
Junglöwen-Leader Alex Benede könnte am Samstag zum dritten Mal Bayernliga-Meister werden. Im Interview blickt der 36-Jährige auf seine Karriere zurück.
München – Toni Kroos? Beendete seine Karriere nach der Europameisterschaft. Mats Hummels? Hört im Sommer auf. Thomas Müller? Verlässt zumindest den FC Bayern. Alexander Benede wechselte einst von 1860 München zum Branchenprimus und spielte dort mit den größten Fußballern seiner Generation zusammen. Doch sein Profi-Traum zerbrach.
2010 heuerte der jetzige Anführer der Junglöwen in der Bayernliga an und ist inzwischen ihr Rekordspieler. Am Samstag spielt Benede vielleicht zum letzten Mal – und könnte sich mit 1860 München II das dritte Mal zum Bayernliga-Meister krönen. Über die Technik von Thomas Müller, Schwierigkeiten mit Hermann Gerland und den besten Trainer, den er je hatte, spricht der 36-Jährige im Interview mit Fussball Vorort/FuPa Oberbayern.
„Das zieht sich bei mir wie ein blauer Faden durch die Karriere.“
Alex Benede könnte zum dritten Mal Bayernliga-Meister werden und zum dritten Mal nicht aufsteigen.
Am Samstag kannst du dich beim TSV 1860 München zum dritten Mal in deiner Karriere zum Bayernligameister krönen. Was würde dir das bedeuten?
Das wäre zu schön. Die Hoffnung ist sehr groß, auch wenn wir unsere Matchbälle vergeben haben. Den Titel haben wir nicht mehr in der eigenen Hand, aber er würde mir extrem viel bedeuten.
Zuletzt habt ihr nur einen Punkt aus zwei Spielen geholt. Weil die Profis in der 3. Liga spielen, habt ihr keine Möglichkeit aufzusteigen. Eine ähnliche Situation hattest du in Landsberg, davor in Pullach, davor in Aichach. Spielt das eine Rolle?
Das zieht sich bei mir wie ein blauer Faden durch die Karriere. Bei den anderen Vereinen sind immer die Strukturen oder die sportliche Führung weggebrochen. Bei 1860 ist das jetzt etwas anderes. Hier träumen viele Jungs vom ganz großen Sprung und nicht von der Regionalliga. Mich persönlich hat die Regionalliga ohnehin nicht gereizt.
„Wäre er nicht in die Regionalliga gewechselt, hätte ich ihn nie eingeholt.“
Bayernliga-Rekordspieler Alex Benede über Spezl Mike Hutterer.
Woran liegt das?
Das liegt nicht an der Qualität, aber wie viele Mannschaften wollen denn in die Regionalliga? Dort zu spielen ist ein Privileg, aber der Aufwand ist immens. Schon vor den kleineren Vereinen in der Bayernliga ziehe ich meinen Hut, mit welcher Intensität und Hingabe, Spieler und Trainer an die Sache herangehen.
Die Bayernliga und Benede – das scheint dagegen zu passen. Du hast über 360 Bayernliga-Spiele auf dem Buckel und inzwischen Mike Hutterer als Rekordspieler abgelöst.
Mike ist mein bester Kumpel, wäre er nicht in die Regionalliga gewechselt, hätte ich ihn nie eingeholt. Im ersten Moment ist es nur eine Zahl, aber es ehrt mich. Es ist ein Privileg.
„Viele denken, ich hätte an anderen Orten, in anderen Ligen spielen müssen, aber ich bin stolz auf meine Karriere.“
Alex Benede über seine Laufbahn.
Du warst U18-Nationalspieler Deutschlands. Hätte es bei dir nicht höher hinausgehen müssen?
Viele denken, ich hätte an anderen Orten, in anderen Ligen spielen müssen, aber ich bin stolz auf meine Karriere. Ich bin gut mit Aleksandro Petrovic, dem Rekordspieler der Regionalliga Bayern, befreundet und über ihn sagen die Leute dasselbe. Aber eines eint uns: Wir haben die Liebe zum Spiel niemals verloren, sonst hätten wir uns nicht mit Mitte 30 noch mit 18-Jährigen gemessen.
