2024-02-21T13:48:47.272Z

Allgemeines
– Foto: Eibner

Ernst Middendorp packt aus

Ex-Trainer des SV Meppen schreibt offenen Brief

Beinahe hätte es für den SV Meppen mit dem Klassenerhalt doch noch geklappt. Mit Trainer Ernst Middendorp legte der Klub einen fulminanten Schlussspurt hin, konnte den Gang in die Regionalliga am Ende aber doch nicht verhindern. Es fehlte ein Punkt.

Eine Sommerpause und drei Spieltage später trat Ernst Middendorp zurück. Und das nicht leise, sondern sehr laut. Es begann vor laufenden Kameras, als er seine Mannschaft gelinde ausgedrückt an den Pranger stellte – wegen fehlender Professionalität. In einem Video-Interview mit der "NOZ" sagte der 64-Jährige unter anderem: "Ich habe der Mann­schaft mit­ge­teilt, dass ich nicht dafür geeignet bin, Ama­teure zum Laufen zu bringen."

Middendorp bricht sein Schweigen

Middendorp informierte daraufhin den SV-Vorstand nach der 1:2-Niederlage in Jeddeloh, dass er sein Amt niederlegt. Der Mannschaft teilte er seinen Entschluss in der Kabine mit. Das war's fürs Erste.

In einem vierseitigen offenen Brief an unsere Redaktion hat sich der ehemalige Trainer Middendorp nun erstmals zu den Gründen seiner Entlassung geäußert. Er schildert die "völlig unnötige Niederlage" gegen Jeddeloh und die umstrittene Gelb-Rote Karte für den früheren Profispieler Bruno Soares als Auslöser für seinen emotionalen Ausbruch im Interview. Ob diese Erklärung für Verständnis oder weiterhin für Diskussionen sorgen wird, bleibt abzuwarten.

Der offene Brief mit dem Titel ​„The 14-hour-a-day load demands its price“, 'der 14-Stunden-Tag for­dert seinen Preis' im Wortlaut:

Der SV Meppen hatte den Klassenerhalt in der Bundesliga-3 nicht geschafft. Trotz einer fulminanten Endphase der Saison 2022/23 belegte das Team in der Endabrechnung den 17. Platz – die erzielten 1.3 Punkte (5 Siege, 2 Remis) per match in den letzten 13 Spielen reichten nicht.

Allen Beteiligten war klar, dass der SV Meppen aus der seit Jahren gehüteten Verankerung ihrer „Komfortzone” gerissen werden musste und sich in vielerlei Hinsicht neu aufzustellen hat. „Wenn ein Seemann nicht weiß, welchen Hafen er ansteuern muss, dann ist kein Wind der richtige.” Darum habe ich in Abstimmung mit dem Vorstand einen strukturierten Weg zur Entwicklung einer regionbezogenen Vereinsstrategie gestartet, der Konsens bei allen Stakeholdern (Sponsoren, Fans, Mitglieder, etc) und bei dem Aufsichtsrat findet.

Für eine langfristige, nachhaltige Ergebnissicherung des Clubs war es im ersten Schritt erforderlich, die interne Vereins-Struktur effizienter zu machen. Trainer und Verantwortliche der verschiedenen Teams – OberligaMannschaft, Bundesliga-Unter-19-Mannschaft sowie Regionalliga-Unter-17 Mannschaft - waren es gewohnt, auf eine bestimmte Art und Weise isoliert voneiander aber auch komplett distanziert von der Profi-Mannschaft zu arbeiten. Kein Zweifel, es war verschiedentlich fuer die Beteiligten eine erschuetternde Erfahrung, jetzt als Teil eines mannschaftsuebergreifenden Teams zu sein und Verhaltensablaeufe aendern zu muessen, um die Vereinsziele zu erreichen. Die Loesung dieser Probleme war herausfordernd; jedoch gegenwaertig existiert ein regelmaessiger sowie effizienter Austausch zwischen den Verantwortlichen aller oben genannten Mannschaften, letztlich zum Vorteil der talentierten Spieler. Es war allen klar, dass ein erfolgversprechender Umbau des SV Meppen nur gelingen konnte, wenn alle an einem Strang ziehen und einen Konsens in der Zielsetzung erreichen. Doch welche weiteren Maßnahmen sind die Richtigen? Und welche erfolgversprechenden Maßnahmen werden von den Stakeholdern (Sponsoren, Fans, Mitgliedern, etc.) mitgetragen?

