
Eine gewisse Nervosität kann der neue Geschäftsführer des TSV 1860 nicht verbergen, das zeigt sich auch daran, dass er schon Minuten, ehe es losgeht, vor der Sponsorenwand posiert, die Arme voller Tatendrang auf einer Stuhllehne abgestützt. Das Ambiente oben in der Geschäftsstelle ist Scharold zwar vertraut. Neu ist für ihn, dass plötzlich die Augen von zwei Dutzend Reportern auf ihn gerichtet sind. Aus dem für die Außenwelt unsichtbaren Leiter der Finanzen ist quasi über Nacht eine öffentliche Person geworden. Daran muss sich der 37-jährige Münchner noch gewöhnen – und nach einem charmant vorgetragenen Lebenslauf („1860 ist der Verein meiner Kindheit“) gibt er dann auch einiges von dem preis, was ihn bewegt, wie er seine neue Position ausüben möchte – und wo er mit den Löwen hinwill. Sein Vertrag ist fürs Erste bis 2019 datiert, doch dass er längerfristige Visionen hat, belegt unter anderem sein Fünfjahresplan, mit dem er bei den Gremien punkten konnte – und sich den Job sicherte, den Investor Hasan Ismaik eigentlich für Franz Gerber, 64, vorgesehen hatte.
Scharold sprach unter anderem über...
... seine prägenden Erlebnisse mit dem TSV 1860:
„Da fallen mir drei ein. Mein erster Stadionbesuch war 1991: Ostkurve, Aufstiegsspiele gegen Neunkirchen, zusammen mit meinem Vater. Ein paar Monate später ging es in der 2. Liga gegen Waldhof Mannheim: 1:0-Sieg, vor lauter Nervosität habe ich eine ganze Halbzeit unter der Tribüne verbracht. Der Zusammenhalt unter den Fans, diese besondere Stimmung – das war ein einschneidendes Erlebnis. Und: Ich kann mich auch noch erinnern, wo ich mit meinem Berner Sennenhund (Brutto sein Name/ Red.) Gassi gegangen, als das Spiel in Meppen abgepfiffen wurde und der Bundesliga-Aufstieg geschafft war.“
... seinen beruflichen Stallgeruch als Löwe:
„1860 war 2010 mein Einstieg in den Profifußball. Damals habe ich ein Praktikum gemacht und hatte danach eine befristete Anstellung. Anfang 2017, als es mich nach meiner Zeit auf Schalke wieder gen Süden gezogen hatte, wurde ich dann von einem Headhunter angesprochen. Die Anfrage war sehr reizvoll für mich. Ich wollte bei dem Neuanfang mit Ian Ayre unbedingt dabei sein. Dass dann alles anderes gekommen ist – daraus brauche ich keinen Hehl zu machen. Aber: Die Vergangenheit können wir nicht ändern. Lieber schaue ich in die Zukunft, in der wir auf ein Fundament bauen können, das ich in den letzten sechs Monaten zusammen mit Markus Fauser entwickelt habe.“
... seine Schalker Vergangenheit (2010 bis 2017):
„Schalke ist für mich einer der drei großen Vereine in Deutschland. Ich hatte dort eine unheimlich spannende Zeit, in der ich viel Erfahrung in fast allen Bereichen sammeln konnte: Marketing, Sponsoring, Kommunikation – auch im sportlichen Bereich. Als ich kam, hatte Schalke eine Krisensituation, das haben wir gut stabilisiert; ich konnte viel mitnehmen in diesen sieben Jahren.“ Zu den Königsblauen gekommen war er 2010, als er eigentlich nach Paderborn fahren wollte, um bei seinem Doktorvater vorbeizuschauen. Hängengeblieben ist er bei Markus Kern, der kurzzeitig auch mal Geschäftsführer bei 1860 war (nach Stefan Reuter) – und den BWL-Absolventen dann für Schalke 04 gewann.
... Hasan Ismaik, der lieber Franz Gerber verpflichtet hätte:
„Ich respektiere, dass man über die Besetzung des Geschäftsführerpostens unterschiedlicher Meinung sein kann. Ich denke, ich hatte bisher ein gutes Verhältnis zu Hasan Ismaik, der mich ja letztes Jahr geholt hat – jetzt liegt es an mir, ihn davon zu überzeugen, dass ich doch die richtige Besetzung bin. Ich kann nur arbeiten und versuchen, mir auch das Vertrauen von der anderen Seite zu holen. Als Vermittler zwischen den Gesellschaftern sehe ich mich aber nicht – meine Aufgabe ist das operative Geschäft der KGaA.“
... seinen Fünfjahresplan: „Mein oberstes Credo ist, dass wir den maximalen sportlichen Erfolg anstreben müssen – unter wirtschaftlich nachhaltigen Bedingungen. Ich glaube, man kann die Wahrscheinlichkeit steigern, Erfolg zu haben. Absolut einplanen kann man ihn nicht, denn am Ende ist es ein Pfostenschuss oder ein Torwartfehler, der entscheidet. Gerade im Hinblick auf die Relegation. Wichtig ist, dass wir am Ende nicht unseren halben Kader auflösen müssen, weil wir alles auf die Karte Aufstieg gesetzt haben.“
... die mögliche Einstellung eines Sportlichen Leiters: „Ich habe Vorstellungen von den sportlichen Strukturen. Ich glaube, dass wir in der Umsetzung auch schon relativ weit sind, aber zu Namen kann ich Stand heute noch nichts sagen.“ Im Gespräch ist Günther Gorenzel, 46, 2006 Co-Trainer unter Walter Schachner – und später, bis 2016, Nachwuchsleiter.
... die Stadionfrage: „Im Sommer ist die Entscheidung getroffen worden, aus der Allianz Arena rauszugehen – das ist ein Schritt ohne Rückkehrmöglichkeit. Dieses Kapitel ist abgehakt, das haben die Bayern auch ganz klar signalisiert. Ich denke, für unsere momentane Situation ist das Grünwalder Stadion genau das Richtige. Das hat uns bisher sehr gutgetan – auch der Mannschaft hat diese besondere Atmosphäre geholfen. Trotzdem muss man festhalten, dass das Stadion definitiv nicht für Profifußball geeignet ist, zumindest, wie es im Moment dasteht. Für die 2. Liga würden wir Probleme beim Lizenzierungsprozess bekommen, für die 3. Liga wohl nicht. Für die Zukunft müssen wir an einer Lösung arbeiten und alle Optionen prüfen – das wird eine der wichtigsten Aufgaben sein.“
... Relegationsspiele in Giesing: „Man soll nie etwas ausschließen, aber ich gehe fest davon aus, dass wir unseren Heimvorteil nicht aus der Hand geben werden. Die Frage stellt sich eigentlich auch nicht, wenn man die Auftritte im Grünwalder gesehen hat und die Statistik kennt.“