Was die meisten Herbstferien nennen, ist für Marcello Trippel der Auftakt zu zwei Englischen Wochen. Am vergangenen Sonntag hatte der Nationalkeeper mit Borussia Mönchengladbach in der U17-DFB-Nachwuchsliga noch Pause, bei der 1:2-Niederlage in Wuppertal stand sein Kollege Aidan Jericho im Tor. Belastungssteuerung heißt das im Fachjargon. Denn erst fünf Tage zuvor hatte der 16-Jährige mit Deutschland in Frankfurt das letzte von drei Qualifikationsspielen der Runde 1 zur U17-Europameisterschaft vom 19. Mai bis 1. Juni 2025 in Albanien bestritten.
Aber ab jetzt geht es für den Schüler des Quirinus-Gymnasiums wieder in die Vollen: Am Mittwoch (Anstoß mittags um 12 Uhr!) wartet der Tabellenführer VfL Bochum, am Sonntag kommt Rot-Weiß Essen auf den Nebenplatz 1 im Borussia-Park. Wiederum nur drei Tage darauf reist der MSV Duisburg an und am 3. November ist Rot-Weiß Oberhausen in Gladbach zu Gast. Ein strammes Programm, doch alles andere als eine Pflichtübung für den Klassemann aus Grimlinghausen.
Dass ihn U17-Cheftrainer Marc Meister vor der EM-Quali in einem persönlichen Gespräch als „Nummer 1“ bestätigt hatte, war natürlich ein gewaltiger Push. Doch während die stolzen Eltern Volker und Steffi Trippel daheim ganz aus dem Häuschen waren, ging Deutschlands im Moment bester Schlussmann in diesem Jahrgang einfach zur Tagesordnung über. „Du musst immer weitermachen.“ Ihm ist bewusst, dass die Grundlagen für die internationalen Einsätze mit der DFB-Auswahl im Klub gelegt werden. „Der Verein ist das Wichtigste!“ Darum hält er stets Kontakt zu seinem Mentor Uwe Kamps, mittlerweile als „Head of Goalkeeping“ Leiter der Torwartausbildung im Nachwuchs-Leistungszentrum der Borussia.
Seine größte Stärke, ist neben Talent, Athletik und Übersicht eine fast schon senhafte Ruhe. „Was sich andere hart erarbeiten müssen, liegt in seiner Natur“, bestätigt die Mama. Diese innere Kraft befähigt ihn zu ganz außergewöhnlichen Leistungen. Gegen Andorra zum Beispiel gelang ihm, obwohl während der mehr als 90 Minuten weitestgehend beschäftigungslos, eine spektakuläre Rettungsaktion: Außerhalb des Strafraum ließ er den Ball nach einem weiten Schlag der Gäste vor deren heranrauschenden Angreifern lässig über den Scheitel zu einem Verteidiger gleiten. „Der erste Kopfball in meinem Leben“, verrät er schmunzelnd.
Beim 3:3 gegen Tschechien hielt er die zwischenzeitliche 3:2-Führung (nach 0:2-Rückstand) mit mehreren Paraden, unter anderem im direkten Duell mit Petr Potmesil (71.) oder nach einem Fernschuss von Josef Hruska (90.), fest. Nur in der Nachspielzeit war er chancenlos. Nach einem Handelfmeter entschied er sich für die linke Ecke, der tschechische Mittelfeldspieler Krystof Cizek schob das Spielgerät aber flach in die Mitte. Und das ärgerte ihn kolossal: „Früher war die Chance, einen Elfmeter zu halten, 50:50. Aber mittlerweile darf der Torwart gar nichts mehr, jetzt geht es mindestens 70 Prozent Richtung Stürmer. Bald brauchst du gar keinen Torwart mehr, weil er sowieso keine Chance hat. Unter diesen Voraussetzungen hältst du, wenn zum Beispiel ein Harry Kane antritt, von 20 Elfmetern keinen einzigen.“
Richtig ran lässt er solche Negativerlebnisse aber nicht an sich. Darum hat er auch kein Problem damit, eigene Fehler zuzugeben. „Der Treffer gegen Belarus zum 1:1 geht komplett auf mich“, bekennt er ohne Ausflüchte. So what? Shit happens! Er sagt: „Wenn du zu viel nachdenkst, belastet dich das zu sehr.“ Das sei indes kein Zeichen fehlender Selbstreflexion, stellt der Vater, einst selbst ein ganz passabler Torwart in der Landesliga, klar: „Wir reden da viel drüber.“
Mit Spannung blickt Marcello Trippel nun auf die Auslosung der zweiten Runde im Dezember. Dazu werden die 28 qualifizierten Nationen in sieben Vierergruppen eingeteilt. Nur die Sieger dieser Gruppen lösen im Frühjahr 2025 das Ticket für die U17-Euro. Albanien ist als Gastgeber gesetzt.