Ich (wir) habe Ergebnisse in eine vereinssübergreifende SWOT-Matrix gepackt, welche die IST-Situation möglichst transparent veranschaulichte und eine Grundlage schaffte, aus der die strategischen Maßnahmen der Verantwortlichen unter der Beruecksichtigung des Budgets abgeleitet werden konnten: Die Mannschaft war ueber-altert, ein Grossteil der Spieler war aufgrund der jeweiligen Verletzungs-Historie nur zeitweise verfuegbar, letztlich hatten viele Spieler ihren Leistungs-Zenit zudem ueberschritten. Folglich musste diesen Spielern mitgeteilt werden (direkt oder indirekt), dass es kein Interesse seitens des SV Meppen mehr gibt. Es war zwingend, junge und wenig verletzungsanfaellige Spieler zu verpflichten. Ein Grossteil der Spieler hatte keinen Bezug zur Region. Folglich hatte die Auswahl von regionalen Talenten Prioritaet.

Ein Grossteil der Technikal-Team Mitglieder verabschiedete sich direkt nach dem letzten Saison-Spieltag im Mai 2023, um lukrative Positionen bei anderen Clubs zu uebernehmen (national und international). Folglich musste ein neues Kompetenz-Team implementiert werden. Auch hier war oberstes Gebot, im Club vorhandene Potentiale zu identifizieren.

Eine ueber-dimensionale Reduzierung des Budgets fuer die Regionalliga wurde Ende Mai festgestellt; eine weitere Reduzierung der finanziell zur Verfuegung stehenden Mittel wurde Ende Juni nachvollziehbar mitgeteilt. Dadurch war folglich die Zielgruppe moeglicher Zugaenge (Spieler und Kompetenz-Team betreffend) sehr begrenzt. Die anfaenglich beabsichtigte und unzweifelhaft nachvollziehbare Installierung eines ‘Sportlichen Leiters’ und eines ‘Cheftrainers’, die sich gegenseitig unterstuetzen aber auch kontrollieren sollten, wurde im Juni ad acta gelegt und eine Personalunion (Ausuebung beider Positionen durch E. Middendorp) eingepflegt. Mit der Einfuehrung der Personalunion wurde ein Teil des Budgets verfuegbar, um mindestens einen weiteren ‘Anker-Spieler’ zu verpflichten. Mit Respekt dem SV Meppen und der Region gegenueber habe ich diese Personalunion effektiv gelebt – ich habe fuer mich verantwortungsbewusst ‘Zustaendigkeit fuer eine Funktion’ durch ‘Verantwortung fuer den Prozess’ ersetzt. In diesem Zusammenhang und an dieser Stelle moechte ich nur kurz erwaehnen, dass ich mich trotz Personalunion bereit erklaert habe, mich auf eine nahezu 50%-ige Reduzierung des im Mai vereinbarten Vertrages einzulassen. Die neue Vereinbarung wurde am 23. Juni 2023 gezeichnet. Auch mit dieser Massnahme wurde ein Teil des Budgets verfuegbar, um weitere Spieler zu verpflichten.

Das oben skizzierte Kompetenzteam ist individuell hoch qualifiziert, groesstenteils lizenziert, und mittlerweile aufeinander abgestimmt. Die Mitglieder des Kompetenzteams beraten, vernetzen und unterstützen sich gegenseitig. Zudem haben alle die zuvor geforderte Naehe zur Region. Die Kompetenz-Team-Mitglieder haben ihren Wohnsitz seit Jahren in der Region (Puttkammer, Domaschke, Gebers, Robben, etc.) oder sind sogar gebuertige Emslaender (Kampel, David, etc). Es ist eine nachhaltige Struktur implementiert, die den Abgang von oben genannten einzelnen KompetenzteamMitglieder in einfacher Weise kompensieren kann.

