
Kompass- oder Regionenmodell? Die Regionalligen stehen vor einer grundlegenden Veränderung, über die die fünf Regionalliga-Träger abstimmen sollen. Das übergeordnete Ziel ist klar – vier Regionalligen anstatt fünf mit jeweils einem Meister, der dann auch direkt in die 3.Liga aufsteigt.
Soweit, so gut, doch ab diesem Punkt wird es knifflig. Die beiden zur Diskussion stehenden Modelle finden verschiedene Fürsprecher. Während tendenziell im Norden und Osten der Bundesrepublik das Kompassmodell großen Gefallen findet, bevorzugt der Süden und Westen eher das Regionenmodell. Im Regionenmodell würden dauerhaft die Landesverbände Thüringen und Sachsen zur Ost-Staffel mit Bayern zusammenkommen und die übrigen Verbände der neuen Bundesländer mit der aktuellen Regionalliga Nord verschmelzen. Die Regionalligen Nord, Nordost und Bayern würden damit die Entwicklung antreten, welche die Regionalliga Südwest bereits durchlaufen hat. Das Kompassmodell, bei dem die Entfernungen aller Klubs zueinander für die Ligeneinteilung entscheidend ist, ist die andere Variante.
Frank Fürniß, Geschäftsführer Sport des FC-Astoria Walldorf, der im Sommer in seine 13. Regionalliga-Saison in Folge startet, hat sich ausführlich mit der Thematik beschäftigt und dafür fachlich qualifizierte Hilfe zu Rate gezogen.
Herr Fürniß, Kompass- oder Regionenmodell, zu was halten Sie als Geschäftsführer Sport des FC-Astoria Walldorf?
Frank Fürniß: Wir bevorzugen das Regionenmodell, da es langfristig gesehen mehr Planungssicherheit liefert.
Im Kompassmodell wäre diese Planungssicherheit folglich nicht, oder weniger gegeben?
Fürniß: In einer ersten Ausrechnung dazu aus dem November 2025 ist beispielsweise herausgekommen, dass wir in der Süd-Staffel und der SV Sandhausen, der zwei Kilometer von uns entfernt liegt, in der West-Staffel antreten würde. Ein Algorithmus kennt eben weder Tradition noch Derbys.
Das kann Ihnen vermutlich nicht gefallen?
Fürniß: Nein, natürlich nicht. Bundesweit gesehen ist das aber nur ein Beispiel. Es gibt mehrere solcher Grenzfälle.
Da zudem die Einteilung jeden Sommer neu errechnet werden müsste, würde nie vor Mitte Juni feststehen, in welche Liga man rutscht. Käme dann ein Lizenzentzug von nur einem der 80 Regionalligisten dazu, würde dies eine Kettenreaktion auslösen und die gesamte Einteilung durcheinanderwirbeln.
Es ist auch nie klar, in welche Staffeln eingeteilt wird. Glaubt man der bisherigen Berichterstattung, würde immer in die Himmelsrichtung Nord, Ost, Süd und West eingeteilt werden, ein Kompass eben. Das ist aber völlig irreführend. Das Modell wird sich an Ballungszentren orientieren und letztlich einen ganz eigenen "Willen" entwickeln. Drei Staffeln in der Westhälfte Deutschlands wären mittelfristig nicht die Ausnahme, sondern die Regel.
Die Fahrtstrecken wären aber immer auf die kürzest möglichen Distanzen ausgelegt?
Fürniß: Laut DFB wird es einen einzigen Parameter geben und das ist die Fahrtstrecke. Dabei wird auch nicht auf Derbys oder lokale Zusammenhänge geachtet (anders als in der Presse fälschlicherweise dargestellt). Durch die Konzentration auf strukturstarke Regionen würden in diesen Bereichen die Fahrtstrecken tatsächlich recht kurz, aber in allen anderen Bereichen Deutschlands kann es sehr schnell zu sehr viel weiteren Fahrten kommen. Wo keine Vereine sind, gibt es auch keine kurzen Fahrtstrecken. Dies könnte nur durch eine Einteilung in festen Grenzen garantiert werden, wie beispielsweise im Regionenmodell. Alleine diese beiden Möglichkeiten bergen unter Umständen reichlich Änderungspotenzial für die Ligeneinteilung.
Für uns habe ich ein aktuelles Beispiel, welches auf der Beispieleinteilung des DFB basiert: Diese Saison fahren wir zu den 17 Auswärtsspielen in Summe 4 751 Kilometer und somit pro Partie 279 Kilometer hin und zurück. Im errechneten Kompassmodell wären es in 19 Auswärtsspielen 8 406 Kilometer und 442 Kilometer pro Spiel.
Was bedeutet das Organisatorisch?
Fürniß: Bislang haben wir vor Auswärtsspielen noch nie übernachtet. Wenn wir aber unsere bislang weiteste Auswärtsfahrt nach Kassel als Grundlage nehmen, kämen laut der errechneten Einteilung mit München, Unterhaching, Burghausen, Buchbach und Vilzing fünf weitere Strecken dazu und bei dieser Entfernung müssten wir übernachten, um den hohen Anforderungen an die Mannschaft gerecht zu werden.
Und was bedeutet das für den Etat?
Fürniß: Der müsste erhöht werden. Fünf Übernachtungen mit jeweils 25 bis 30 Personen führen zwangsläufig dazu.
In verschiedenen Berichten ist davon die Rede, dass die KI (Künstliche Intelligenz) dieser Berechnung des Kompassmodells zu Grunde liegt?
Fürniß: KI ist heutzutage ein gern benutzter, teils sicher auch modischer Begriff, in diesem Fall aber schlichtweg falsch. Die Berechnung beruht auf einem Algorithmus. Wir haben als Verein bei Fachleuten nachgefragt und das Ganze dahingehend berechnen lassen, wohin sich das Kompassmodell in den kommenden Jahren entwickeln kann.
Und was wäre die Quintessenz davon?
Fürniß: Es können sich massive Verschiebungen ergeben, sodass wir als FC-Astoria Walldorf beispielsweise in die Ost-Staffel rücken könnten. Generell ist davon auszugehen, dass strukturschwache Regionen regelrecht "ausbluten" und sich die Ligen sukzessive in Ballungsräume verschieben. Gerade dieser Aspekt kommt meines Erachtens in der medialen Berichterstattung aktuell viel zu kurz.
Ich bin wahrlich kein Gegner von Neuerungen. Man muss aber zusätzlich bedenken, dass wir im Kompassmodell jedes Jahr verschiedene Ansprechpartner von Verbandsseite aus haben könnten. Dazu müssten die Auflagen für jeden Verein gleich sein. Das ist momentan nicht der Fall und etwas, dass bei uns im Südwesten in der Breite besser abgedeckt werden kann als in anderen, nicht ganz so strukturstarken Regionen. Letztlich würde es zu einer Professionalisierung der Regionalligen kommen, was durchaus auch positiv gesehen werden kann, letztlich aber zu einer klaren Abgrenzung nach unten zu den Vereinen der Oberligen führen würde.
Das sind alles Punkte, die es zu berücksichtigen gilt und ebenfalls dringend in den Diskurs, der an der ein oder anderen Stelle zu emotional und daher zu wenig sachlich geführt wird, miteinfließen sollten.