2024-04-19T07:32:36.736Z

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Christina Junkers behält an der Pfeife die Übersicht.
Christina Junkers behält an der Pfeife die Übersicht. – Foto: Stefan Klümpen

Christina Junkers: „Männer fallen schneller als Frauen“

Die 24-jährige aus Kaarst leitete ihre erste Partie als Schiedsrichterin in der Zweiten Frauen-Bundesliga.

Überregionale Schlagzeilen machte Christina Junkers nach ihrer Premiere als Schiedsrichterin in der 2. Frauen-Bundesliga nicht. Und das ist für Unparteiische sportartübergreifend wie ein Ritterschlag, gilt doch auf allen Fußballplätzen das ungeschriebene Gesetz: „Wenn ein Schiedsrichter nahezu unsichtbar ist, hat er einen guten Job gemacht.“ Im Gespräch bleibt die 24-Jährige trotzdem – ihr Einsatz im Match der SG 99 Andernach gegen den FC Ingolstadt 04 (2:1) ist ganz bestimmt nur der vorläufige Höhepunkt ihrer Karriere an der Pfeife.

Frau Junkers, wie war die Nacht nach dem gelungenen Debüt im Junglas-Baumaschinen-Stadion in Mendig?

Christina Junkers (lacht): "Kurz! Um 3.45 Uhr ging der Wecker. Im Rahmen meiner Ausbildung zur Diätassistentin am Universitätsklinikum Essen mache ich gerade ein zweiwöchiges Praktikum. Darum muss ich noch früher als sonst los, sitze schon um 4.50 Uhr im Auto. Aber vorher muss ich halt auch noch mit dem Hund raus."

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Respekt! Da erübrigt sich ja fast schon die Frage, ob die Anstoßzeit in der 2. Liga, Sonntagmorgen 11 Uhr, für Sie eine Herausforderung darstellt. Schließlich liegen die meisten Einsatzorte nicht unbedingt um die Ecke.

Junkers: "Das ist kein Problem. Wenn man länger als 300 Kilometer fährt, etwa nach Hamburg, Potsdam oder München, ist das immer mit Vorübernachtung. Die Kosten übernimmt dann der DFB. Aber von Kaarst nach Andernach ist es ja nicht so weit."

Waren Sie aufgeregt?

Junkers: "Am Abend vorher noch überhaupt nicht. Aber als bei mir am Spieltag um 6 Uhr der Wecker klingelte, saß ich sofort kerzengerade im Bett. Eine Grundnervosität war also da, das muss auch so sein. Aber die Vorfreude überwog. Ich hatte richtig Lust auf das Spiel. Schließlich habe ich so lange für diesen Platz gekämpft. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie mein Papa bei den Spielen von Borussias Frauenmannschaft im Grenzlandstadion zu mir sagte: „Irgendwann stehst Du da auch“."

Hört sich nach einer emotionalen Angelegenheit an.

Junkers: "Ganz klar. Das hat mir total viel bedeutet. Ich weiß, wie stolz mein Papa auf mich ist. Und es war das allererste Mal, dass meine Mama ein Spiel von mir gesehen hat."

Umso schöner, dass Sie in den mehr als 90 Minuten auf dem Feld eine gute Figur gemacht haben. Waren auch Sie mit Ihrer Leistung zufrieden? Waren Sie von Anfang an drin in der Partie?

Junkers: "Ich sage stets: Mein erster Pfiff ist immer der lauteste, weil ich da meine ganze Nervosität reinlege. Und dann muss es laufen."

Und das tat es, obwohl es abgesehen von einem zu Recht nicht gegebenen Abseitstreffer und dem kuriosen Freistoßtor der Gäste zum 1:2-Endstand kaum Aufreger gab. Zudem nur drei Gelbe Karten. Kein Spiel, um zu glänzen.

Junkers: "Das stimmt. Aber es war jetzt auch kein Pillepalle-Spiel, es ging ja für beide Mannschaften noch um den Anschluss an die Aufstiegsränge."

Sie pfeifen auch bei den Männern bis zur Oberliga. Darum die direkte Frage: Benehmen sich Frauen besser auf dem Fußballplatz?

Junkers: "Also Rudelbildung habe ich bisher nur bei Männerspielen erlebt. Und mein Eindruck ist, dass sich Frauen nicht so schnell fallen lassen. „Cheap penaltys“ gibt es kaum. Ich habe als Schiedsrichter-Assistentin sogar schon häufiger mal gedacht: „Warum spielt die jetzt nach einem Foul weiter? Lass‘ Dich doch fallen, dann bekommst Du einen Elfmeter.“ Aber das ändert sich allmählich, was ich schade finde, denn ich verfolge als Schiedsrichterin eine eher großzügigere Linie. Ich muss nicht bei jedem Körperkontakt direkt pfeifen. Ich lasse das Spiel gerne laufen – das Ganze soll schließlich Spaß machen."

Trotzdem haben Sie hohe Ambitionen. Wohin soll Ihr Weg noch führen?

Junkers: "Erste Bundesliga bei den Frauen wäre schon schön, internationale Einsätze ein Traum. Und bei den Männern will ich in der nächsten Saison versuchen, den Aufstieg in die Regionalliga zu schaffen."

Und das alles parallel zur beruflichen Ausbildung? Im vergangenen Jahr haben Sie Ihren Job als Versicherungskauffrau gekündigt, um sich zur Diätassistentin ausbilden zu lassen. Warum?

Junkers: "Nur Innendienst war mir einfach zu trocken. Ich bin eben ein sehr kommunikativer Mensch. Und als Diätassistentin, lieber wäre uns allerdings die Bezeichnung Ernährungstherapeutin, ist mein Plan,in die Rehabilitation zu gehen. Das finde ich cool, weil man da die Möglichkeit hat, mehrere Wochen mit den Menschen zu arbeiten. Anbieten würde sich im Anschluss auch das Studium der Ernährungsmedizin. Allerdings wäre ich dann schon 27, und ob ich meinen Eltern zumuten möchte, mich noch mal mehrere Jahre zu unterstützen, weiß ich nicht. Denn mit meinem Hobby als Schiedsrichterin verdiene ich ja auch nicht die Welt. In der Bundesliga ist das bei den Frauen eine null weniger als bei den Männern."

Dirk Sitterle führte das Gespräch.

Aufrufe: 022.2.2024, 10:00 Uhr
RP / Dirk SitterleAutor