Zu Beginn der Rekrutierungsphase Anfang Juni 2023 war das bereits mehrfach zitierte ‘weisse Blatt Papier’ lediglich gefuellt mit den Namen der folgenden 3 Spieler: Marek Janssen, Luca Prasse und Niclas Wessels. In den folgenden 76 Tagen wurde der hier abgebildete Kader von mir (uns) versammelt. Es war eine sehr zeitintensive, energie-zerrende und verantwortungsbewusste Taetigkeit –

• Ausgedehntes Video-Material sichten, um die Spieler zu beurteilen. • Diskussionen mit Trainer-Kollegen, um die Gefahr von Fehleinschaetzungen zu minimieren. • Unzaehlige Gespraeche mit Beratern, Spielern und Vertretern der abgebenden Vereine (individual/kollektiv). • Berater mit langjaehrigen Bindungen zum SV Meppen in ihren Ablaeufen korrigieren. • Fall-Beispiel: Der Spieler Yigit Karademir war bereits Anfang Juni 2023 als moeglicher Zugang identifiziert, der Manager des VfL Osnabrueck hatte den Austausch mit dem Spieler erlaubt. Der Berater stand anfangs zur Verfuegung und signalisierte Bereitschaft seitens des Spielers. Wochenlang habe ich dann auf den Gespraechstermin mit Yigit Karademir gewartet, mehrfach telephonisch nachgefragt. Anfang Juli habe ich dann diesen Transfer ad acta gelegt. Am 13.August 2023 signalisierte Yigit Karademir selbst, dass er sich gerne mit dem SV Meppen treffen wolle. Wir haben dann in den folgenden Tagen den Transfer umgesetzt. Wie verdeutlicht hat sich dieser Transfer eines 19-jaehrigen Spielers ueber einen Zeitraum von 2 ½ Monaten gezogen.

Um Fehleinschaetzungen hinsichtlich der Qualitaet der moeglichen Neuzugaenge zu minimieren, haben sich meine Arbeitstage in der Regel von 6.30 Uhr bis 20.30 Uhr erstreckt (oft sogar spaeter bei Wahrnehmung von Auswaertsterminen, um Spieler und Berater in Hannover, Hamburg, Essen, Zwolle, Muenster, Osnabrueck, Bielefeld, Berlin, Amsterdam, etc. zu treffen).

Ermuedend und sehr stressig ist es zudem, das Spieler und/oder Berater wiederholt mit unverbindlichen Absichtserklaerungen die Gespaechstermine verlassen – in einem sogenannten ‘letter of intent’ erhaelt man als Vertreter des Clubs lediglich eine Art Grundlage fuer den potentiellen Vertrag. Dieser begruendet jedoch keinerlei Rechtsansprueche. Man muss Geduld behalten und darf nicht hektisch werden. Dennoch ist es mir (uns) gelungen, einen wettbewersfaehigen Kader zu praesentieren, der vom Talent her in der TOP-4-Tabellen-Region agieren kann.

Ich habe waehrend der Vorbereitungsphase auf die bevorstehende Regionalliga-Saison 2023/24, die am 20. Juni begonnen hat, sehr wohl erkannt, dass dieser staendig wachsende Kader sehr viel Talent und Potential hat. Talent ist jedoch nur ein Leistungs-Parameter, letztendlich muss das Gesamtpaket des Spielers stimmen. Das ist ähnlich, wie bei einem Puzzle. Nur wenn alle 20 Teile zusammenpassen, kann man Erfolg haben. Das Talent macht meines Erachtens davon vielleicht 40% aus.

