
Die Entwicklung des Herren- und vor allem Jugendfußball im Bayerischen Wald ist durchaus besorgniserregend. Die Zahl der höherklassigen Vereine hat in den letzten Jahren rapide abgenommen. Noch schlechter sieht es bei den Nachwuchsmannschaften aus. Geht es so weiter, werden viele Waidler-Klubs über kurz oder lang von der Bildfläche verschwinden oder ihre Existenz nur mehr mit Spielgemeinschaften sichern können.
Wir haben uns mit zwei Vereinsfunktionären unterhalten, die im Bayerischen Wald Begriffe sind. Alois Wittenzellner (Abteilungsleiter der SpVgg Ruhmannsfelden) und Thomas Kagerbauer (1. Vorstand und sportlicher Leiter des SC Zwiesel) haben uns in einem zweiteiligen Interview Rede und Antwort gestanden.
Vor 25 Jahren war der Landkreis Regen noch mit sechs Vereinen höherklassig vertreten. Aktuell spielen nur noch die SpVgg Ruhmannsfelden und der SV Bischofsmais in der Bezirksliga. Noch schlechter sieht es im Jugendbereich aus. Nur mehr eine aus mehreren Vereinen bestehende SG unter der Federführung des TSV Regen ist in der U19-Bezirksoberliga am Start und dort schon dreimal nicht angetreten. In allen anderen Altersklassen ist kein Landkreisverein mehr oberhalb der Kreisliga zu finden. Woran ist diese negative Entwicklung festzumachen?
Alois Wittenzellner (39): Natürlich wirkt sich der demografische Wandel bei uns in der Region auch sehr direkt auf den Fußball aus. Viele kleinere Vereine kämpfen ums Überleben und setzen dann nicht selten auf zwei, drei Co-Spielertrainer, die gut vergütet werden. Dieser finanzielle Anreiz geht zu Lasten des Erfolges der größeren Vereine, denn wer soll sich höherklassig engagieren, wenn er für deutlich weniger Aufwand finanziell top entschädigt wird. Hinzu kommt, dass viele junge Fußballer nach der Schulzeit zum Studieren in die größeren Städte ziehen und dann den hohen Aufwand nicht mehr stemmen wollen bzw. können. Im Jugendbereich holen uns die Fehler der Vergangenheit ein. Es wurden vor Jahren - häufig nur um des Erfolges willen - Spielgemeinschaften und Jugendfördergemeinschaften gegründet, die teilweise drei bis vier Mannschaften pro Altersklasse stellten. Dies ging zu Lasten anderer Vereine. Dadurch ging nämlich die Bindung der Jugendlichen zu den Heimatvereinen verloren und viele haben dem Fußball irgendwann den Rücken gekehrt. Ein weiterer Punkt ist das deutlich vermehrte Angebot für die Jugendlichen, ihnen stehen einfach ein größeres Freizeitprogramm zur Verfügung als noch vor 20 oder 30 Jahren. Ein großes Umdenken muss zwingend bei den Nachwuchsleistungszentren stattfinden. Ich persönlich werde weiterhin jeden Spieler unterstützen, der das notwendige Talent mitbringt, um höherklassig zu spielen. Jedoch kann es nicht sein, dass dritte Mannschaften eines NLZs am Spielbetrieb teilnehmen. Das geht zu Lasten der kleineren Vereine und gehört schlichtweg unterbunden!
Thomas Kagerbauer (44): Diese Frage kann man nicht in wenigen Worten beantworten und ist auch nicht mit einer Sichtweise erklärt. Die Gründe sind ein immer schwieriger werdendes Ehrenamt. Man findet kaum noch qualifizierte Trainer für die Jugendarbeit, die Kinder mitreißen und begeistern können. Zudem hat sich die Gesellschaft gewandelt: Man braucht einen flexibleren Terminplan, denn die Familien wollen ihre Wochenenden planen. Der Zeitaufwand für den Fußball ist Eltern und Jugendliche mittlerweile oft zu hoch. Es gibt einen Event-Lifestyle und vielfältige Alternativangebote, hinzu kommen Gesellschaftsprobleme mit Leistung und Wettbewerb umzugehen. Ein Thema sind auch NLZ und Stützpunkt im zu jungen Alter. Kein Verein darf sich aber aus der Verantwortung nehmen. Oft haben wir nämlich den einfacheren Weg gewählt und eine JFG oder SG bevorzugt, anstatt selbst mehr zu leisten.
Bleiben wir beim Stichwort Nachwuchs. Woran liegt es eurer Meinung nach, dass fast jeder Verein im Kleinfeldbereich relativ viele Kinder hat, von denen aber der Großteil schon im C- und B-Jugendbereich nicht mehr aktiv ist!?
Wittenzellner: Als Hauptgrund sind die persönlichen Interessen der Kinder und der Eltern zu sehen. Die Eltern sind oft nur wenig daran bedacht, dass sich ihre Kinder in Vereinen entwickeln. Ein sehr großer Punkt nimmt natürlich die Digitalisierung ein, denn viele Jugendliche verbringen viel zu viel Zeit am Computer und den Konsolen.
Wäre es sinnvoll, die Altersgrenze für den Einsatz von Jugendlichen im Erwachsenenbereich zu senken? Vielen kleinen Vereinen würde das sicherlich helfen...
Wittenzellner: Ich denke, man sollte in diesem Bereich über viele Alternativen nachdenken dürfen - gerne auch über eine Senkung der Altersgrenze. Denkbar wäre sicherlich, dass der U19-Jahrgang schon komplett in den Herrenbereich geschoben wird.
Kagerbauer: Nein. Von der körperlich Entwicklung ist es sinnvoll, bis 18 Jahren in der Jugend zu spielen. Jedoch sollte man den Vereinen und Spielern mehr Flexibilität zugestehen. Es gibt Ausnahmefälle, bei denen es manchmal auch früher für alle Seiten Sinn macht, einen jungen Spieler bei den Herren einzusetzen.
Im zweiten Teil des Interviews äußern sich Wittenzellner und Kagerbauer unter anderem über die "modernen" Spielformen wie Futsal und Mini-Fußball, wie dem Vereinssterben entgegengesteuert werden kann und was von Verbandsseite besser laufen könnte.