
Ohne sie würde kein Spiel stattfinden. Keine Tore gezählt, keine Derbys entschieden, keine Aufstiege gefeiert werden. Schiedsrichter und Schiedsrichterinnen sind ein unverzichtbarer Teil des Amateurfußballs und trotzdem bleiben ihre Geschichten oft im Hintergrund. FuPa hat mit Muzaffer Erol Abuska über Leidenschaft, Druck und besondere Momente auf dem Platz gesprochen.
„Man steht mittendrin und ist doch auf sich allein gestellt“
FuPa: Stell dich doch bitte kurz vor: Wer bist du, wie alt bist du und für welchen Verein bist du als Schiedsrichter im Einsatz?
Schiedsrichter: Ich bin Muzaffer Erol Abuska, 19 Jahre alt, und seit 2023 Schiedsrichter für den SV Suddendorf-Samern.
FuPa: Wie bist du zur Schiedsrichterei gekommen?
Erol: Ehrlich gesagt war ich früher immer der Erste, der beim Schiri am Meckern war, eigentlich in jedem Spiel. Wobei man auch sagen muss: Ich kannte die Grenze, war oft und schnell beim Schiri, habe aber aufgehört, wenn es zu viel wurde, und mich dann auch nach dem Spiel fast immer beim Schiri bedankt, ihm die Hand gegeben und es war alles cool.
Irgendwann gab es ein Spiel, bei dem ich auch nach der regulären Spielzeit noch länger mit dem Schiri diskutiert habe, nichts Böses, aber länger über Situationen geredet. Wer damals Schiri war, weiß ich leider nicht, kannte die damals noch nicht alle. Aber er war ruhig und ist cool geblieben, hat mir alles erklärt und mich irgendwie motiviert, den Schein zu machen.
Dann dachte ich mir: Kann man eigentlich ja mal machen. Ich liebe Fußball, am Ball bin ich nicht der Beste, aber das wäre doch einen Versuch wert. Und wenn es nicht so ist, wie ich es mir vorstelle, dann habe ich es zumindest probiert.
Ich habe mich dann bei meinem Verein über meinen Trainer zu dem Zeitpunkt gemeldet. Der hat mir eine Nummer gegeben, bei der ich mich melden soll. Ich habe mich dort gemeldet und wurde dann zum Lehrgang angemeldet.
FuPa: Erinnerst du dich noch an dein erstes Spiel?
Erol: Ja, ein D-Jugendspiel in Bentheim. Es war ein Freundschaftsspiel zwischen Bentheim und Gildehaus. Ich hatte ehrlich gesagt vor dem Spiel Angst, irgendwas falsch zu machen oder zu vergessen. Aber beide Mannschaften waren cool, die Trainer auch super nett, und es war noch ein Schiedsrichter dabei, um mich zu unterstützen, vor und nach dem Spiel und auch in der Halbzeit mit Tipps, die wirklich hilfreich waren.
Das Spiel ging damals ohne Karten 1:1 aus. Es war zwar sehr ruhig, aber die Unterstützung, vor allem nach dem Spiel, vom erfahreneren Schiedsrichter war super, um das, was wir beigebracht bekommen haben, dann wirklich richtig umzusetzen. Auch beim Spielbericht nach dem Spiel, was am Anfang doch etwas kompliziert wirkte.

FuPa: Was fasziniert dich bis heute an der Rolle des Schiedsrichters?
Erol: Ich finde die Teamarbeit im Gespann sehr faszinierend. Es gibt viele Hand-und Fahnenzeichen oder auch klare Befehle bei der Kommunikation mit Headset. Man hat eigentlich immer eine Aufgabe, auch als Linienrichter, wenn das Spiel auf der anderen Seite läuft.
Man muss immer aufmerksam und ruhig bleiben bei den Entscheidungen, auch wenn ein Spiel hitziger wird. Außerdem muss man Verantwortung übernehmen und auch mal Fehler einsehen, wenn welche passieren, z. B. eine zu frühe Abseitsfahne oder das Übersehen eines Vorteils. Durch diese Einsicht verstehen es die Mannschaften meist besser und bleiben dann auch ruhiger.
