
Heimstetten – Die vierte Minute der Nachspielzeit hat gerade begonnen, als Christoph Schmitt dem Schiedsrichter einen Vorschlag unterbreitet. Zugegeben, der Trainer des SV Heimstetten tut dies nicht eben im Diplomatenton, sondern es klingt eher nach Wut und Verzweiflung, wie er da fünfzig Meter übers Feld zu Andreas Hartl hinüberbrüllt: „Jetzt pfeif halt ab, du!“
Tatsächlich hat Hartl soeben gepfiffen – jedoch nicht, um diese Regionalligapartie zu beenden, sondern um dem SV Viktoria Aschaffenburg einen letzten Freistoß zuzusprechen. Es würde nun wahrlich zu diesem verrückten Spiel passen, fiele jetzt noch das 3:3 für die Gäste, womöglich gar durch den nach vorne geeilten Torwart. Doch der Keeper kommt nicht mal in die Nähe des Balls, der abseits der Gefahrenzone ins Aus trudelt, worauf Hartl schließlich der Schmitt‘schen Idee folgt, in seine Pfeife bläst und einen 3:2-Erfolg für den SVH besiegelt – der erste Sieg des Aufsteigers seit Mitte August.
Nun hätte Schmitt ob dieser langen Durststrecke in seiner Spielanalyse wahlweise den Knoten platzen oder den Bock umstoßen können – angesichts der Dramatik der vorangegangenen 94 Minuten hätte man ihm derlei Floskeln verziehen. Stattdessen aber gebraucht der Coach ein anderes Wort beinahe inflationär – nämlich: Wahnsinn. Wie „billig“ seine Elf zu Beginn ein ums andere Mal den Ball vertändelt habe, sei „Wahnsinn“ gewesen, so Schmitt. Was ihm durch den Kopf schoss, als Daniel Wellmann nach einem dieser Aussetzer in der 28. Minute zu einem Zweikampf gezwungen wurde, für den er mit Rot vom Platz flog? „Wahnsinn!“, antwortet der Trainer – wohl wissend, dass der wirklich wahnsinnige Part dieses Aufsteigerduells erst noch folgen sollte.
Denn zu zehnt entdecken die Heimstettner plötzlich jene Defensivqualitäten, die sie bisher in dieser Saison so erfolgreich versteckt gehalten haben, als gäbe es in der Regionalliga einen Preis für den Klub mit den meisten Gegentoren. Mehr noch: Beim Stand von 0:0 ist der SVH nach der Pause sogar das bessere Team – und kassiert in der 67. Minute dennoch das 0:1. Unterzahl, Rückstand, dazu die Serie von 13 sieglosen Spielen im Genick: Nun spricht alles gegen die Platzherren – allein Lukas Riglewski ignoriert das geflissentlich. Vielmehr versenkt der Offensivmann erst einen Schlenzer, danach eine direkte Ecke und schließlich einen Elfmeter im Tor, sodass es kurz vor Schluss plötzlich 3:1 steht. Zwischen Riglewskis erstem und zweitem Streich holt sich Aschaffenburgs Ugurtan Kizilyar überdies eine ebenso berechtigte wie dämliche Rote Karte ab, die Schmitt hernach als „ausschlaggebend“ für diese Wende bezeichnet.
Wobei es am Ende noch mal spannend wird. Und dramatisch. Denn erst verschießt Fabio Sabbagh einen weiteren Elfmeter, dann fällt das 3:2-Anschlusstor, und schließlich bekommt Aschaffenburg in der 94. Minute noch einen Freistoß zugesprochen. Doch diese letzte Aktion des Spiels bleibt folgenlos – oder anders ausgedrückt: Kurz vor Schluss hat der Wahnsinn ein Ende.
SVH: Riedmüller, Wellmann, Günzel, Beierkuhnlein, Thomik, Regal, Sabbagh, D. Schmitt (46. Weser), Schels, Riglewski (89. Schäffer), Akkurt (81. Hannemann).
Tore: 0:1 Harrer (67.), 1:1 Riglewski (70.), 2:1 Riglewski (78.), 3:1 Riglewski (88.; Foulelfmeter), 3:2 Oppermann (90.+3).
Rot: Wellmann (28.; Notbremse), Kizilyar (73.; grobes Foulspiel).
Schiedsrichter: Andreas Hartl (SpVgg Hacklberg) – Zuschauer: 280.