
Die Entwicklung des Herren- und vor allem Jugendfußball im Bayerischen Wald ist durchaus besorgniserregend. Die Zahl der höherklassigen Vereine hat in den letzten Jahren rapide abgenommen. Noch schlechter sieht es bei den Nachwuchsmannschaften aus. Geht es so weiter, werden viele Waidler-Klubs über kurz oder lang von der Bildfläche verschwinden oder ihre Existenz nur mehr mit Spielgemeinschaften sichern können.
Wir haben uns mit zwei Vereinsfunktionären unterhalten, die im Bayerischen Wald Begriffe sind. Alois Wittenzellner (Abteilungsleiter der SpVgg Ruhmannsfelden) und Thomas Kagerbauer (1. Vorstand und sportlicher Leiter des SC Zwiesel) haben uns in einem zweiteiligen Interview Rede und Antwort gestanden.
Von Verbandsseite wurden in den letzten Jahren viele Veränderungen beschlossen, Formate wie Futsal und Mini-Fußball eingeführt. Hat das den Fußball an der Basis weitergebracht?
Alois Wittenzellner (39): Ich sehe beide Einführungen etwas differenziert. Bei Futsal bin ich nach wie vor sehr skeptisch. Die Anmeldezahlen gingen durch diese Änderung rapide zurück, auch wenn die Zuschauerzahlen in unserem Landkreis noch sehr gut sind, wird es von Jahr zu Jahr schwieriger, die Teams für die Landkreismeisterschaften zu begeistern. Dem Thema Minifußball stehe ich sehr positiv gegenüber. Ich habe selbst zwei Söhne und wir nehmen seit Beginn der Einführung als Verein an den Runden teil. Für die Bambinis ist das ein sehr guter Start. Skeptisch stehe ich allerdings der vom Verband geplanten Wiedereinführung von wöchentlichen Festivals bei den F-Junioren gegenüber. Für Vereine und Spieler fehlt der Reiz, wenn jede Woche gegen dieselben Teams gespielt wird und zudem teils lange Wartezeiten zwischen den Partien sind. Daher bin ich der Meinung, dass der Ligabetrieb erhalten bleiben und die Festivals pro Jahr an drei bis vier festgelegten Termine als Highlight stattfinden sollen.
Thomas Kagerbauer (44): Nein! Das Thema Futsal hat der BFV komplett vermasselt. Futsal ist eine eigene Sportart und hätte nie dem Fußball übergestülpt werden dürfen. Schauen wir nach Tschechien, dort gibt es eine klare Trennung und das ist auch gut so. Mini-Fußball: solche Spielformen gab es im Trainingsbetrieb ja schon immer. Zudem sind die Rahmenbedingungen fragwürdig. Sport hat eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe, dazu gehört, lernen zu gewinnen und zu verlieren. Vergleiche, Ergebnisse und Wettkämpfe mit Tabellen sind wichtig, denn Kinder wollen eine Entwicklung sehen und sind nicht dumm. Mit einer Niederlage umzugehen, sich verbessern wollen und daran zu wachsen, stärkt. Wir müssen das nur richtig moderieren. Mit Erfolg umzugehen, ist ebenfalls wichtig. Einsatz und Leistung darf nämlich belohnt werden. Die Aussage, wir müssen die Schwachen schützen und sie nicht den Vergleich aussetzen, ist Unsinn. Wir müssen jeden abholen, mitnehmen und aufzeigen, wo er steht. Ihm aber auch lernen, seine Schwächen und Stärken zu erkennen. Ein jeder Mensch hat Talente. Wir müssen den Schatz im Kind suchen und fördern.
Das Vereinssterben wird in den kommenden Jahren vermutlich stark zunehmen. Wie kann man dem aus deiner Sicht gegensteuern?
Wittenzellner: Es muss immer die Förderung der Jugend im Vordergrund stehen, daher sollten wir versuchen, die Kinder und Jugendlichen sehr früh in die Vereine zu holen und an uns zu binden. Das geht aber nur mit einer engagierten Vereinsführung und da beginnt bereits das Problem. Viele Vereine haben immer mehr Probleme, ihre Posten zu besetzen. Die Klubs sollten bedacht sein, sich deutlich breiter mit kleineren Unterteams aufzustellen und die Mitglieder aktiv einzubinden. Es wird in den nächsten Jahren vermehrt zu Spielgemeinschaften kommen und diesbezüglich appelliere ich auch an die Funktionäre und Spieler, dass sie sich diese auf die Kooperationen einlassen und die nicht als Konkurrenz sehen. Denn meist ziehen sich bei der Gründung einer SG viele langjährige und verdiente Spieler zurück. Diese fehlen dann aber bei der Führung der Vereine.
Kagerbauer: Das ist eine schwierige Frage. Das Wichtigste wird sein, viele Kinder für den Sport zu begeistern und an den Verein zu binden. Der Ausbau der Ganztagsangebote könnte auch ein Impuls für den Fußball werden. Doch bei diesem Thema müssen von der Politik und dem Verband die Rahmenbedingungen für Vereine positiver werden. Als Vereine müssen wir uns ebenfalls wieder verbessern.
Abschließende Frage: Was könnte der BFV deiner Meinung nach tun, um den Fußball an der Basiszu stärken?
Wittenzellner: Ich möchte klarstellen, dass ich ich nicht alles negativ sehe, was der Verband zuletzt entschieden und umgesetzt hat. Doch auch der Verband muss schnellstens umdenken, denn es benötigt meines Erachtens nicht zentrale Lösungen für den kompletten DFB und BFV, sondern es muss zwingend auf die regionalen Bedürfnisse eingegangen werden. Wir in den Flächenlandkreisen haben nämlich ganz andere Probleme wie die Vereine in den Großstädten. Hierzu sollten die Vereinsvertreter - bei geplanten Änderungen - früh und ehrlich miteingebunden werden, damit die Sorgen und Bedürfnisse der Basis berücksichtigt werden. Jedoch wird viel zu viel von oben - sprich DFB und BFV - nach unten zu den kleinen Vereinen durchgedrückt - noch dazu meist ohne jegliche Kompromissbereitschaft.
Kagerbauer: Ich habe keine Sofortlösung, aber Gedanken, die reifen könnten. In Bezug auf unseren Landkreis wäre eine Grenzlandförderung eine hervorragende Geschichte. Mehr finanzielle Förderungen im Sportstättenbereich durch den BFV beim Bau von SoccerCourts und Kunstrasenplätzen. Dann gibt es eine Reihe weiterer Punkte, die man anstoßen könnte. Vereine, die Jugendarbeit betreiben, finanziell entlasten. Zum Beispiel beim Schiedsrichter-Pool oder den IT-Kosten. Ein Prämienprogramm für Vereine einführen, die Spieler an ein NLZ abgeben. Für Ehrenamtliche gewissen Anreize und Mehrwerte schaffen. Außerdem wär es sehr wichtig, die Ausbildungsentschädigungen bei Vereinswechseln zu verändern. Aktuell werden Spieler fast schon belohnt, wenn diese jede Saison bei einem anderen Klub kicken. Wenn ein Aktiver nämlich nicht 18 Monate am Stück bei einem Verein war, wird die vorgeschriebene Ausbildungsvergütung halbiert. Absolut sinnfrei....
Der erste Teil des Interviews mit Alois Wittenzellner und Thomas Kagerbauer: