Bei jeder Grätsche spicken die Hobelspäne durch die Luft, hinterlassen kurvige, ausgedünnte Linien. Bei jeder Ecke fliegen die Hobelspäne mit dem Ball Richtung Strafraum, als wären sie Teil des Spiels.
Was vor 50 Jahren auf dem Fussballplatz in Ramsen als praktische Idee begann, ist längst Kult geworden – und einzigartig in der Schweiz.
Nirgendwo wurden noch so lange die Linien mit Hobelspänen gezeichnet wie hier im Schaffhausischen, direkt an der deutschen Grenze. Heute zum letzten Mal: Das letzte Vorrundenspiel gegen den FC Diessenhofen Ende November markiert das Aus einer Tradition.
Um acht Uhr, zwei Stunden vor Spielbeginn, hängt der Nebel noch tief über den Feldern rund ums Härdli, wie der Fussballplatz in Ramsen liebevoll genannt wird.
Zwei Gestalten lassen sich bei genauerem Hinsehen erkennen. Eine von ihnen ist Norbert Schneider, ehemaliger Torwart und heutiger Beizer beim FC Ramsen. Kurz: eine Klublegende.
Er tut an diesem Morgen, was er seit Jahrzehnten tut, er liefert Holzspäne auf den Fussballplatz. Nur, nach dem heutigen Tag wird er es nie wieder tun. Schneider geht in den beruflichen Ruhestand und mit ihm die Dorfschreinerei, von der die Hobelspäne stammen.
Das Wissen hat er zwar seinem Sohn weitergegeben, der könne aber nicht in seine Fussstapfen treten. Die Schreinerei ist alt, es müsste für den Weiterbetrieb ordentlich Geld investiert werden.
Damit ist es für einmal keine Änderung im Regelwerk des Fussballverbands und kein Streben nach Modernisierung, sondern eine Pensionierung, die aus der Tradition eine Erinnerung macht. Statt Holzspäne werden künftig Farbpartikel eingesetzt, das Härdli wird damit ein Fussballfeld wie jedes andere.
Ab der Vereinsgründung 1929 wurden die Spielfeldlinien zunächst mit Sägemehl gezeichnet. Vor rund 50 Jahren übernahm Norbert Schneiders Familie die Aufgabe, gröbere Hobelspäne für die Markierung zu liefern.
Der FC Ramsen konnte so das Geld für die Farbe sparen und die Dorfschreinerei ihren Holzresten einen Nutzen geben. In schwarze Abfallsäcke verpackt, liegen die Späne an diesem Morgen ein letztes Mal auf dem Härdli bereit. Dort übernimmt der zweite Ramsener im Einsatz.
Routine unter Beobachtung
Auf dem vom Regen aufgeweichten Rasen schüttet Philipp Mettler, Platzwart, die Hobelspäne in einen Wagen, der einem rostigen Dreirad ähnelt. Ein Massband und ein paar rote Markierungen reichen ihm, um die Späne durch das Loch im Boden des Wagens so auf den Rasen rieseln zu lassen, dass daraus die Linien entstehen. Den Elfmeterpunkt und die Viertelkreise in den Ecken zeichnet er von Hand.
Mettler präpariert die Linien schon seit vier Jahren, trotzdem dauert es heute etwas länger. Das liegt zum einen daran, dass die Linien zur Derniere schnurgerade sein sollen.
Zum anderen wird seine Arbeit von einem ungewohnten Medienrummel begleitet. Für die Fernsehcrew des SRF muss der Platzwart den Elfmeterpunkt gleich dreimal legen. Zunächst verpasst die Kamerafrau den Moment, dann ist sie mit der Aufnahme unzufrieden. Erst beim dritten Versuch ist alles im Kasten, und Mettler kann endlich weitermachen. Eineinhalb Stunden dauert es, bis das Fussballfeld geformt ist.
Es ist eine Sisyphusarbeit, die schon kurz nach Spielbeginn zunichtegemacht wird. Dem Platzwart ist bewusst, dass sich die Späne mit jedem Pass, der über eine Linie holpert, mit jedem Zweikampf in der Nähe chaotisch über den Rasen verteilen werden.
Abschied mit Schuss
Wer das Spielfeld also noch einmal in der angedachten Form sehen will, darf den Anpfiff nicht verpassen. Darum haben sich denn auch schon mehrere Hundert Menschen auf dem Härdli eingefunden, ein ungewohnter Fanaufmarsch.
Das Spiel selbst lässt für die Ramsener Anhänger aber wenig Grund zur Freude, denn das Drittligaderby endet mit einer 0:2-Niederlage.
Aber das ist egal. Der Fussball ist an diesem Morgen nebensächlich. Stattdessen richtet sich die Aufmerksamkeit auf das Geschehen abseits des Platzes. Und das ist wie das Spielfeld geprägt von Hobelspänen.
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Zu trinken gibt es «Hobelspöö-Kafi», natürlich mit Schuss. Womöglich um den Abschiedsschmerz zu lindern, vielleicht aber auch um der feuchten Kälte zu trotzen.
Ein Fan trägt stolz eine Kopfbedeckung aus einem aufgeschnittenen Ball, den er mit Spänen gefüllt hat. Neben dem Platz steht ein Festzelt bereit. Von seiner Eigenheit will sich der FC Ramsen gebührend verabschieden.
Die Hobelspäne wurden über die Zeit weit mehr als eine Spielfeldmarkierung, sie wurden Teil der Vereins-DNA und haben ihn zum Unikat gemacht. Die Derniere markiert deshalb nicht nur das Ende eines Kapitels in der Vereinsgeschichte, sondern auch das Ende der Hobelspäne im Schweizer Fussball.
Den Nostalgikern bleiben ein weinendes Auge und vielleicht einige Späne, die sich beim letzten Besuch im eigenen Schuhwerk verheddert haben.
Der Artikel ist in der aktuellen Ausgabe des Fussballmagazins "Zwölf" (Januar/Februar 2025) erschienen. Zur aktuellen Ausgabe.
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