
Ein völlig vogelwilder Abend in der Mittelrheinliga! Der SSV Merten hat die SpVg Porz in einem denkwürdigen Offensiv-Spektakel mit 8:3 zerlegt und klettert damit vorübergehend auf den vierten Tabellenplatz. Während die Hausherren ein wahres Tor-Feuerwerk abbrannten, offenbarten die Porzer beim nunmehr 83. Gegentor der laufenden Spielzeit unübersehbare defensive Auflösungserscheinungen.
Es war ein Spiel, das die Zuschauer wohl so schnell nicht vergessen werden. Bilal El Morabiti (6.) und Gaspard Fehlinger (13.) schossen Merten früh in Front. Zwar verkürzte Luca Fünfzig per Foulelfmeter (23.), doch Hamza Salman stellte fast postwendend den alten Abstand wieder her (26.). Nach der Pause brachen bei den Gästen alle Dämme: Erneut El Morabiti, Pascal Köpp, Adrian Engels und der überragende Dreierpacker Fehlinger schraubten das Ergebnis in die Höhe.
Mertens Coach Bünyamin Kilic bilanzierte nach dem Schlusspfiff: „In der ersten Halbzeit stand es noch 3:1 und den zweiten Durchgang entscheiden wir letztendlich mit 5:2 für uns. Der Sieg geht absolut in Ordnung, aber so richtig zufrieden bin ich nicht: Drei Gegentore hatten wir bisher in dieser Saison noch gar nicht kassiert – das ist in der Summe einfach zu viel.“
Besonders der Strafstoß im ersten Durchgang stieß dem Merten-Trainer sauer auf: „Das erste Gegentor war wieder ein absolutes Geschenk. Wir kriegen beim Stand von 2:0 einen Elfmeter gegen uns, wodurch der Schiedsrichter noch mal unnötig Spannung ins Spiel bringt. Für mich war das im Leben kein Strafstoß. Es gab zwar eine minimale Berührung, aber selbst die Porzer waren davon überrascht – so eine Entscheidung macht dir dann schon ein bisschen das Spiel kaputt. Nach dem Gegentor aus der Vorwoche war das wieder so ein Ding, wo ich mich einfach nur aufregen kann. Ich mag es überhaupt nicht, wenn wir solche unverdienten Gegentreffer bekommen. Wir haben uns danach aber gefangen und das 3:1 nachgelegt. Wir haben wirklich wunderschöne, super herausgespielte Tore gezeigt, aber drei Gegentore sind einfach zu viel, erst recht vor eigenem Publikum.“
Dennoch untermauerte der SSV seine beängstigende Heimstärke, bei der in den letzten vier Partien sage und schreibe 22 Treffer heraussprangen. „Wenn man sich das Ganze aber mal anschaut: Das letzte Spiel gegen Düren ging 6:0 aus, davor gegen Hennef gab es vier Stück und davor gegen Bergisch Gladbach ebenfalls vier. Damit hatten wir in drei Spielen schon 14 Buden, heute kamen noch mal acht dazu – das macht 22 Tore in vier Heimspielen. Das ist schon herausragend! Wir sind zu Hause gefühlt eine echte Macht, das macht richtig Spaß und die Zuschauer haben Bock. Das Spiel hätte gefühlt aber auch 14:5 oder 14:6 ausgehen können. Wir haben selbst noch einiges liegenlassen und viermal Aluminium getroffen, während Porz ebenfalls einmal an der Latte scheiterte. Ein chancenarmes Spiel war das definitiv nicht. Jetzt wollen wir natürlich in Weiden nachlegen, um dann gegen Siegburg hier noch mal ein echtes Highlight-Spiel zum Abschluss zu haben“, blickte Kilic voraus.
Auf der anderen Seite stand Porz-Trainer Jonas Wendt fassungslos vor den Ruinen seiner Defensivabteilung. „Offensiv haben wir eigentlich gar keinen schlechten Fußball gespielt. Mit drei Toren auswärts in Merten kannst du normalerweise gut leben. Wir hätten heute eigentlich sieben Dinger schießen müssen – allerdings hätte Merten im Gegenzug auch 14 machen können. Ein reales Ergebnis von 14:7 wäre dem Spielverlauf nach tatsächlich denkbar gewesen“, ordnet Wendt die Defensivleistung ein.
