André Bierwagen
André Bierwagen – Foto: Redaktion Berlin

„Tatsächlich habe ich in den letzten zwei Jahren eher ungern gespielt“

André Bierwagen beendet seine sportliche Laufbahn. Im Interview spricht der Torhüter über die Gründe. Zudem blickt er auf den Klassenerhalt mit Stern Marienfelde und die Vergangenheit zurück.

Ein Interview von Marcel Peters - https://www.facebook.com/AmateurberichterstattungMarcelPeters/ - regelmäßig Berichte über Berliner und Brandenburger Amateurfußballer oder Vereine. Gesprächspartner: André Bierwagen, #490

André, Stern Marienfelde hat sportlich die Klasse gehalten. Glückwunsch dazu. Wie war die Stimmungslage, als es klar war, dass ihr nicht mehr absteigen könnt?
Die war natürlich losgelöst. Nach der 0:5 Niederlage bei Brandenburg 03 haben ehrlich gesagt viele von uns selber nicht mehr dran geglaubt, besonders aufgrund der langen Verletztenliste. Trotzdem haben wir es irgendwie über den Kampf und Einzelaktionen geschafft, die letzten vier Spiele nicht mehr zu verlieren. Nach dem 1:1 gegen Füchse Berlin sind ein paar Jungs von uns direkt nach Kreuzberg zum Türkiyemspor-Spiel gegen Frohnau gefahren. Als Frohnau als Sieger feststand, haben wir uns wieder auf unserem Platz getroffen und eine Cola zusammen getrunken.

Konnte man den Klassenerhalt vor der Saison erwarten oder war das mehr ein hoffen?
In unserer Kabine hängt immer noch eine Prognose, wo wir auf dem letzten Platz stehen. Das hat unser Trainer schon ab und zu in seine Ansprache integriert. Zudem haben wir deutlich früher als andere Teams mit der Vorbereitung begonnen. Trotzdem war uns natürlich bewusst, dass wir nominell ein Abstiegskandidat sind. Letztendlich war die solide Hinrunde der Schlüssel.

Das gibt einem natürlich nochmal einen Schub. Pusht einen das auch persönlich?
Die Prognose?

Ja, aber auch, dass man generell von der „Fachwelt“ eher Underdog gesehen wird?
Ach naja, durch die abgebrochene Vorsaison, in der wir Letzter wurden, war die Prognose nachvollziehbar. Generell wurde das aber nicht überthematisiert. Wie das immer so ist mit der „Fachwelt“, wenn sie was Gutes schreibt, freut man sich sich, andernfalls haben sie keine Ahnung.

Wie sieht es für die kommende Saison aus, oder auch auf die nächsten Jahre… wie kann man sich etablieren?
Wichtig wird sein, wieder eine A-Jugend zu haben. Der Kader besteht traditionell aus Ur-Marienfeldern und Spielern die von Freunden dazu geholt werden, wie ich damals 2013. Bei uns gibt es nicht das große Geld, unser Platz ist unattraktiv und der Standort hauptsächlich für Spieler aus dem Berliner Süden interessant, daher wird es weiter so laufen wie bisher. Ich gehe davon aus, dass der Klassenerhalt nächste Saison ähnlich schwer wird.

Aber auch das schweißt doch zusammen, wenn man über Jahre hinweg zusammenspielt?
Wir sind definitiv eine homogene Truppe, bei der jeder mit jedem kann. Dennoch sind und waren wir nie eine Mannschaft, die sich auf dem Platz gegenseitig so pusht, dass nochmal die letzten Prozente rausgeholt werden. Für viele ist Fußball nicht (mehr) der „Lebensmittelpunkt“, was sich auch im körperlichen Zustand der meisten von uns zeigt. Trotzdem haben wir es in den letzten Jahren immer wieder geschafft uns zu steigern. Da hat sicherlich auch der Trainer durch seinen individuellen Umgang einen Anteil dran.