Wenn die Junglöwen spielen, hört man deine Stimme fast permanent. Dein Ex-Trainer Frank Schmöller hat im Winter gesagt, er hätte sich einen so erfahrenen Spieler wie dich bei 1860 II gewünscht und dich als „Trainer im Trikot“ bezeichnet. Ist da was dran?
Das wäre zu viel. Ich war schon immer ein Spieler, der viel kommuniziert. Über Kommandos kannst du deinen Mitspielern ein gutes Gefühl geben, Leidenschaft entfachen und bleibst selbst im Spiel. Ich bin heilfroh, kein spielender Co-Trainer zu sein. Ich will mich durch Leistung auf dem Platz beweisen und nicht als Fußballrentner wegen eines Postens spielen.
„Mir ging es in meiner Laufbahn nie so schlecht und ich habe nie mehr so schlecht Fußball gespielt.“
Alex Benede über seine Zeit unter Hermann Gerland beim FC Bayern.
Neben Frank Schmöller hast du auch unter Mehmet Scholl, Hermann Gerland, Manfred Paula und zuletzt unter Sascha Mölders trainiert. Hat dich ein Trainer besonders geprägt oder beeindruckt?
Ich will niemandem Unrecht tun und gleichzeitig ehrlich sein. Die genannten Trainer zeichnet vor allem eines aus: Sie sind unfassbar authentisch. Sie kochen zwar auch nur mit Wasser, aber sie haben einen unfassbaren Anspruch an sich selbst und projizieren den auf die Mannschaft. Jeder hat mich geprägt.
Beim FC Bayern hat es nicht mit dem Durchbruch geklappt. Statt in die Bundesliga bist du in die Bayernliga gewechselt.
Sportlich gesehen hatte ich eine wahnsinnig schwierige Zeit unter Hermann Gerland in der 3. Liga. Mir ging es in meiner Laufbahn nie so schlecht und ich habe nie mehr so schlecht Fußball gespielt. Ich hatte als junger Mensch plötzlich wahnsinnig wenig Selbstvertrauen, habe falsch trainiert und die falsche Unterstützung bekommen. Es gehören aber zwei Seiten dazu, ich nehme mich nicht aus der Verantwortung. Es war einfach eine andere Zeit. Damals hieß es, friss oder stirb.
„Ich habe den Glauben an mich verloren. Das hätte ich niemals zulassen dürfen. Ich hätte dagegen ankämpfen müssen.
Alex Benede über seine Zeit an der Säbener Straße.
Deine Teamkollegen waren Thomas Müller, Mats Hummels, Toni Kroos, Sandro Wagner oder Holger Badstuber. Blickst du manchmal wehmütig auf deine Karriere, wenn du dich mit ihnen vergleichst?
Mats Hummels und ich hatten fast denselben Werdegang. Wir waren gemeinsam in der Fußball-Leistungsklasse, er war bei Bayern und ich bei 1860. Später haben wir zusammen beim FC Bayern gespielt und standen vor dem Sprung zum Profi. Jetzt hat er quasi so viele Champions League Spiele auf dem Buckel, wie ich Bayernliga-Spiele. Das ist schon abartig. Der eine spielt im Fußball-Olymp, dagegen bin ich echt tief gefallen. Damals hätte sicher niemand gesagt: Der eine wird Champions-League-Sieger und Weltmeister, der andere in der Bayernliga rumkrebsen.
Was macht da den Unterschied?
Es gibt Spieler, die schaffen es, ihre Qualitäten ins Schaufenster zu stellen. Beim FC Bayern München gab es unter Hermann Gerland Spieler, die eine wahnsinnig große Aufmerksamkeit hatten. Hermann Gerland hat diese Spieler gepusht. Mir ist wichtig zu betonen, ich gönne es jedem einzelnen Spieler und Hermann Gerland hatte bei vielen Spielern recht. Mir hat damals bei den Bayern Amateuren aber ein Förderer gefehlt, deshalb habe ich den Glauben an mich verloren. Das hätte ich niemals zulassen dürfen. Ich hätte dagegen ankämpfen müssen.