FuPa: Was war dein bisher emotionalstes oder außergewöhnlichstes Spiel?
Erol: Am außergewöhnlichsten fand ich das Spiel ASV Altenlingen gegen SF Schwefingen. Ich war damals im Gespann von Arne Nibbrig, und Luis Joel Gort war der andere Linienrichter. Die Kombination allein war schon geil: Arne ist ein super Schiedsrichter, ich durfte zwei Jahre bei ihm im Gespann mitlaufen, und Luis war damals kurzfristig eingesprungen, weil der andere Assistent ausgefallen ist. Damals kannte ich ihn noch nicht, aber mittlerweile bin ich bei Luis im Gespann Assistent und auch gut befreundet.
Wir kamen dort an, alles war erstmal normal. Ich meine, es war ein Nachholspiel, auf jeden Fall ein Donnerstagabend, um 20 Uhr angesetzt. Während des Warmmachens ging plötzlich das Flutlicht aus. Wir sind kurz zur Kabine, dort war auch kein Licht. Wir haben dann mit den Vereinen gesprochen und wollten einen Platzwechsel zum Nebenplatz machen, wo das Flutlicht noch ging. Wir haben uns, meine ich, auf einen Anpfiff um 20:15 Uhr geeinigt.
Als wir zur Platzbesichtigung raus wollten, kam Schwefingen direkt zu uns und meinte, dass sie eh schon genug Verletzte haben und der Platz für sie nicht in Frage kommt. Wir sind dann kurz mit denen zum Platz, da stand ein Abbruch im Raum und plötzlich ging das Flutlicht vom Hauptplatz wieder an. Licht in den Kabinen hatten wir zwar nicht, aber wir haben darauf nochmal den Platz zurückgewechselt und mit 45 Minuten Verspätung um 20:45 Uhr angepfiffen.
Altenlingen hatte damals noch die kleinen „Ultras“, die 90 Minuten hinter mir mit Trommel, Fahne und Megafon in mein Ohr geschrien haben. Jeder zweite Gesang ging gegen uns. Die waren sauer, weil die größtenteils am nächsten Tag zur Schule mussten und haben uns für den Flutlichtausfall verantwortlich gemacht, warum auch immer. Ich fand das ehrlich gesagt witzig, mein Ohr aber leider nicht. Die Trommel habe ich zuhause noch gehört.
Sonst fand ich natürlich das erste Mal mit eigenem Gespann, also wo ich der Schiri war, besonders: TuS Gildehaus gegen Leschede. Für mich war das ein besonderes Spiel, weil ich dort meine Assistenten selbst bestimmen durfte. Ich hatte dann Julius Koch und Mats Hauser dabei, die ich beide schon vor der Schiedsrichterei kannte und die ebenfalls den Schein gemacht haben - sehr geil.
Auch das erste Mal Bezirksliga mit Arne Nibbrig war ein Highlight. Und in dieser Saison kam das erste Spiel im neuen Gespann mit Luis und Maxi dazu, mit denen ich mich privat auch sehr gut verstehe, für mich auch ein Highlight Spiel.

FuPa: Wie gehst du mit Kritik oder hitzigen Situationen auf dem Platz um?
Erol: Also ich finde, Kritik ist wichtig. Es kommt aber immer darauf an, in welcher Form. Wenn zum Beispiel nach dem Spiel ein Zuschauer zu dir kommt und sagt: „Scheiße gepfiffen, such dir lieber ein anderen Job“, tatsächlich schon erlebt (für alle: es ist kein Job, sondern ein Hobby bzw. Ehrenamt, für das man eine Entschädigung erhält), dann geh ich einfach weiter zur Kabine, weil es nichts bringt, dort zuzuhören. Diese Kritik soll keine Verbesserung bewirken, sondern dich fertig machen.
