
Auf dem Parkett der Mittellandhalle in Barleben war gerade das Spiel um Platz drei gestartet, als die Spielerinnen und Verantwortlichen des FSV Saxonia Tangermünde am Sonntag bereits ihre Sachen packten. "Der Fußball hat hier verloren", schimpfte Saxonia-Coach Sven Bongartz enttäuscht, bevor er sich in den Bus nach Hause setzte. Seine Mannschaft stand im Mittelpunkt einer denkwürdigen Endrunde des Frauen-Hallenmasters.
Die Vorrunden-Gruppen waren beendet, die Halbfinals bereits ausgetragen, als der große Knall folgte: Saxonia Tangermünde wurde disqualifiziert. "Wir haben eine Spielerin, die spielt beim FCM in der Jugend. Sie ist von uns dorthin gewechselt, wir waren damit einverstanden und haben uns das Zweitspielrecht sichern lassen", berichtete Bongartz.
Mit eben jenem Zweitspielrecht sollte die junge Torhüterin am Sonntag in Barleben auflaufen. Doch das durfte sie laut Spielordnung, auf die die Durchführungsbestimmungen des FSA-Hallenfutsalcups verweisen, nicht. Unter Paragraf 6, Punkt 13. heißt es: "Treten Stamm- und Zweitverein im selben Pokal- oder Hallenwettbewerb an, ist der Spieler
nur für den Stammverein spielberechtigt." Auf diese Problematik hat am Sonntag aber zunächst wohl niemand geachtet.
"Vor dem Halbfinale fällt es dem FSA dann auf, wohl auf Hinweis des 1. FC Magdeburg, was ich noch viel schlimmer finde, dass der Verein seine eigene Jugendspielerin verpfeift", sagte Bongartz. Die Halbfinals wurden trotzdem gespielt. Aber: "Eigentlich war das sinnlos", betonte Bongartz. Denn Saxonia und der FCM hatten sich zwar zwischenzeitlich geeinigt, weiterzuspielen, rechtlich abgesichert war diese "Einigung" aber natürlich nicht.

Deshalb schalteten sich die FSA-Verantwortlichen rund um den zuständigen Vizepräsidenten Robin Seitenglanz und dem Vorsitzenden des Frauen- und Mädchenausschusses Leonard Korn ein. Alle Vereinsverantwortlichen wurden zum Schiedsgericht gerufen. Im Kreis auf dem Parkett wurde lange und hitzig diskutiert. Saxonia Tangermünde wurde disqualifiziert – die Verkündung dessen wurde in der Halle mit Pfiffen und lautstarken Rufen quittiert.
Doch damit war das Problem nicht gelöst. Im zweiten Schritt ging es darum, wie mit der Endrunde weiter zu verfahren ist. Der SV Allemannia Jessen war anstelle der Saxoninnen ins Halbfinale nachgerückt und sollte dieses zunächst – wie zuvor Tangermünde – gegen den FC Stahl Aken absolvieren. Das zweite Halbfinale sollte, so stellte es der Verband vor, indes nicht wiederholt werden. Doch auch diese Sache hatte einen Haken.

Durch die Tangermünder Disqualifikation wurde der 1. FC Magdeburg, der mit seiner U23 angetreten war, vom Zweitplatzierten zum Gruppensieger in Gruppe A. Die Halbfinal-Paarungen veränderten sich dadurch folglich. Weshalb nach mehreren langen Diskussionsrunden schließlich die Entscheidung feststand: Beide schon gespielten Halbfinals mussten wiederholt werden.
Mit dem FC Stahl Aken und dem 1. FC Magdeburg trafen im ersten Halbfinale die Teams aufeinander, die sich zuvor schon sportlich für das Endspiel qualifiziert hatten. Im Sechsmeterschießen setzte sich Aken durch. „Nach dem ganzen Trouble war es eine Lotterie“, sagte Stahl-Coach Pascal Bönecke.

Dies galt auch für das zweite Halbfinale zwischen der SG Einheit Halle und dem eigentlich drittplatzierten, aber nachgerückten SV Allemannia Jessen. Im Sechsmeterschießen behielten die Jessenerinnen das bessere Ende. „Das war ein sehr kurioses Turnier, in dem wir eigentlich schon ausgeschieden waren. Wir sind glücklich, dass es dann doch noch fürs Finale gereicht hat“, erklärte Jessen-Coach Tobias Klier und ergänzte: „So ein Hin und Her kann man sich aber sparen, denn die Entscheidung hätte aus meiner Sicht eher getroffen werden müssen. Ich hoffe, dass man das in Zukunft besser hinbekommt, so dass es weniger Stress und Ärger gibt."

