Warum die meisten Technikübungen im Fußball sinnlos sind
Freitag 03.07.20 15:00 Uhr|Autor: Advance.Football6.938
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Warum die meisten Technikübungen im Fußball sinnlos sind

Wer kennt sie nicht: endlose Passschleifen, eintönige Dribblingaufgaben oder auch Torschussübungen mit “Auflegen - Schießen”. Damit sollen sich Fußballspieler scheinbar entwickeln können. Warum das keinen Sinn macht, erfährst du in den nächsten Zeilen.




Schnell im Kopf oder schnell in den Beinen?

Die rasante Entwicklung im Profifußball lässt vermuten, dass man hier keine Wahl mehr hat. Im
besten Fall besitzt der Spieler sowohl eine schnelle Auffassungsgabe wie Entscheidungsfindung,
und hat die körperlichen Voraussetzungen für eine schnelle Umsetzung in motorische Abläufe.

Zumindest die Erfahrungen und wissenschaftlichen Bemühungen im Forschungsbereich “Athletik”
halten bei dieser Entwicklung Schritt. Zuletzt erfuhr das Thema “Neuroathletiktraining” einen
regelrechten Hype in der Branche.

Wie sieht hier die Entwicklung für das Thema Techniktraining aus? Welche bahnbrechenden neuen
Erkenntnisse wurden hier zuletzt veröffentlicht? Um ehrlich zu sein: nicht besonders viele.

Das ist allerdings auch nicht schlimm, da vielerorts immer noch veraltete, widerlegte oder
ineffiziente Methoden zur Vermittlung von Trainingsinhalten gewählt werden.

Die eingangs erwähnten Beispiele sollte jeder kennen. Zum Thema Techniktraining sprechen
Coaches dann von “Basics”, die man drauf haben muss.
Wollen wir Techniken für ein Sportspiel, wie es der Fußball nun mal ist, erlernen, sollte man den
Kontext, bestehend aus immer neuen und niemals exakt planbaren Situationen, auch genau so
trainieren. Also weg von Passstaffetten, hin zu etwas Spielnahem.

Was wir brauchen, um bei der Technikvermittlung in Sportspielen von Effizienz sprechen zu können,
sind drei Bausteine:


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Diese entsprechen dem sportwissenschaftlichen Modell nach Mahlo. Mit welchen Bausteinen
warten Passstafetten auf? Nur mit einem - der motorischen Lösung. Es wird rein ausgeführt, die
Übung ist auf Standardisierung ausgelegt. Jeder Ablauf ist möglichst gleich und der Trainer gibt
Feedback, ob das jetzt gut oder schlecht war.

Was brauchen wir für einen Pass im Spiel?

Es müssen Lücken erkannt werden. Freie Mitspieler sowie die Gegnerposition und -bewegung
sollten gesehen werden. Wurde das im ersten Schritt wahrgenommen, überlegt man sich, wie fest,
wann und wohin der Pass gespielt werden muss. Natürlich nicht bewusst, das würde zu lange
dauern. Sondern unbewusst, im Bruchteil von Sekunden. Anschließend kommt die Ausführung. Das
Bein schwingt gegen den Ball und anschließend wird beobachtet, was passiert. Abgeglichen wird
das mit unserer Erwartungshaltung und man lernt dabei für das nächste Mal.

Auf welchen der drei Bausteine wird sich die meiste Zeit im Training fokussiert? In der Regel ist
das der Bereich der “motorischen Lösung”. Hier wird verbessert und in isolierten Trainingsformen
bis ans Maximum korrigiert, um es den Spielern später auf dem Platz vermeintlich leicht zu
machen.

Wiederholungen sind dann das Stichwort. Wiederholungen sind beim Lernen ein sehr wichtiger
Bestandteil. Nur sollten wir nichts exzessiv wiederholen, was später nicht exakt in dieser Form
gebraucht wird.
Turmspringer, Hürdenläufer oder Turner - sie alle brauchen einen perfekten Ablauf für maximalen
Erfolg. Die Bedingungen im Wettkampf sind standardisiert: Der Sportler weiß genau wie hoch sein
Turm, in welchem Abstand die Hürden oder wie groß die Fläche ist, auf der er seine Kür absolviert.
Daher wählt er im Training das Mittel des “Einschleifens”, um Sicherheit und Routine für den
Wettkampf zu erhalten.

Wie oft befinden sich Fußballer in der exakt gleichen Situation? Die Antwort lautet wenig
überraschend: Nie.
Der Ball kommt schneller oder weniger schnell, hüpft leicht, wird zu weit nach vorne gespielt. Der
Gegner ist weiter weg oder näher dran, der Mitspieler läuft schneller in die Lücke als vorher. All
diese Variablen, die das Sportspiel bereithält, sorgen für unendliche Variation.
Das adäquate Reagieren auf diese unterschiedlichen Situationen ist die Kunst. In der Wahl der
Trainingsmethodik entscheidet sich also, ob ein Training für Turner und Turmspringer oder für
Fußballer angeboten wird.

Wie sieht eine Übung in der Kette “Wahrnehmen-Entscheiden-Ausführen” aus?

Anstatt der Gassenaufstellung oder der Passfolge von A nach B nach C, ist eine komplexere Form
zu wählen. Hier eine Variante, wie das Chaospassen:

Jeder Spieler muss auf die Wahrnehmungseindrücke reagieren. Wo kann er hinlaufen und wo ist die
Lücke zum Durchspielen? Wie schnell bewegen sich die anderen?

Innerhalb einer solchen Form, lernen die Spieler selbstständig durch das Feedback, das ihnen die
Form gibt. Landet der Ball am Fuß eines “passiven Gegenspielers”, muss er das nächste Mal früher
zum Pass ansetzen.
Kommt ein Spieler durch ein bestimmtes Verhaltensmuster selbst zu keinem optimierten
Verhalten, ist es Aufgabe des Trainers zu helfen und zu coachen. Hier prüft der Coach, in welchem
der drei Bausteine das Problem vorherrscht und coacht präzise die Ursache des Problems.

Das geschieht im besten Fall individuell. Zeigt das Kollektiv ähnliche unvorteilhafte
Verhaltensweisen, kann der Trainer bestimmte Punkte als Mannschaftscoaching anbringen, wie
hier im Video zu sehen ist:

Fazit

Überlassen wir das Einschleifen von Bewegungsmustern den Sportlern, die das wirklich brauchen.
Und konzentrieren wir uns im Fußball auf die Dinge, die das Spiel abverlangt. Dadurch entwickeln
sich die Sportler nicht nur technisch besser, sondern haben auch mehr Freude an den komplexeren
und spielnäheren Übungen.

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