Bei der derzeitigen (wenig effektiven) Ausbildungsqualität in Deutschland schaffen es meiner Meinung nach nur die Spieler mit dem größten Durchsetzungsvermoegen. In diesem Zusammenhang habe ich in den vergangenen Monaten Defizite gesehen und permanent angemahnt. Hier muss man erkennen, dass die Professionalitaet in der Gesamtheit (noch) fehlt; viele der jungen Spieler sind leider noch nicht in der Lage, sich ‘professionell’ einzubringen.

In den vergangenen 6 Monaten waehrend meiner Taetigkeit beim SV Meppen habe ich (ueberraschenderweise) festgestellt, dass ich (wir) die absolute Gier bei unseren Talenten staerker betonen und einfordern muss, um letztlich als Mannschaft erfolgreich sein zu koennen. Der unbedingte Siegeswille ist ein Muss, wenn du es als junger, talentierter Spieler nach oben schaffen willst. Der derzeitige Kader des SV Meppen (individuell & als Kollektiv) muss in dem Feld ‘Professionalisierung’ zulegen. Dabei verstehe ich unter Professionalitaet die Beschreibung der Qualitaet des Fussballers, wie er bereit und gewillt ist, sein Talent einzubringen.

Ohne Frage haben sich viele Spieler in verschiedenen Bereichen waehrend der Vorbereitungsphase weiterentwickelt. Es ist gelungen, das mit einer hohen Expertise der Kompetenzteam-Mitglieder durchzufuehren. Dennoch als leistungs-besessener Trainer bin ich davon getrieben, das maximale Potential hinsichtlich der Leistung sicherzustellen. Hier habe ich meine Unzufriedenheit waehrend der Trainings-Arbeit mit der Mannschaft wiederholt deutlich wahrgenommen, und immer wieder unmissverstaendlich meine Einschaetzung zum Ausdruck gebracht. Mir ist bekannt, dass kaum eine Regung in unserer Gesellschaft derart geächtet ist wie der Wutausbruch. Wut wird oft als Schwaeche interpretiert.

Die voellig unnoetige Niederlage in Jeddeloh II sowie das Zustandekommen der gelb-roten Karte fuer Bruno Soares in den letzten Minuten des Spiels waren die Ausloeser dafuer, dass ich am 16. August 2023 meine Selbstbeherrschung verloren habe, in dem Interview laut nach vorne geprescht bin, ohne Ruecksicht auf andere. Natuerlich wird von einem modernen, kopfgesteuerten Teamplayer erwartet, dass er cool bleibt, die Contenance bewahrt.

Wie so oft habe ich auch hier eine andere (wenn auch eigenartige) Meinung – ich weiss, dass wir alle mit Ausbrüchen sparsam umgehen muessen, nicht ins Blaue hinein toben. Und vor allem muss der jeweilige Wutausbruch diejenigen treffen, die ihn ausgelöst haben. Ungewollt habe ich mit meinem Wutasubruch vor laufender Kamera der Mannschaft Warnsignale gesetzt, jedem präzise Einsichten in die Schwachstellen vermittelt und zu Veränderungen aufgefordert. Sogar die ‘Ultras’ des SV Meppen haben sich waehrend des Pokalspiels am 23. August 2023 solidarisiert und verkuendeten plakativ, dass jetzt der ‘Richtige Neuanfang - jetzt’.

Persoenliches Fazit: Ich habe in den zurueckliegenden 3 Monaten gemerkt, dass einige Tage stressiger wurden als andere. Mehr und mehr fehlte mir die Zeit für persönliche Bedürfnisse. Mein Job war das Wichtigste in meinem Leben. Ich habe Signale, gewisse Anzeichen von Stress wahrgenommen, die auf die Wahrscheinlichkeit eines bevorstehenden Burnouts hindeuteten. Konsequenterweise habe ich das Arbeitsverhaeltnis mit dem SV Meppen beendet. Mit dem SV Meppen wurde der Aufloesungsvertrag am 17.August 2023 gezeichnet.

Aufrufe: 029.8.2023, 11:24 Uhr
redAutor