
Ja, man darf getrost feststellen, dass er das zurückliegende "Nord-Süd-Gefälle" gut gemeistert hat: Jannis Turtschan, geboren am 21. Oktober 2001, hat sich in seiner ersten Saison beim SV Wacker Burghausen zu einer echten Konstante in der Defensive der Salzachstädter entwickelt.
Der Blick in seine bisherige Kicker-Vita: Die fußballerischen Wurzeln liegen bei der SpVgg Unterhaching, mit der er auch bereits erste Profi-Erfahrungen in der 3. Liga sammeln konnte. Danach wagte er den Sprung in den hohen Norden, nämlich zur zweiten Mannschaft des Hamburger Kult-Clubs FC St. Pauli, für den er die Fußballstiefel drei Spielzeiten lang in der Regionalliga Nord schnürte.
In Burghausen hat sich der Defensivspezialist schnell unverzichtbar gemacht. Turtschan besticht auf dem Platz durch seine Zweikampfstärke, seine taktische Disziplin und seinen Einsatzwillen. 28 Einsätze stehen bei ihm in der vergangenen Saison, in der er auch mit einigen Assists die Offensivabteilung unterstützen konnte, zu Buche.
Mit der abgelaufenen Spielzeit "kann man tabellarisch gesehen insgesamt eher weniger zufrieden sein, da der Anspruch zu Beginn ein anderer war", bilanziert Turtschan und ergänzt: "Spielerisch hatten wir einige gute Pariten, in denen wir uns leider - gerade gegen die Top-Teams der Liga - zu selten belohnt haben."
Persönlich ist er mit seiner Leistung zufrieden. "Aufgrund meines späten Wechsels nach Burghausen fehlte mir fast die komplette Sommervorbereitung mit der Mannschaft, aber nach den ersten Wochen konnte ich mich immer besser einfinden und viele Minuten sammeln." Trotzdem gebe es auch bei ihm noch "Potenzial nach oben - und ich möchte mich in allen Bereichen weiter verbessern."
Jannis: Die Regionalliga Bayern wird ja oft als „Champions League der Amateure“ bezeichnet. Was macht es für einen Verteidiger so besonders – aber auch so schwer –, in dieser Liga die Null zu halten?
In der Liga hat nahezu jede Mannschaft eine hohe individuelle Qualität in der Offensive. Als Verteidiger musst du 90 Minuten lang wach sein, weil kleine Fehler in der Regel direkt bestraft werden. Gleichzeitig macht genau das den Reiz der Liga aus. Wenn man als Mannschaft die Null hält, weiß man, dass die gesamte Mannschaft defensiv einen guten Job gemacht und diszipliniert verteidigt hat.
Ein guter Abwehrspieler besticht entweder durch kompromisslose Zweikampfhärte oder ein exzellentes Auge für das Spiel. Wo siehst du deine absoluten Stärken? Und in welcher Kategorie musst du manchmal noch nachbessern?
Meine Stärken liegen da eher im Zweikampfverhalten, meiner Laufbereitschaft und meiner Mentalität. Ich versuche, meinem Gegenspieler über 90 Minuten wenig Raum zu geben, immer präsent und 'eklig' zu sein. Verbesserungspotenzial sehe ich vor allem noch im letzten Drittel und in manchen offensiven Aktionen.
Das moderne Spiel verlangt von Verteidigern auch Qualitäten im Spielaufbau. Bist du eher der Typ „Sicherheitspass zum Nebenmann“? Oder packst du gerne mal die lasergenaue 40-Meter-Diagonale aus?
Grundsätzlich versuche ich die richtige Entscheidung für die jeweilige Spielsituation zu treffen. Wenn der einfache Ball zum Nebenmann die beste Lösung ist, dann spiele ich ihn. Allerdings musst du heutzutage als Außenverteidiger auch mutig sein - und zu jeder Spielsituation passende Lösungen finden.
Hand aufs Herz: Welcher Stürmer oder welche Offensivabteilung in der Regionalliga Bayern hat dir bis dato die meisten Kopfschmerzen bereitet - und warum?
Es gibt in der Regionalliga Bayern viele starke Offensivspieler. Besonders unangenehm sind schnelle Flügelspieler, die immer wieder das Eins-gegen-Eins suchen. Gegen solche Angreifer musst du immer wach und keine Sekunde unaufmerksam sein. Idealerweise bist du den Spielern im Kopf immer einen Schritt voraus. Letztes Jahr war meiner Meinung nach vor allem die Offensivabteilung der Würzburger Kickers brutal stark, weshalb sie sich auch zurecht in den Aufstiegspartien durchgesetzt haben.