Wenn dich aber jemand für eine bestimmte Situation oder mehrere kritisiert, ohne dich zu beleidigen, kann es helfen, zuzuhören, um Fehler eventuell einzusehen und seine eigene Sicht zu erklären. Das ist wichtig, solange es von beiden Seiten respektvoll passiert. Dann ist Kritik sehr nützlich: Du hörst die andere Sicht, zum Beispiel vom beteiligten Spieler oder auch von außen von den Zuschauern, und kannst deine eigene Sicht erklären. Das hilft allen, dem Spieler oder Zuschauer, zu verstehen, warum du etwas so entschieden hast, und du bekommst eine andere Perspektive, aus der du lernen und dich beim nächsten Mal verbessern kannst.
Bei hitzigen Situationen sollte man versuchen, ruhig zu bleiben und eventuell ein bis zwei Sekunden zu warten und nachzudenken, bevor man etwas falsch macht. Ein Pfiff zu früh kann ein Spiel zerstören, ein Pfiff, der eine Sekunde später kommt, eher nicht.
Und ich finde, viel reden ist wichtig. Jeder hat mal schlechte Spiele, aber manchmal muss man darüber reden. Mir hilft es, einfach mal mit engeren Schiedsrichterkollegen über die Situationen zu sprechen, wenn es z. B. hitziger wurde. Dann rufe ich teilweise nach den Spielen Schiedsrichterkollegen an, mit denen ich auch privat gut bin, und durchs Reden verarbeite ich die Kritik auf jeden Fall schneller.
FuPa: Wie bereitest du dich auf ein Spiel vor?
Erol: Also, wenn ich Assistenten mithabe, kläre ich erstmal alles mit ihnen ab, meist über WhatsApp: welche Trikots sie haben, wo ich sie abholen muss und ob es noch irgendetwas Wichtiges gibt. Ich schaue mir dann meist noch die Tabelle an, und mittlerweile schaue ich auch auf die Fair-Play-Tabelle. Wenn mir etwas besonders auffällt, zum Beispiel eine ungewöhnlich hohe Zahl an gelben oder roten Karten bei Spielern oder Trainern, schaue ich auch, wer die letzten Spiele gepfiffen hat. Wenn da jemand dabei ist, mit dem ich enger bin, frage ich auch mal nach, wie er die Mannschaften fand und ob ihm etwas aufgefallen ist.
Wichtig ist aber auch, das Spiel so anzugehen wie jedes andere. Das Ganze vorher mache ich nur, um eventuell etwas zu verhindern. Zum Beispiel, wenn ich vorher schon weiß, dass ein bestimmter Spieler auf meiner Seite die Mitspieler beruhigt oder ähnliches, versuche ich natürlich, ihn für mich zu gewinnen und ihm Situationen zu erklären. Aber am Ende muss ich beidseitig gleich pfeifen und ohne Vorurteile ins Spiel gehen.
FuPa: Was wünschen sich Schiedsrichter häufiger von Spielern oder Zuschauern?
Erol: Vor allem im Jugendbereich wünsche ich mir von den Zuschauern etwas mehr Ruhe. Meist kommt die Hitze im Spiel erst durch die Zuschauer rein. Gerade für die ganz neuen Kollegen, die meist in der C- und D-Jugend eingesetzt werden, weil sie als junge Schiris anfangen müssen, ist das schwierig.
Genau diese Altersgruppe ist sehr sensibel: Die Spieler sind meist super drauf und freuen sich sogar, wenn sie mal jüngere Schiris haben. Durch teilweise aggressive Trainer und Eltern, vor allem in dieser Altersgruppe, weil dort die meisten Eltern zuschauen, wird ein Spiel aber schnell hitziger. Viele junge Schiris hören deshalb auf, weil sie teilweise direkt beschimpft werden, obwohl sie meistens gar nichts falsch gemacht haben.
