatt / Von Jan BröhanAutor