Zufrieden, stolz – und ein bisschen müde
Samstag 17.10.20 13:00 Uhr|Autor: Lukas Weinberger | AZ/AN736
Da versteht einer die Welt nicht mehr: Dürens Adis Omerbasic will nicht glauben, dass Schiedsrichter Matthias Jöllenbeck ein Foul gepfiffen hat, bevor der Ball ins Tor der Münchener trudelte. Foto: IMAGO/FISCHER

Zufrieden, stolz – und ein bisschen müde

Der 1. FC Düren beeindruckt beim FC Bayern mit seinem Selbstbewusstsein – und ärgert sich über ein verpasstes Tor
Marc Brasnic hatte eine ruhige Nacht, „sehr gut geschlafen“ habe er von Donnerstag auf Freitag.


Wie lange er geschlafen hat, das sagte er nicht, aber es war ja schon überraschend genug, dass er überhaupt ein Auge zubekommen hat. Bransic hatte am Donnerstagabend mit dem 1. FC Düren Fußball gespielt, und es war eine aufregende Partie: erste Runde im DFB-Pokal, gegen den großen FC Bayern, in der Münchener Arena; zwar ohne Fans, aber vor einem riesigen Fernsehpublikum. Und es war eine Partie, die der Fünftligist nach einem selbstbewussten Auftritt nur mit 0:3 gegen den Allesgewinner der Vormonate verlor, was ein ziemlicher Achtungserfolg war, der auch gefeiert wurde. Und so schliefen manche Spieler gar nicht, einige nur ein bisschen, dafür fast alle am Freitag bei der Busfahrt nach Düren. Die Mannschaft war glücklich, sie war stolz. Und müde, das war sie auch.

So wie Giuseppe Brunetto. Der Trainer hatte gar nicht mehr so richtig mitgefeiert, „ein Schnittchen im Hotel“, danach ins Bett. „Die vergangenen Tage waren sehr anstrengend“, sagte er. „Ich bin zufrieden eingeschlafen und zufrieden aufgewacht.“ Dass auch Brasnic offenbar eine erholsame Nacht hatte, war auch deshalb verrückt, weil es da ja diese Szene gab, über die er stundenlang hätte nachdenken können: Der Stürmer hätte Düren in Führung köpfen können, nach nur 22 Sekunden. „Ich habe nicht mehr viel gehadert – weil es ja nichts mehr nutzt“, sagte Brasnic. Er habe die Flanke von Marvin Störmann erst im letzten Moment kommen sehen, er habe versucht, den Ball „irgendwie aufs Tor“ zu bringen. Das gelang auch, aber sein Kopfball war zu unplatziert; Nübel fing den Ball locker. Diese frühe Chance war ein bisschen das Symbol für den selbstbewussten und frechen Auftritt in München.

Die Bayern waren zwar bei weitem nicht in Bestbesetzung angetreten, ihre Mannschaft war aber dennoch eine hochklassige. Die Dürener pressten hoch, sie hatten keine Angst vor Kontern, sie waren bissig in den Zweikämpfen, sie hatten Spaß am Offensivspiel. „Ich hätte meiner Mannschaft ein Tor gegönnt“, sagte Brunetto. „Sie hatte es verdient.“ Düren hatte ja zwei weitere gute Chancen: Jannis Becker zielte aber zu hoch (32. Minute), und die vielleicht beste Möglichkeit der Dürener verhinderte Schiedsrichter Matthias Jöllenbeck, als er nach einem Laufduell zwischen Adis Omerbasic und Münchens Innenverteidiger Jérôme Boateng einen sehr zweifelhaften Freistoß für die Bayern pfiff (43.); der Ball trudelte sogar ins Münchener Tor. „Ich habe mir die Szene nach dem Spiel zwei, drei Mal angeguckt – und ich sehe keinen Kontakt“, sagte Brunetto. „Es wäre schöner gewesen, mit einem 1:2-Rückstand in die Pause zu gehen, weil das die Bayern beschäftigt und bei uns Kräfte freigesetzt hätte.“

Ein „großes Kompliment“ von Flick

Ein Tor nahmen die Dürener am Ende nicht mit nach Hause, dafür aber viele Trikots ihrer berühmten Gegenspieler (> Infobox), eine Menge Erfahrungen – und die absolute Gewissheit, viele Menschen beeindruckt zu haben. Es versteht sich, dass sich der junge Verein viele Sympathien erspielt hat, bundesweit. Das Echo war nach Dürens mutigem Auftritt ja überaus positiv: Bayerns Trainer Hansi Flick hatte dem Mittelrheinligisten gleich nach dem Spiel ein „großes Kompliment“ gemacht: „Sie waren sehr frech, sie haben uns immer wieder unter Druck gesetzt“; sogenannte TV-Experten wie Stefan Effenberg überschütteten den Club mit Lob, und überall wurde Dürens Spielweise gewürdigt. Der Außenseiter selbst hatte Spaß, und er hatte allen Außenstehenden Spaß bereitet.