Die Kritik an der eigenen Hintermannschaft fiel vernichtend aus: „Das deckt schonungslos unsere Defensivprobleme auf: Wir haben verteidigt wie ein A-Ligist und sind überhaupt nicht in die Zweikämpfe gekommen. Man muss aber auch einfach anerkennen, dass der Gegner eine brutale Qualität besitzt – Merten ist eine absolute Top-Mannschaft, die nächste Saison mit Sicherheit ganz oben mitspielen wird. Das war heute mindestens ein Zweiklassenunterschied. Was wir defensiv gezeigt haben, war unterirdisch. Gefühlt hatten wir eine Zweikampfquote von 10 zu 90 Prozent und haben vier Tore nach exakt demselben Muster kassiert. Dabei kommen wir eigentlich ganz gut rein und müssen das 1:0 machen. Wir hatten vor dem Spiel extra angesprochen, dass wir diagonale Bälle oder Freistöße aus dem Halbfeld immer lang ziehen müssen, damit sie nicht abgefangen werden. Weil es bei Merten danach einfach blitzschnell geht. Und genau so entsteht nach fünk Minuten das 0:1: Ein Halbfeldfreistöß landet halbhoch am Sechzehner, wird sofort abgefangen und sie fahren den Konter. Direkt danach kriegen wir das 0:2, da war die Messe eigentlich schon gelesen. Über einen für uns sehr schmeichelhaften Elfmeter kommen wir noch mal ein Stück weit ins Spiel zurück, fangen uns dann aber direkt das 1:3 – wieder nach demselben Muster: kein Zugriff über außen, Flanke an den langen Pfosten, Tor.“
Zu allem Überfluss ging das Wendt-Team auch noch mit einem akut gehandicapten Keeper in das ungleiche Duell. „Heute haben wir gefühlt ohne Torwart gespielt. Lukas Cunic stand im Kasten, hatte aber vor dem Spiel schon Krämpfe, dass wir ihn massieren mussten – das ist kein Scherz. Ich mache ihm da den geringsten Vorwurf und wir sind sehr dankbar, dass er sich in unserer Situation überhaupt reinstellt. Aber auf diesem Niveau kannst du so was gegen einen solchen Gegner natürlich nicht bringen. Gegen Vichttal haben wir das defensiv noch anders weggesteckt, weil wir einen Fabian Cordes auf dem Platz hatten, der so eine Mannschaft mit seinem Herzen mitzieht. Er hat heute ebenso gefehlt wie Etienne Kamm und Metin Kizil“, so Wendt, der für den Sommer radikale Schritte ankündigte, auch wenn das Saisonziel Klassenerhalt erreicht ist.
„Wir sind unheimlich froh, wenn diese Saison zu Ende ist. Wie schon angekündigt, müssen wir im Sommer ein absolutes Facelift betreiben. Wir haben aktuell einfach nicht mehr diese Porzer DNA auf dem Platz, die uns über Jahre hinweg ausgezeichnet hat. Da sind zu viele Spieler dabei, die das nicht mehr leben und auch nicht mehr leben wollen. Das ist am Ende auch menschlich – irgendwann ist der Tank eben leer, auch mental, und das merkt man einigen extrem an. Am Ende des Tages sind wir für die Kaderzusammenstellung verantwortlich. Da fassen wir uns selbst an die Nase und versuchen, das in der nächsten Saison besser zu machen. Wir hatten eine klare Zielsetzung: mit den Möglichkeiten, die wir haben, erneut die Liga zu halten. Und dieses Ziel haben wir geschafft – auch wenn es jetzt ‚nur‘ noch 32 Tore Vorsprung auf die Abstiegsplätze sind. In der nächsten Spielzeit werden wir alles versuchen, diese alte DNA wieder auf den Platz zu bekommen. Dann mit deutlich jüngeren Spielern, aber die haben wieder Herz. Ob am Ende alle das Oberliga-Level haben, wird man sehen. Aber man muss auch ganz klar sagen: Heute standen Spieler auf dem Platz, die kein Oberliga-Niveau verkörpern. Und damit meine ich nicht mal nur die individuelle Qualität, sondern das Herz, das man für diese Art von Fußball in dieser Liga einfach braucht.“