Quer durch Europa für den »Stern des Südens«
Samstag 04.04.20 10:00 Uhr|Autor: Rainer Michelmann (Lauterbacher Anzeiger)136
...oder Mittelfeld-Motor Sebastian Rode, der mittlerweile wieder für Eintracht Frankfurt aktiv ist. Foto: Schneider

Quer durch Europa für den »Stern des Südens«

FANS: +++ Bayern-Fan Jens Schneider vom KSC Volkartshain/Völzberg verbindet seine Leidenschaften Fußball und Reisen / Aktiver Schiedsrichter und Wehrführer liebt vor allem das „Drum-Herum“ +++

Völzberg. Es gibt Fans. Es gibt Superfans und die, die einfach nicht genug von ihrem Lieblingsverein bekommen können. In dieser Kategorie steht Jens Schneider aus Völzberg ganz oben. Das „Mia san Mia“-Gefühl hat der aktive Schiedsrichter des SV Nieder-Moos voll verinnerlicht. Seine Reisen mit dem Auto, Taxi, Bus, Flugzeug und Bahn quer durch Europa sind abenteuerlich, ereignisreich und für die Ewigkeit. So viel hat er bereits erlebt. Der 42-Jährige ist weit und breit einer der größten Fans des FC Bayern München. Er kann ein Reiseführer-Buch mit dem Titel „Ich habe die Welt gesehen“ schreiben, denn auch privat treibt es ihn um den ganzen Globus.




Jens Schneider hat beim KSC Volkartshain/Völzberg als kleiner Junge in der F-Jugend Fußball gespielt. „Ich bin in einer Familie groß geworden, wo sich wirklich niemand für Fußball interessiert hat. Die anderen Kinder wurden von ihren Eltern begleitet, ich wurde nur hingefahren und abgeholt.“ Der kleine Junge von damals hat sich aber als Mittelstürmer durchgebissen. Fußball war und ist sein Leben. Auch als der KSC Volkartshain/Völzberg eine Spielgemeinschaft mit dem SV Nieder-Moos einging, war er als Spielausschussvorsitzender nah dran am Geschehen.

Den Bayern-München-Virus hat er seinem Onkel Helmuth Kurkowski aus Obersotzbach zu verdanken. Dieser schenkte ihm in jungen Jahren eine Bayern-Kappe. „Er hat mir den Weg geebnet. Mein erstes Spiel, das ich im Stadion angesehen habe, war in Leverkusen. Diese Kappe von damals trage ich noch heute bei allen Champions-League-Spielen. Ich war also schon in den 80er- und 90er-Jahren Bayern-Fan. Da haben sie noch nicht eine Meisterschaft nach der anderen gewonnen“, erzählte er. Aus dem Hobby wurde eine Sucht. Bei einer Sucht wird man abhängig. Seit 2009 ist Jens Schneider regelrecht besessen von seinem Hobby. Nur wenn mal eine Frau in sein Leben tritt, könnte sich das ändern: „Dann werde ich kürzertreten.“ Der Idealzustand wäre, wenn sie auch Fan des FC Bayern München wäre. So stellt sich das Leben von Jens Scheider aktuell dar.

„Ich fahre fast nur zu Auswärtsspielen, denn die Stimmung in München ist durch das Event-Publikum mit den vielen Eltern und ihren Kindern nicht so gut“, gesteht der 42-Jährige: „Wenn man ein eingefleischter Fan ist, weiß man das. Das schönste Spiel, dass ich in München erlebt habe, war das Halbfinale 2010 gegen Lyon, bei dem alle Zuschauer für eine schöne Atmosphäre gesorgt haben. Das war richtig geil. Das trifft man eigentlich nur noch in England an. Ich kann das beurteilen, denn ich war bei Manchester United, Manchester City, Tottenham Hotspur, Chelsea London, Arsenal London und beim FC Liverpool.“ Apropos Liverpool. „Dort war ich im vergangenen Jahr, als wir an der Anfield Road 0:0 gespielt haben und zu Hause ausgeschieden sind. Die singen ihr ‚You’ll Never Walk Alone‘, das war es aber auch schon. Danach hat man nur noch die Bayern-Fans gehört“, sagt er etwas stolz.

Freundschaften geschlossen

Stolz ist er auch auf seine vielen Freundschaften, die bei den vielen Reisen entstanden sind. Und die sind Gold wert. „Bei meinem Urlaub auf Ibiza habe ich einen Amerikaner kennengelernt, der in Madrid wohnt und arbeitet. 2010 hat Bayern München das Champions-League-Endspiel im Estadio Santiago Bernabéu in Madrid gegen Inter Mailand gespielt. Da hat er uns bei den exorbitanten Preisen rund um so ein Endspiel geholfen. Durch ihn konnten wir kostenlos in einer Studentenwohnung wohnen“, lobt Schneider diese gute Tat. „Wir“, das sind viele seiner Freunde und Bekannte vom Bayern-München-Fan-Klub „Bavaria Spessart“ und Bayern-Fan-Klub „Buh-Hörner“ (Birstein). Unter anderem sind auch immer wieder mal Felix Kania, der Torhüter des Fußball-Gruppenligisten SG Freiensteinau, und der Tischtennisspieler Pascal Michel (KSG Unterreichenbach/Bezirksklasse) bei den Auswärtsspielen live dabei. Immer dabei ist bei allen Champions-League-Auswärtsspielen sein 68-jähriger Fußballfreund Ludwig Rein aus dem Ebsdorfergrund: „Den habe ich beim Finale 2010 kennengelernt.“ Beinahe 4500 Fanklubs mit 358000 Mitgliedern beheimatet die große FCB-Familie in Deutschland. Jens Schneider ist einer größten und positiv verrücktesten Anhängern.

