Marina Hambloch beherrscht den notwendigen Kasernenhof-Ton: „Gianni!“, ruft die Sportphysiotherapeutin durch die Praxis Heitbrink am Kapellenweg. Der Angesprochene kommt umgehend hinzu. „Sorry“, sagt Gianluca Silberbach, „ich wollte nicht zu spät zur Behandlung kommen.“ Hambloch schmunzelt. Denn um Massagen oder Anwendungen geht es an diesem Mittag nicht für die Oberliga-Fußballer von Ratingen 04/19.
Sven Kreyer und Fabio Di Gaetano hatten schon gewusst, was auf sie zukommen würde. Der Stürmer und der Mittelfeldmann hatten das Athletiktraining in der Winterpause der Oberliga in der Physiotherapiepraxis Heitbrink bereits einmal mitgemacht. Ihre Premiere bei der Einheit feiern Rinor Rexha, Bo Lasse Henrichs, Zissis Alexandris, Tim Klefisch, Ali Can Ilbay und eben Silberbach. Und der Defensiv-Allrounder ist trotz all der körperlichen Anstrengung nie um einen lockeren Spruch verlegen. „Die Station hier finde ich gut“, sagt der seit wenigen Tagen 30-Jährige und setzt sich in einen der grün gepolsterten Stühle des Wartezimmers.
Nein, so einfach wird es nicht. Insgesamt zwölf Stationen haben die Physiotherapeuten Hambloch, die auch Standortleiterin am Kapellenweg ist, und Jonas Oberwinster in der Praxis aufgebaut und die Fußballer in zwei Gruppen eingeteilt, nachdem alle mit Oberwinster erst einmal laufen waren. Der Handballer des TV Ratingen macht seine erste Gruppe mit seinen Übungen vertraut: „Ihr macht an jeder Station direkt zwei Zyklen hintereinander. 40 Sekunden Belastung, 20 Sekunden Pause, 40 Sekunden Belastung, dann Wechsel“, erklärt er Di Gaetano, Henrichs, Silberbach und Rexha. Zur „beliebten“ Beinpresse gibt es die Ansage: „Das Gewicht ist schon eingestellt. Wenn euch das zu leicht ist, packt noch etwas drauf – aber ihr geht nie darunter.“
Es gibt Übungen für die Waden, die Oberschenkel und den Rücken, dazu ein wenig Balance und Koordination. So steht etwa Rexha auf einem „Balance Pad“, einer elastischen Halbkugel, mit einem Ball in der Hand vor einer Wand. Darauf ist eine Art Zielscheibe gemalt, die Übung sieht vor, dass der Fußballer in die Hocke geht, daraus gerade wieder hoch, den Ball dabei auf die Markierung an der Wand wirft und ihn wieder auffängt. Oberwinster korrigiert Rexhas Haltung, dann starten die ersten 40 Sekunden.
Und dass die schmerzhaft sein können, sieht man nach und nach in allen Gesichtern – trotz der vorhandenen Grund-Fitness und -Athletik. Die Musik aus den portablen Boxen hilft, aber nur bedingt.
Bei Hambloch ist das eigentliche Wartezimmer der Praxis umfunktioniert: Auf einer Matte macht Alexandris „Burpees“, also aus dem Stand in den Liegestütz, einmal runter, wieder hoch, aufstehen, ein gerader Sprung. „Komm Zissis, drei schaffst du noch. Noch zehn Sekunden“, sagt Hambloch mit akribischen Blicken zwischen Stoppuhr und den Trainierenden. „Tempo hochhalten“, lautet die Anweisung an Kreyer, der seitliche Sprünge auf einen kleinen Kasten macht, während Klefisch auf einer weiteren Matte den Rumpf trainiert, indem er auf dem Rücken liegend mit einem ausgestreckten Arm das diagonal ebenfalls ausgestreckte Bein berührt. „Das reicht jetzt aber“, meint der Mittelfeldmann in einer Pause, „ich muss nachher noch spielen.“Hambloch nickt scheinbar verständninsvoll: „Na klar.“ Klefisch grinst.
Denn die Athletik-Einheiten sind quasi ein Spiel-Ersatztraining. 04/19-Chefcoach Peter Radojewski teilt den großen Kader in der Winter-Vorbereitung auf, nimmt zu den Testspielen nur einen Teil mit, der dann auch eingesetzt wird, während der andere Teil eben bei Heitbrink arbeitet. Und die etwas mehr als eine Stunde in der Praxis sind tatsächlich körperliche Arbeit. Es gibt nur eine einzige Übung mit Ball am Fuß: Auf einer Schaumstoffplatte balanciert Ilbay einbeinig – mit dem Fuß, der in der Luft ist, spielt er den Ball an die Wand. Das sieht verhältnismäßig entspannt aus – bei den anderen Stationen dehnen sich die 40 Sekunden bis über die Schmerzgrenzen.
Nachdem die Gruppen gewechselt haben, erklärt Hambloch ihre sechs Stationen dem nächsten Quartett, drei Durchgänge sind gefordert. „Und danach habe ich noch eine kleine Überraschung für euch“, sagt die Sportphysiotherapeutin. „Eine positive?“, fragt Di Gaetano hoffnungsvoll und zweifelnd zugleich. „Für euren Körper schon“, entgegnet Hambloch. Die hat danach immer wieder Dialoge vor allem mit Silberbach. Der bekommt bei den seitlichen Sprüngen ein Lob: „Gutes Tempo, Gianni“, findet bei den beidbeinigen Hocksprüngen auf die „Plyo Soft Box“ dann aber: „Boah, das ist voll hoch.“ „Genau. Zwei Meter, Gianni“, sagt Hambloch spöttisch. Unübersehbar prangt die Angabe „45 Zentimeter“ vorne auf der weichen Box, und das weiß Silberbach – für den wohl besten Kopfballspieler der Ratinger ist das keine Höhe. Aber mit dem Scherz kontert der 30-Jährige den Schmerz.
Beim letzten Durchgang der seitlichen Sprünge moniert Silberbach mit Blick auf die Musik-Box: „Das ist jetzt aber gar nicht mein Lied. Da kann ich hier nicht so Gas geben wie eben.“ Hambloch ändert den Titel: „Für euch machen wir doch alles.“ „Ja, das geht“, findet Silberbach bei den neuen Klängen und schickt ein: „Los Jungs, das schaffen wir“ an seine Teamkollegen hinterher. Di Gaetano muntert ebenfalls auf: „Noch drei Übungen, dann sind wir fertig.“
Nicht ganz, es folgt Hamblochs „Überraschung“: 20 Liegestütze, 30 Kniebeugen, 40 Crunches. „Das ist doch keine Überraschung“, beschwert sich Silberbach lautstark zwischen zwei Kniebeugen. Kurz darauf haben es alle geschafft, die Fußballer klatschen mit den Physiotherapeuten ab. Am Freitag, 7. Februar beginnt für 04/19 die Saison wieder mit dem Spiel beim SC Union Nettetal. Dann endet auch die Zeit dieses Spezialtrainings. „Aber wir kommen auch auf den Platz zum Athletik-Teil des Fußball-Trainings“, erklärt Hambloch. Physiotherapie ist eben mehr als „Behandlung“. Das wusste Silberbach aber auch vorher.
Hinweis Eine ausführliche Bilderstrecke zum Training von Ratingen 04/19 in der Praxis Heitbrink gibt es auf www.rp-online.de/nrw/staedte/ratingen/sport/