Das hofft auch Garry Freiburg, Trainer der SG Einheit Halle und einer der Wortführer im Austausch der Mannschaftsverantwortlichen. „Der FSA hat einen schwarzen Sonntag für den Frauenfußball in Sachsen-Anhalt angerichtet“, schimpfte der 35-Jährige und verwies auf das Fokusjahr, mit dem der Landesverband den Frauen- und Mädchenfußball eigentlich positiv in den Mittelpunkt rücken möchte.
„Was als bitterer Beigeschmack bleibt, ist, dass der FSA im Fußballjahr der Frauen 2026 sichtlich überfordert war mit der Situation“, sagte Freiburg und fragte sich: „Wie es der jungen Torhüterin von Tangermünde geht oder der Fakt, dass gleich das gesamte Team disqualifiziert wurde, war scheinbar einfach nebensächlich?“

Verlierer gab es am Sonntag in der Mittellandhalle in Barleben so einige – zu ihnen zählte gewiss der FSV Saxonia Tangermünde. „Wir haben bis dahin ein super Turnier gespielt und ich glaube, das war vielleicht das Problem, weshalb dieser Hinweis gekommen ist und uns so der Wind aus den Segeln genommen wurde“, spekulierte Bongartz: „Das finde ich einfach traurig.“
Ein anderer Verlierer war gewiss der Landesverband. "Die diesjährige Hallenlandesmeisterschaft der Frauen in Sachsen-Anhalt wurde von einer unglücklichen Fehlerkette überschattet, die letztlich zu einer für alle Beteiligten unbefriedigenden Situation führte", erklärte FSA-Vizepräsident Seitenglanz auf FuPa-Anfrage und weiter: "Im Zentrum stand die Regelung zum Zweitspielrecht, die in der Spielordnung klar definiert ist. Die eingereichten Meldelisten wurden vor Turnierbeginn nicht ausreichend überprüft."
Dass eine Spielerin nach aktuellem Stand mit Zweitspielrecht nur für ihren Stammverein antreten darf, sollten beide Vereine in einem Wettbewerb aufeinandertreffen, hätte "klarer kommuniziert werden müssen", räumte Seitenglanz ein. Und der 40-Jährige betonte zugleich: "Wichtig ist uns festzuhalten: Die betroffene Spielerin trifft keinerlei Schuld und Tangermünde ist nicht der Sündenbock. Der FSA wird alles daransetzen, dass sie dem Fußball erhalten bleibt und nicht unter den Umständen leidet."

Sachlich betrachtet seien Fehler unterlaufen - "das ist menschlich und kann in einem sich verändernden System vorkommen", so Seitenglanz. "Wir befinden uns in einem Prozess der strukturellen Veränderung, in dem Fehler passieren – diese ärgern uns selbst am meisten. Aber wir werden die richtigen Stellschrauben finden, damit sich solche Situationen nicht wiederholen."
Einziger Sieger indes war der FC Stahl Aken, dessen historischer Erfolg vom ganzen Drumherum etwas überstrahlt wurde. "Nach dem ersten Halbfinale habe ich schon gesagt, uns stoppt hier niemand mehr. Nach dem zweiten Halbfinale war es dann die logische Konsequenz, dass wir das Ding holen müssen", strahlte Stahl-Coach Bönecke nach dem torlosen Finale und dem erneuten Sieg vom Punkt.
„Wir waren in der regulären Spielzeit megadiszipliniert und wussten, dass wir aus dem Spiel heraus schwer zu knacken sind. Im Sechsmeterschießen haben wir kaum Nerven gezeigt“, analysierte er den überraschenden Turniersieg. Mit diesem sicherte sich der Landesligist sein Ticket für die NOFV-Endrunde am 15. Februar im thüringischen Bad Berka. „Wir wollen uns da ein schönes Wochenende machen", kündigte Bönecke an. Dann sollen ausschließlich die sportlichen Leistungen im Mittelpunkt stehen.
