\"Der Fußball ist eben etwas langsamer\"
Donnerstag 09.01.14 16:19 Uhr|Autor: Jürgen Scharf987
Thomas Hitzlsperger hat sich geoutet ? im Fußball ist das immer noch eine Seltenheit. Foto: dpa

"Der Fußball ist eben etwas langsamer"

Auch im Amateurbereich wird Thomas Hitzlspergers Coming-Out genau registriert +++ Die MZ sprach mit Anton Zimmermann, Chef des Freien TuS Regensburg, der Trainer-Legende Karsten Wettberg sowie Spielern und Funktionären des SSV Jahn Regensburg
Anton Zimmermann weiß, wovon er redet. In den Achtziger-Jahren war er als Psychotherapeut tätigt. „Das war eine Zeit, in der Homosexualität in der Öffentlichkeit noch ein absolutes Tabu war.“ Er habe viele Patienten gehabt, die darunter sehr gelitten haben. Später sattelte er um und war als Referent am Regensburger Stadttheater tätig. Dort habe er einen viel offeneren und selbstverständlichen Umgang mit Homosexualität erlebt.


Seit einigen Jahren ist er nun auch Präsident des Freien TuS Regensburg. Die erste Mannschaft der Fußballer spielt derzeit in der Bezirksliga. Er persönlich hat es noch nie erlebt, dass sich ein Fußballer bei seinem Verein zum Schwulsein bekannt hat, und auch von anderen Vereinen habe er da noch nichts gehört. Eigentlich überraschend, denn Zimmermann ist sich sicher: „Natürlich gibt es auch im Amateurfußball einige schwule Sportler.“

Noch könnte es seiner Meinung aber durchaus schwierig sein, sich zu outen: „Es ist reine Spekulation, welche Folgen das in einem konkreten Fall hätte.“ Zimmermann glaubt, dass es im Amateurfußball dann ganz stark auf die individuelle Zusammensetzung einer Mannschaft ankäme. „Das wäre dann die Frage, wie offen die einzelnen Spieler sind.“ Dies sei von Klub zu Klub sicher unterschiedlich. Er hofft aber, dass Hitzlsperger Coming-Out der Beginn einer Entwicklung ist.  „Der Fußball ist ja leider immer etwas langsamer“, sagt er und erinnert etwa „an das Gedöns, das gemacht wurde, als mit Gerald Asamoah zum ersten Mal ein Farbiger deutscher Nationalspieler wurde.“ Jetzt sei das vollkommen normal. Er verweist auf andere Gesellschaftsbereiche, die schneller vorankämen. „Es gibt viele schwule Spitzenpolitiker, da kräht doch kein Hahn mehr danach, das ist absolut akzeptiert. Im Fußball sind wir hoffentlich auch bald soweit, auch wenn das noch ein paar Jahre dauern kann.“




Trainer-Legende Karsten Wettberg sagte der MZ, dass er Hitzlspergers Outing für einen „mutigen Schritt“ hält: „Dennoch wäre es mir lieber gewesen, wenn er sich bereits zu seiner aktiven Zeit geoutet hätte.“ Obwohl Wettberg zufolge niemand für seine sexuelle Ausrichtung verantwortlich sei, werde das Thema Homosexualität im Fußball immer noch unterdrückt. „Oftmals führen ein Verdacht und verschiedene Gerüchte auch zu Hänseleien. Dabei ist es dann die Aufgabe des Trainers diese Gerüchte aufzuklären“, fordert Wettberg. Gerüchte würden schließlich nicht immer der Wahrheit entsprechen: „In unserer heutigen Zeit ist Homosexualität eigentlich kein Thema mehr. Darum hoffe ich, dass das Outing von Hitzlsperger erst der Anfang war und sich weitere prominente Fußballer outen.“

Der Sportchef des SSV Jahn Regensburg, Christian Keller, wird deutlich: „Solange sich solche Fragen überhaupt stellen, ist unsere Gesellschaft noch lange von einem weltoffenen, toleranten Normen- und Wertebild entfernt. Entscheidend ist das Wesen eines Menschen, nicht seine sexuellen Neigungen, seine Herkunft, seine kulturellen Überzeugungen oder seine soziale Stellung.“ Deswegen würde Homosexualität beispielsweise bei der Spielersuche des Jahn keine Rolle spielen. Jahn-Coach Thomas Stratos, der über viele Jahre in der Bundesliga spielte erzählt, dass er es in seiner aktiven Zeit nicht erlebt hat, dass sich jemand outet: „Aber es ist mir auch völlig egal, ob ich mal mit jemandem zusammen gespielt habe, der schwul ist. Mich interessiert nicht welche Hautfarbe, Religion oder Sexualität eine Person hat, denn für mich ist nur der Mensch an sich interessant.“

Jahn-Kapitän Sebastian Nachreiner räumt offen ein, dass „das Outing eines Mitspielers mit Sicherheit Diskussionen in der Mannschaft auslösen würde. Ebenso wie das Outing von Thomas Hitzlsperger. Ganz einfach weil es etwas Neues wäre.“ Eine „Sonderrolle“ würde dieser Mitspieler Nachreiners Meinung nach nicht bekommen, „sondern weiterhin ein normaler Teil der Gemeinschaft bleiben“. Es glaubt eher, dass ein Mitspieler, „der mit der sexuellen Orientierung eines anderen ein Problem hat, eine Sonderrolle bekommen wird, insofern als er die längste Zeit mein Mitspieler war. Für Homophobie oder andere Arten von Diskriminierung ist in unserer Mannschaft definitiv kein Platz“.

Dass es bei einem Outing Anfeindungen durch Gegenspieler oder Zuschauer geben würde, wäre Nachreiner leider nicht auszuschließen: „Wenn es auch eine Minderheit ist, so gibt es doch immer noch genug Menschen, die Homosexuellen mit gewissen Vorbehalten, Verachtung oder Hass begegnen. Da sind wir beim Thema Rassismus meines Erachtens schon viel weiter. Vielleicht ist die Offenheit von Hitzlsperger ein Schritt in Richtung mehr Toleranz in diesem Bereich.“


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