Zuletzt hatten sich weitaus höherklassige Mannschafen nahezu freiwillig in der Arena ergeben, der FC Schalke 04 hatte – zugegeben gegen eine noch besser besetzte Mannschaft der Bayern – gleich acht Treffer kassiert. Dass das Ergebnis nun viel knapper ausfiel, hatten die Dürener auch ihrem Torwart Kevin Jackmuth zu verdanken. Ob er sich über die drei Gegentreffer ärgere oder sich freue, dass es nur drei geworden sind? „Puh, gute Frage“, sagte der Keeper. „Ich glaube, dass die Freude überwiegt.“ Er hatte mehrere Bälle stark gehalten, bei den Gegentreffern von Eric Maxim Choupo-Moting (24., 75.) und Thomas Müller per Elfmeter (36.) war er machtlos. „Ich denke, dass ich das eine oder andere Mal zeigen konnte, was ich kann“, sagte Jackmuth, der aber auch ausdrücklich die Defensivarbeit seines Teams lobte – die gab es nämlich auf dem ganzen Platz: Ganz vorne machte Brasnic viele Bälle gegen Boateng, Niklas Süle oder Javi Martínez fest, ganz hinten stand die Verteidigung um Abwehrchef Mario Weber der Münchener Offensive auf den Füßen.

„Eine super Perfomance“ nannte Brunetto den Auftritt seines Teams, damit sei er „sehr zufrieden“, aber der Trainer ist keiner, der lange zurückschauen möchte. „Wir haben in den vergangenen Tagen einen Einblick bekommen, was ganz oben in der Fußballbranche abgeht, das wird uns niemand mehr nehmen“, sagte er. „Das war schön, aber es ist gut, dass es jetzt vorbei ist.“ Brunetto ist froh, dass der Rummel um den Verein nachlassen wird, seine Spieler sind es eben nicht gewohnt, ständig von Kamerateams belagert zu werden. Und auch wenn Jackmuth mit einem Lachen sagte, dass er das schon ein bisschen vermissen werde, wissen die Spieler und ihr Trainer, was wirklich wichtig ist. „Wir müssen uns jetzt auf das Wesentliche konzentrieren“, sagte Brunetto. Und das Wesentliche sind für die Dürener nicht Spiele in München.

Ein freies Wochenende

Sondern die Partien in der Mittelrheinliga; der Aufstieg ist das große Ziel. Am Mittwoch tritt Brunettos Mannschaft beim Siegburger SV an, und auch der Trainer weiß, dass das ein krasser Unterschied zum Spiel gegen die Bayern sein wird, sein Team muss sich neu fokussieren. „Die Spieler haben über das Wochenende frei, sie sollen mal abschalten“, sagte der Coach. Es sei seine Aufgabe, die Mannschaft am Montag wieder zu „erden“, sagte er. „Ich werde versuchen, die Spieler auf den Punkt hinzubekommen.“ Wenn alle ausgeschlafen sind.

Thomas Müllers Leibchen und ein Foto mit Hansi Flick für den Bayern-Fan Mario Weber

Ein richtiger Zweikampf war es nicht, den Mario Weber (30) nach dem Schlusspfiff noch führte, er hatte ja nicht mal einen echten Gegenspieler in dieser Situation – aber als Sieger ging er dennoch hervor. Der Abwehrchef des 1. FC Düren hatte Thomas Müller beim gemeinsamen Interview gefragt, ob er das Trikot des Offensivspieler des FC Bayern bekommen könne; Weber ist großer Fan der Münchener. Das Problem: Müller hatte sein Leibchen schon mit Dürens Kapitän Philipp Simon getauscht. Und nun? Der Bayer lief sofort in die Kabine, kramte ein zweites Trikot hervor und überreichte es Weber, der es prompt überzog – und gleich noch ein gemeinsames Foto mit Münchens Trainer Hansi Flick (55, l.) machte. Nach dem Schlusspfiff durfte er ja Fan sein. „Es war eine Ehre, hier zu spielen“, sagte der Innenverteidiger. „Ich bin sehr stolz auf die gesamte Mannschaft.“ Weil er und seine Mitspieler es Webers Lieblingsclub so schwer gemacht hatten. 



FOTOS 1. FC Düren - FC Bayern München

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