Der Trend, dass der Fußball nicht (mehr) Lebensmittelpunkt ist, ist unübersehbar. Wie stehst du dazu?
Bei der Jugend liegt es sicherlich an YouTube und Twitch. Bei uns sind es mehr die beruflichen Umstände, dazu sind einige Väter geworden in den letzten Jahren. Dazu kommen regelmäßige Wehwehchen und Verletzungen, die man sich auf unserem Platz schnell mal holt.

Liegt es auch an diesen Gründen, dass du in den letzten Jahren wenig(er) Spielpraxis erhalten hast?
Ich hatte mich in der Saison 16/17 verletzt und wir hatten keinen anderen Torwart. Der Verein hatte die Chance sofort Martin Gromotka zu holen, der natürlich eine bedeutendere Vita hat als ich. Ab da war ich dann die Nummer 2, was mich aber schnell nicht mehr gestört hat. Ich war in meiner Karriere immer nur gut, wenn ich keine Konkurrenz hatte, denn ich war nie bereit mich über einen längeren Zeitraum im Training zu quälen. Dadurch blieb dann auch meistens das Spielglück aus. Tatsächlich habe ich sogar in den letzten zwei Jahren eher ungern gespielt, weil der Glaube an die eigenen Fähigkeiten nicht mehr so da war und man dann als Torwart entsprechend keine Sicherheit ausstrahlt. Ich werde in der kommenden Saison nur noch trainieren, um zum einen den Platz im Spieltagskader für einen motivierten Torwart freizumachen, aber auch um am Wochenende nicht mehr um den Fußball drum herum planen zu müssen. Das war auch so ein bisschen der Wunsch meiner Familie.

Dabei hättest du durch den Weggang deines Konkurrenten doch die Chance gehabt, wieder Nummer 1 zu werden?
Mit dem Zeitaufwand, den ich auf mich nehmen möchte, wäre das nicht seriös möglich. Außerdem freue ich mich sehr auf die freien Wochenenden.

Das ist eine respektable Entscheidung. Ende der Laufbahn. War das eine emotionale Entscheidung?
Nein, eigentlich nicht. Eher eine gewachsene Entscheidung über die letzten Monate. Schon während der Corona Pause habe ich gemerkt, dass es einem gar nicht so sehr fehlt wie erwartet. Aber nach 26 Jahren mit drei, teilweise viermal Training die Woche wird es sicherlich schon ein bisschen komisch. Wenn ich es gar nicht aushalte, kann ich das Pensum aber auch jederzeit wieder hochfahren.

Auf welche bewegenden Momente in deiner Laufbahn schaust du zurück - was ist in Erinnerung geblieben?
Zum Glück sehr viele! Der U19 Pokalsieg mit Türkiyemspor, die verrückte Zeit bei Club Italia, das Jahr mit Stern Marienfelde wo wir leider die Relegation verloren und sechs Aufstiege. Die schönsten Erinnerungen habe ich allerdings an die „Kinderjahre“ beim 1.FC Schöneberg, an die ich oft zurückdenke.

Hätte es früher für mehr reichen können?
In meinem letzten U19 Jahr bei Tasmania in der Regionalliga habe ich eine ordentliche Saison gespielt, da hätte ich meinem Ex-Trainer Mario Block in die Oberliga folgen können, für mehr hätte es aber sicher nicht gereicht.

Bist zu zufrieden mit dem was du erreicht hast?
Ich hatte über die meiste Zeit meiner Laufbahn auch immer 5kg zu viel auf den Rippen und war wie schon erwähnt nie ein Trainingsweltmeister. Ich hatte aber auch selbst als Kind eigentlich nie den Traum Fußballprofi zu werden, dafür hat mein Opa gesorgt.

Im negativen oder positiven Sinne?
Er hat mir früh vermittelt, dass Fußball Profi werden komplett illusorisch ist. 20 Jahre später weiß ich nun, dass es schon möglich ist, aber ich nicht dafür gemacht wäre. Ich könnte schlichtweg mit dem Druck nicht umgehen.

Aufrufe: 022.6.2022, 11:47 Uhr
Marcel PetersAutor