„Sein Kopf funktioniert wie ein Hochleistungsprozessor. Die Intensität, die Kommunikation und wie er sich zwischen den Räumen bewegt, ist unfassbar.“
Alex Benede über seinen ehemaligen Mitspieler Thomas Müller.
Du hast auch mit Thomas Müller zusammengespielt, gibst als “technik.doktor” Fußballtipps auf Instagram und arbeitest als Trainer an der Münchner Fußballschule. Hätte Thomas Müller in der aktuellen Zeit überhaupt Förderer gefunden, die ihn pushen?
Mario Basler hat vor kurzem gesagt, Thomas Müller wäre der technisch schlechteste Spieler der letzten 20 Jahre beim FC Bayern. . Dabei gibt es kaum einen Spieler mit so einem ersten Kontakt, mit so einer Torabschluss- und Passtechnik und das mit so einer Konstanz. Dazu funktioniert sein Kopf wie ein Hochleistungsprozessor. Die Intensität, die Kommunikation und wie er sich zwischen den Räumen bewegt, ist unfassbar. Über Müller brauchen wir uns nicht zu unterhalten, er würde es immer schaffen.
Nach deiner Zeit bei Bayern bist du auf Manfred Paula getroffen, der inzwischen das Nachwuchsleistungszentrum des TSV 1860 München leitet.
Er war mein erster Trainer im Herrenbereich nach dem FC Bayern. Er hat mich aufgefangen als es mich zerbröselt hat – und er hat mir die Chance gegeben, bei meinem Jugendverein zu spielen. Das war ein unfassbares Geschenk. Frank Schmöller hat mir als junger Erwachsener gutgetan. Er hatte die Größe und den Charakter, mich auszuhalten. Ich bin sehr intensiv, was die Kommunikation, den Austausch und die Emotionen betrifft. Als ganz junger Spieler hätte ich wohl einen Trainer wie Hirschnagl, Gründobler oder Saller gebraucht. (Trainerteam des TSV 1860 München II, Anm. d. Red.)
„Ehrlich gesagt, könnte das Spiel am Samstag gegen Rain mein letzter Tanz sein.“
Alex Benede
Was zeichnet Felix Hirschnagl als Trainer aus? Ist er ein Schleifer oder ein Spielerflüsterer?
Er ist unfassbar authentisch, ehrlich und zugleich sehr harmoniebedürftig. Er will die ganze Mannschaft an Bord haben. Ich hoffe, meine ehemaligen Trainer verzeihen mir das: Inhaltlich ist Felix Hirschnagl der kompetenteste und kompatibelste Trainer meiner Karriere. Seine Aussagen haben so viel Substanz, du könntest dich 24 Stunden mit ihm nur über Fußball unterhalten, ohne einmal aufstehen zu müssen. Dazu kann er komplexe Themen extrem einfach runterbrechen – und er ist fußballverrückt: Du könntest mit ihm jedes Spiel der dritten vietnamesischen Liga anschauen und würdest unfassbar viel lernen. Sein Fußballverstand ist abartig.
Das klingt so, als wärst du sehr glücklich bei 1860.
Es ist für mich ein Geschenk, hier gelandet zu sein. Felix und das Trainerteam leisten eine wahnsinnige Arbeit, aber die Situation ist insgesamt sehr gut bei 1860. Ich merke einfach, wie viele Menschen hier Spielern helfen und sie auffangen. Deshalb bin ich mit meiner Rolle als reiner Spieler so froh.
Toni Kroos, Mats Hummels, Sando Wagner und Holger Badstuber haben ihre Karriere beendet. Wie sieht es bei dir aus?
Ehrlich gesagt, könnte das Spiel am Samstag gegen Rain mein letzter Tanz sein.
(Interview: Boris Manz)