2026-06-01T10:27:43.393Z

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"Es gibt keine Hemmschwelle mehr": Stimmen zum Skandalspiel

Nach dem Spielabbruch zwischen den Sportfreunden Altenessen und dem SC Türkiyemspor Essen haben beide Trainer deutliche Worte gefunden. Während Türkiyemspor-Coach Hasan Fidan mit einer Gesichtsverletzung im Krankenhaus behandelt werden musste, beklagt Altenessens Trainer Erkan Sahin eine zunehmende Verrohung auf den Amateurfußballplätzen.

von Markus Becker · Gestern, 20:40 Uhr · 0 Leser
Schon vor der finalen Eskalation wurde das Spiel kurz unterbrochen.
Schon vor der finalen Eskalation wurde das Spiel kurz unterbrochen. – Foto: Markus Becker

Das sportlich hochbrisante Duell zwischen den Sportfreunden Altenessen und dem SC Türkiyemspor Essen war nach einem Glasflaschenwurf gegen Türkiyemspor-Trainer Hasan Fidan abgebrochen worden. Der Täter soll aus dem Umfeld von AL-ARZ Libanon kommen, ein direkter Kontrahent im Aufstiegskampf. Während die Ermittlungen nun ihren Lauf nehmen, schilderten die Protagonisten den Ablauf eines denkwürdigen Nachmittags.

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Präsenz von AL-ARZ lässt Stimmung zunehmend aufkochen

Fidan befand sich zum Zeitpunkt des Gesprächs noch im Krankenhaus. "Mir geht es jetzt ein bisschen besser. Ich wurde hier mit dem Krankenwagen eingeliefert", berichtete der Türkiyemspor-Coach.

Während das Spiel zunächst vor allem sportliche Brisanz mit sich brachte – Außenseiter Altenessen ging früh in Führung, Türkiyemspor drehte die Partie noch vor der Pause –, fanden sich im Laufe der Begegnung mehrere Personen in Trainingsanzügen von AL-ARZ Libanon am Sportplatz ein. Der ärgste Konkurrent Türkiyemspors im Meisterrennen hatte seine eigene Aufgabe gegen den SV Borbeck (6:2) zuvor bereits gelöst.

Zunächst verfolgten die Gäste das Geschehen noch ruhig neben der Bank der Sportfreunde Altenessen. Spätestens nach dem 2:2-Ausgleich der Gastgeber änderte sich die Stimmung jedoch. Gelungene Aktionen der Altenessener wurden lautstark bejubelt, Schiedsrichterentscheidungen kommentiert und diskutiert. So weit, so fair. Dabei sollte es allerdings nicht bleiben.

Fidan, lange vor dem Flaschenwurf.
Fidan, lange vor dem Flaschenwurf. – Foto: Markus Becker

Nach Darstellung Fidans sollen nämlich im Lauf der Partie immer wieder Beleidigungen aus der untersten Schublade aus dem Umfeld von AL-ARZ Libanon gekommen sein. Er habe mehrfach versucht, die Situation zu beruhigen und seine Spieler aus den Auseinandersetzungen herauszuhalten.

"Ich gehe ja niemanden an oder sonst was. Das Spiel läuft ja, ich muss mich um meine Mannschaft kümmern. Aber trotzdem muss ich auch meine Mannschaft schützen, dass sie das Spiel vernünftig zu Ende spielen kann", erklärte Fidan. In diesem Zusammenhang sei es schließlich zu dem folgenschweren Vorfall gekommen. "Dann dreht man sich in dem Moment wieder um und kriegt eine Flasche ins Gesicht geworfen."

Fidan erhebt dabei schwere Vorwürfe gegen Personen aus dem Umfeld des Aufstiegsrivalen AL-ARZ Libanon. Im Lager von Türkiyemspor war man unmittelbar nach dem Vorfall überzeugt, den mutmaßlichen Werfer identifiziert zu haben.

