2024-06-24T10:12:48.875Z

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Lieber Trainingsplatz statt Schreibtisch: Wolfgang Schellenberg zog es in seinen Geburtsort Burghausen.  Hübner
Lieber Trainingsplatz statt Schreibtisch: Wolfgang Schellenberg zog es in seinen Geburtsort Burghausen.  Hübner

Dem Profifußball abgeschworen: Wolfgang Schellenberg

Von 1860 München zu Wacker Burghausen

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Wolfgang Schellenberg gilt als größter Förderer von Toptalenten. Nach seinem Abschied von 1860 München heuerte er aber im Herrenbereich an, beim Wacker Burghausen. Dort soll er erfolgreich, aber nicht zu erfolgreich arbeiten. Denn der einstige Zweitligist will keinen Profifußball mehr.

So unwahrscheinlich dürfte es gar nicht sein, dass ein paar Herren in der Führungsetage des SV Wacker Burghausen fast ein bisschen erleichtert gewesen sind. Schließlich hatten sie vor gut eineinhalb Jahren das Thema Profifußball endgültig ad acta gelegt. Nun aber feierten die Fußballer zum Start in die Regionalliga fünf Siege in den ersten fünf Spielen, im Umfeld begannen schon wieder manche zu träumen von einer Rückkehr in die 3. Liga. Und das wäre nun genau das, was der Verein ja eigentlich nicht mehr will.

Dass es nun in Garching die erste Niederlage gegeben hat, ärgerte zwar Wolfgang Schellenberg gewaltig, bestätigte aber zum einen den Kurs des Vereins, zum anderen auch die Überzeugung des neuen Trainers: „Dass wir auf Dauer oben bleiben, tritt mit Sicherheit nicht ein“, hatte er schon vorher geunkt. „Die Meisterschaft machen die zweiten Mannschaften der Profis untereinander aus, vielleicht noch der FC Schweinfurt“, der auch unter Vollprofibedingungen arbeitet. Schellenberg will zwar auch „jedes Spiel gewinnen“, der 46-Jährige aber ist Fußballfachmann und Realist genug, um zu wissen, dass das nicht funktioniert in einer Liga mit recht unterschiedlichen Voraussetzungen. Burghausen, ehemaliger Zweitligist, hat auf ein „duales System“ umgestellt, ermöglicht den Spielern, neben höherklassigem Fußball beruflich Fuß zu fassen. Und das findet auch Schellenberg super.

Bitteres Ende der Löwen-Zeit

Schellenberg selbst aber ist Vollprofi. Vor Saisonbeginn war er etwas überraschend neuer Trainer in Burghausen geworden. Der frühere Chef des Nachwuchsleistungszentrums beim TSV 1860 München hatte eigentlich schon in gleicher Funktion beim Zweitligisten Union Berlin zugesagt. Woher der plötzliche Sinneswandel? Aus dem bitteren Ende seiner lange äußerst erfolgreichen Löwen-Zeit hat er den Schluss gezogen, nicht mehr in eine Doppelfunktion zu gehen, „entweder Trainer oder sportlicher Leiter“, wobei er zunächst zum Trainer tendierte, dann aber doch die NLZ-Leitung in Berlin nicht unattraktiv fand. Die Anfrage aus Burghausen aber ließ ihn noch einmal umdenken.

Was nicht unbedingt daran lag, dass er in Burghausen geboren und aufgewachsen ist, für Wacker gespielt und seine Trainer-Laufbahn hier begonnen hat. Nein, es waren das Konzept und die Rahmenbedingungen, die ihm für erfolgreichen (Amateur-)Fußball nahezu optimal erschienen.

Von seinem Büro blickt er direkt in die schmucke Wacker-Arena, stolzes Relikt aus der fünfjährigen Zweitligazeit des Vereins. Schaut er nach links, sieht er einen gepflegten Trainingsplatz, daneben die vereinseigene Sporthalle mit modernen Kabinen, physiotherapeutischen und Reha-Einrichtungen. Zur Kunstrasen-Anlage sind es ein paar Minuten Fahrzeit. „Eine ganz hervorragende Infrastruktur“ hat Schellenberg hier vorgefunden.

Hier lässt sich arbeiten, auch mit Halbprofis oder sogar Amateuren, die den ganzen Tag in der Arbeit sind und nur abends trainieren können. Schellenberg weiß, dass er Abstriche machen muss, zwar professionelle Einstellung und absolute Leistungsbereitschaft, nicht aber die totale Fixierung auf den Sport verlangen kann. Hier hat er mit Spielern zu tun, für die die Regionalliga zwar eine tolle Plattform ist, die aber wohl nicht mehr das ganz große Geld im Fußball verdienen werden und sich ein zweites Standbein aufbauen wollen. Ziel ist, sich „stabil in der Liga festzusetzen“, das sei Herausforderung genug.

Wolfgang Schellenberg gilt als großer Jugendförderer, bei seinen Stationen in München und Nürnberg hat er vielen Talenten den Profifußball, den Bender-Zwillingen, Kevin Volland oder Julian Weigl sogar den Sprung in die Nationalelf ermöglicht. Aber kann er auch mit Erwachsenen? Vor acht Jahren hat er mal 1860 Rosenheim in der Bayernliga trainiert, durchaus erfolgreich, er hat die Basis für spätere Erfolge gelegt. Aber nicht alle Spieler wollten ihm folgen, einige die Komfortzone nur ungern verlassen. „Das war recht lehrreich für mich“, auch aus der Zeit als Co-Trainer von Rainer Maurer bei den Löwen hat er viel mitgenommen.

Im Herrenbereich wird mehr hinterfragt

Was ist nun der große Unterschied zwischen dem Umgang mit hochmotivierten Jugendlichen, die alle von der großen Karriere träumen, und Herren-Fußball? „Im Jugendbereich wird gemacht, was der Trainer sagt“, erklärt Schellenberg, „im Herrenbereich wird viel mehr hinterfragt, die Belastungssteuerung wird wichtiger.“ Und im Amateurbereich müsse man halt auch mal akzeptieren, „wenn es beruflich bei dem einen oder anderen nicht geht“.

Vor dieser Herausforderung steht er nun in Burghausen, „bis auf zwei, drei Mann sind alle mit Studium, Ausbildung und Beruf belastet“. Aber Schellenberg spürt den Willen, die Bereitschaft, den Fußball nicht nur als nettes Hobby zu sehen, sondern auch den größtmöglichen Erfolg anzustreben. „Ich habe hier eine richtig gute Mannschaft, trotzdem war dieser gute Start schon überraschend.“ Nach einer eher durchwachsenen Vorbereitung habe man nicht gewusst, wo man steht, beim Auftakt gegen Ingolstadt aber sei es „optimal für uns gelaufen“, der knappe Sieg mit zwei frühen Toren habe dann „vieles einfacher“ gemacht.

Und wenn nun Sascha Marinkovic, der Torjäger, wieder zu alter Form zurückfindet? Natürlich, Schellenberg ist ehrgeizig, in erster Linie aber will er „Spaß haben“, den er zuletzt in München vermisste, immer mit Freude ins Training gehen. Was dann dabei herauskommt, wird sich zeigen. Der Aufstieg jedenfalls wird es nicht sein, da kann er seine Vorgesetzten guten Gewissens beruhigen.

Die Amateurfußballseite erscheint jeden Mittwoch. Autor der heutigen Ausgabe ist Reinhard Hübner, erreichbar unter komsport@t-online.

Aufrufe: 016.8.2018, 11:27 Uhr
Münchner Merkur / tz / Redaktion Münchner MerkurAutor