Hier muss ich aber auch unseren Kreis loben: Mittlerweile gibt es, soweit ich gehört habe, ein funktionierendes Patensystem. Die jungen Schiris haben jetzt meist einen erfahrenen dabei, der beruhigen kann, gute Tipps gibt und unterstützt. Ich habe auch einmal bei einem Spiel zugeschaut, bei dem ein Pate einen jungen Schiri unterstützt hat, mit Trainern und Zuschauern gesprochen und ihnen klargemacht hat, dass es ein junger Schiri ist, der erst reinkommen muss und dass es ihm nicht hilft, wenn er direkt beschimpft wird.

FuPa: Wie hat sich der Amateurfußball in den letzten Jahren verändert?
Erol: Ich finde, wir im Kreis haben keine großen Problemvereine. Es läuft eigentlich echt gut, im Vergleich zu dem, was man teilweise in den Zeitungen liest und was schon in den untersten Spielklassen abgeht. Schon in der Jugend ist man teilweise schnell geschockt, was für Szenen es dort im Internet zu finden gibt.
Positiv kann man aber auch sehen, dass man inzwischen mehr Präventionsaktionen vom DFB oder von Vereinen mitbekommt und viel mehr Aufklärung stattfindet. Sei es durch Vereine und/oder einzelne Schiedsrichter, zum Beispiel mit „Ey Schiri, Abseits“, oder auch auf DFB-Ebene durch Aktionen bei Bundesliga-Spieltagen oder direkte Lehrgänge. Ich durfte zum Beispiel bei einem Lehrgang mitmachen, bei „Profi wird Coach“, das war in Frankfurt beim DFB Campus. Dort wurde auch viel über den Umgang mit Gewalt im Amateurbereich gesprochen, mit Kriminologin Dr. Thaya Vester, DFB-Schiedsrichter Sascha Stegemann, der auch sein Spiel als Beispiel genommen hat, Bochum gegen Dortmund, und erzählt hat, was er als „Profi“ danach erleben musste, sowie mit anderen Schiedsrichtern und Funktionären.
Ich finde die Entwicklung teilweise echt schockierend, was man alles hört, aber ich finde gut, dass besser aufgeklärt wird, was wir dagegen tun können und was uns die Kreise, der NFV und der DFB an Hilfen anbieten, falls etwas passieren sollte, ob rechtlich oder psychologische Unterstützung, falls man sie benötigt.
FuPa: Was würdest du jungen Menschen sagen, die überlegen, Schiedsrichter zu werden?
Erol: Durchziehen lohnt sich. Man entwickelt sich weiter, lernt neue Menschen oder Freunde kennen und darf gratis ins Stadion, was mir bestimmt Hunderte Euros im Jahr spart. Außerdem bekommt man bei den meisten Vereinen zu fast jedem Spiel sehr gute Plätze, die extra für Schiedsrichter reserviert werden, sodass man zu 90 Prozent eigentlich überall Tickets bekommt.
Wenn ihr es durchzieht, nehmt an allen möglichen Lehrgängen teil, für die ihr euch anmelden dürft – ob in Sögel beim Bezirkslehrgang, in Barsinghausen beim NFV-Lehrgang oder auch beim DFB im Campus, falls ihr Glück habt und etwas angeboten bekommt. Nehmt es mit. Ihr lernt dort große Persönlichkeiten kennen, lernt sehr vieles Neues, entwickelt euch menschlich und erlebt vor allem Sachen, die ihr sonst wahrscheinlich nie erlebt hättet.
FuPa: Was bedeutet Amateurfußball für dich?
Erol: Spaß und Hobby für Schiedsrichter, Spieler und Trainer, das Wichtigste ist einfach, dass jeder gesund nach Hause kommt.
FuPa-Quickcheck
FuPa: Derby oder ruhiges Ligaspiel?
Erol: Derby
FuPa: Gelbe Karte oder klare Ansage?
Erol: Klare Ansage
FuPa: Regen oder Sonnenschein?
Erol: leichter Regen
FuPa: Heimspiel oder Auswärtsspiel?
Erol: Heimspiel gibt’s nicht, aber dann lieber ein Spiel in der Nähe
Vielen Dank für deine Antworten und deinen Einsatz für den Amateurfußball!