Auch mit Blick auf die Ausgangslage kritisierte Fidan die Sicherheitsvorkehrungen vor Ort. "Da muss Altenessen dafür sorgen, dass genug Ordner da sind. Der Tabellenführer kommt dahin, da werden Zuschauer ohne Ende da sein." Der sportliche Rahmen für ein hochinteressantes Spiel war schließlich gesetzt. Türkiyemspor benötigte einen Sieg, um die Tabellenführung zu verteidigen, nachdem AL-ARZ Libanon wenige Stunden zuvor seine Aufgabe bereits gelöst hate.

Für Erkan Sahin, Trainer der Sportfreunde Altenessen, waren hingegen ausreichend Ordner vor Ort. "Wie viele Ordner willst du da hinstellen? 20, 30, 40, 50? Die ganze zweite Mannschaft war mit Ordnern da", sagte er. "Sie sind auch alle dazwischen gegangen. Selbst der Co-Trainer unserer Bambini-Mannschaft stand mit einem Leibchen dort und hat versucht zu schlichten." Auf den Bildern zum Spiel sind bereits vor der finalen Eskalation mehrere Personen in gelben Ordnerwesten in unmittelbarer Nähe der AL-ARZ-Fraktion zu erkennen.

Sahin nimmt Fidan in Schutz

Darüber hinaus bestätigte Sahin die aufgeheizte Stimmung rund um die Partie. Gleichzeitig stellte er sich ausdrücklich vor seinen Trainerkollegen.

Zum Zeitpunkt des Abbruchs stand es 3:2 für Türkiyemspor.
Zum Zeitpunkt des Abbruchs stand es 3:2 für Türkiyemspor. – Foto: Markus Becker

"Ich muss Hasan Fidan in Schutz nehmen", sagte Sahin. "Der hat immer wieder seine Jungs zurückgeholt und gesagt: Achtet nicht auf die, spielt einfach weiter." Sahin bestätigte zudem die verbalen Entgleisungen aus dem Lager von AL-ARZ. Besonders erschüttert zeigte er sich über den allgemeinen Umgangston auf vielen Amateurfußballplätzen.

"Es gibt keine Hemmschwelle mehr. Nicht in der Fußballszene, nicht in der Amateur-Szene", kritisierte Sahin. "Da sind Worte gefallen, die wirst du so nie hören. Das kriegst du nur auf irgendwelchen Sportplätzen mit." Der Trainer der Sportfreunde betonte aber auch, dass die Ereignisse neben dem Platz nicht den sportlichen Verlauf widerspiegeln würden.

"Das, was auf dem Platz war, war ein unfassbar gutes Kreisliga-A-Spiel von beiden Mannschaften. Das war ein unfassbar gutes, faires Spiel", erklärte Sahin. "Die haben sich gegenseitig gefoult, und sich gegenseitig die Hand gegeben. Es wäre nie abgebrochen worden."

Auch die Reaktion Fidans nach dem Flaschenwurf habe ihn beeindruckt. "Ich nehme ihn noch in den Arm und sage: 'Hasan, komm, wir setzen uns auf die Bank.' Und er sagt noch zu mir: 'Komm, wir spielen einfach weiter, damit das Spiel jetzt zu Ende ist.' Das tut mir einfach unfassbar leid."

Frage nach der Spielwertung bleibt offen

Während Fidan davon ausgeht, dass Türkiyemspor die Punkte zugesprochen bekommen könnte, rechnet Sahin eher mit einer Neuansetzung der Begegnung."Ich glaube, es kommt ein Wiederholungsspiel. Das ist meine Meinung. Das ist das Einzige, was fair wäre", sagte der Altenessen-Coach.

Die endgültige Entscheidung liegt nun bei den zuständigen Sportgerichten. Für beide Vereine geht es sportlich dabei um die kommende Ligazugehörigkeit: Türkiyemspor hilft eigentlich nur ein Sieg im Aufstiegskampf, Altenessen wäre mit einer Niederlage sicher abgestiegen.

Unabhängig von der bevorstehenden Wertung bleibt vor allem ein Eindruck zurück: Ein sportlich hochklassiges und bedeutendes Kreisliga-Spiel erhielt ein unwürdiges Ende und könnte nun sogar am grünen Tisch entschieden werden..