Die ewige Debatte: Dreier-/Fünferkette oder die klassische Viererkette? Welches System liegt dir persönlich am besten? Und wo fühlst du dich am wohlsten?
Als Außenverteidiger fühle ich mich in einer Viererkette am wohlsten. Da hat man sowohl defensiv als auch offensiv viele Aufgaben und kann sein Spiel gut einbringen. Allerdings hat eine Dreier- bzw. Fünferkette als Schienenspieler auch ihren Reiz, da man offensiv nochmal viel mehr Raum hat und sich mehr Möglichkeiten nach vorne erarbeiten kann.
Als Defensivspezialist muss man auf dem Platz vor allem eins sein: laut! Wie dirigierst du deine Vorderleute – bist du eher der emotionale Antreiber oder doch meist der ruhige, sachliche Stratege?
Ich würde sagen, eine Mischung aus beidem. Als Außenverteidiger muss man viel kommunizieren und seine Neben- und Vorderleute unterstützen. Dabei versuche ich, ruhig und sachlich zu bleiben. Trotzdem ist es auch wichtig, in gewissen Situationen Emotionen und Feuer auf den Platz zu bringen.
Was war in deiner bisherigen Karriere dein absolutes Highlight-Zweikampfduell oder deine spektakulärste Rettungsaktion, an die du dich heute noch gerne erinnerst?
Einen richtigen Moment möchte ich hier gar nicht hervorheben. Besonders in Erinnerung bleiben da eher Situationen, in denen man mit einer Grätsche oder einem gewonnenen Zweikampf ein Gegentor verhindert. Das sind oft Aktionen, die von außen vielleicht nicht so spektakulär wirken, für einen Verteidiger aber enorm wichtig sind.
Heutzutage wird im Strafraum extrem viel gehalten, gezupft und psychologisch gearbeitet. Was ist dein (legaler!) Lieblingstrick, um einem Stürmer schon vor dem ersten Ballkontakt den Spaß am Spiel zu nehmen?
Ich versuche einfach von Anfang an körperlich präsent zu sein und dem Gegner zu zeigen, dass jeder Ball umkämpft wird - und es für ihn heute unangenehm werden könnte. Dabei ist für mich alles legal, was mit cleverem Stellungsspiel, Körperkontakt und richtigem Timing zu tun hat.

Stichwort Offensivdrang: Ein Tor nach einer eigenen Ecke oder eine perfekte Grätsche in allerletzter Sekunde, die das Gegentor verhindert – was lässt dein Verteidiger-Herz höher schlagen?
Gute Frage… Ich würde mich für die perfekte Grätsche entscheiden. Ein Tor nehme ich natürlich gerne mit, aber wenn man in letzter Sekunde einen Treffer verhindert und damit der Mannschaft den Sieg rettet, ist das noch besser. Zusätzlich bin ich bei unseren offensiven Ecken eher in der Absicherung tätig oder schlage die Standards selber. Aber vielleicht entdecke ich in der kommenden Saison das Tore schießen für mich - und würde die Frage dann anders beantworten (lacht).
Zum Abschluss: Welcher ehemalige oder aktive Profi-Verteidiger ist dein großes Vorbild in Sachen Mentalität und Spielweise - und warum?
Ich tendiere da eher zu Abwehrspielern, die defensiv kompromisslos verteidigen, aber trotzdem spielerische Akzente setzen. Ein perfektes Beispiel ist Philipp Lahm, der durch seine intelligente Spielweise über viele Jahre hinweg zuverlässig und immer mannschaftsdienlich gearbeitet hat. Gerade als Außenverteidiger konnte man sich von ihm viel abschauen.

Und noch die Nachspielzeit-Frage: Wie schneidet dein Team in der kommenden Saison ab? Wo steht ihr?
Wir haben im Sommer einige Veränderungen im Kader und im Trainerteam erlebt. Deshalb wird es für uns zuerst wichtig sein, uns schnell zu finden und als Mannschaft zusammenzuwachsen. Wenn uns das gelingt und wir das Potenzial unserer jungen Mannschaft auf den Platz bringen, dann können wir auch dieses Jahr wieder eine gute Rolle in der Liga spielen. Allerdings steht uns da zuerst noch eine Menge Arbeit bevor...
Dafür wünschen wir gutes Gelingen! Vielen Dank für die Beantwortung unserer Fragen.