Die unzähligen Stadionbesuche des Völzbergers sind legendär. Für den „Stern des Südens“ und die Deutsche Nationalmannschaft ist er schon durch ganz Europa geflogen: Glasgow, Dublin, Manchester, Liverpool, London, Eindhoven, Amsterdam, Lille, Marseille, Barcelona, Madrid, Valencia, Sevilla, Lissabon, Porto, Guimaraes, Turin, Cesena, Bologna, Trieste, San Marino, Pilsen, Prag, Lviv, Kiew, Belgrad, Zagreb, Athen, Piräus, Istanbul, Sotschi, Rostov, Samara, Saransk, Nischni Nowgorod, Moskau, Sankt Petersburg, Kasan – kein Stadion, keine Bratwurst und kein Bier sind ihm fremd. Fast immer verbindet er seine Reisen zu den Fußballspielen auch mit Städtetouren.

Es versteht sich von selbst, dass Jens Schneider Mitglied beim FC Bayern München ist. Eine Dauerkarte besitzt er aber nicht. „Ich habe nach der Saison 2005/2006 eine beantragt, aber Bayern München gibt keine mehr raus“, erklärt der Groß- und Einzelhandelskaufmann. Aufgrund seiner außergewöhnlichen Begeisterung für den deutschen Rekordmeister hatte er eines Tages seinem Chef mitgeteilt, dass er von seinen 30 Tagen Urlaub im Jahr 20 Tage für den Fußball braucht. Gut, dass er so einen loyalen Chef hat.

Lieber Chef, früher hatte Jens Schneider auch in Bayern-Bettwäsche geschlafen. So verrückt ist er aber nicht mehr. Ja, auf seinem Sofa liegt eine Bayern-München-Decke. Das ist normal. Das gehört sich als Superfan. Und alle Eintrittskarten sind fein säuberlich in einem Ordner sortiert. Auch die von den Bundesligaspielen. Schneider hat bis auf Augsburg und Freiburg alle Stadien in Deutschland besucht. Apropos Besuche: Im November 2016 führte Schneiders Trip zum Champions-League-Spiel ins russische Rostov (südlich von Moskau): „Das war ein Erlebnis, das kann ich gar nicht beschreiben. Allein die Vorplanungen waren verrückt. Da ich das erste Mal in diesem Land war, habe ich über das Internet versucht, Leute kennenzulernen, die für uns als Reiseführer fungieren. Da ich die kyrillische Schrift nicht kenne, wären wir ohne Hilfe verloren gewesen.“

James Bond in Russland

Und 2018 führte seine Reise wieder nach Russland zur Fußball-Weltmeisterschaft. Der Ablaufplan klingt nach einem James-Bond-Film: Spannend, dramatisch, aber am Ende siegt das Gute. Die 14 Tage im Zeitraffer: Flug von Frankfurt nach Moskau. Fahrt zum Hotel „People Loft Tverskaya (123,23 Euro pro Person und Nacht). Nächster Tag Luzhniki Stadium Moskow (81000 Zuschauer). Deutschland gegen Mexiko gesehen. 24 Stunden später Abfahrt mit dem kostenlosen Zug von Moskau nach Nischni Nowgorod. Ankunft in Nischni Nowgorod um 6.37 Uhr. Weiterfahrt mit dem Taxi zur Unterkunft. Apartments Vodniy (Kosten für eine Nacht 1500 Rubel). Am gleichen Tag im Stadion Nizhny Novgorod Stadium (44899 Zuschauer) gefahren und Schweden gegen Südkorea angeschaut. Am vierten Tag früh morgens Fahrt von Nischni Nowgorod nach Saransk. Der Trip im Minivan kostete 10000 Rubel (etwa 140 Euro). Die Strecke war ungefähr 300 Kilometer lang. Und so ging es jeden Tag weiter.

„Wir haben auch das Spiel Kolumbien gegen Japan gesehen. Die weite Fahrt mit dem Bus über Stock und Stein ins Stadion kam für uns nicht in Frage. Das Taxis sollte 150 Euro kosten. Ich habe dann über meine Bekannte Nathalia aus Moskau einen privaten Fahrer ausfindig gemacht, der hat 120 Euro verlangt. Wenn man so etwas organisiert, gehört viel Vertrauen dazu“, sagt er rückblickend. Damit sie sich beim Treffpunkt auch erkennen, hatten Jens Schneider und der Fahrer über WhatsApp Porträtfotos ausgetauscht. „Um 15 Uhr begann das Spiel, um 8 Uhr sind wir losgefahren. Wir hatten aber Bedenken, dass wir überhaupt ankommen. Der Fahrer namens Viktor hat uns zu verstehen gegeben, dass er auch das Spiel anschauen will. Wir sollen uns keine Gedanken machen. Wir haben uns mit Händen und Füßen unterhalten“, gesteht Jens Schneider mit einem Lächeln im Gesicht. Das war Stress pur, aber alle waren überglücklich. Sie waren live dabei. Und am letzten Tag des Russland-Trips ging der Rückflug von Kazan mit „Czech Airlines“ nach Prag und von dort nach Frankfurt. Geschafft, fertig, aber glücklich. Jens Schneider und seine Freunde hatten viel erlebt. Das verbindet. Einen ähnlichen Ablaufplan gab es auch für die sechstägige Reise zur U21 WM in Italien 2019. Ob Rimini oder San Marino – Jens Schneider besuchte mit seinen Kumpels fünf Spiele an sechs Tagen, diesmal inklusive Sightseeing in Bologna.

Der 42-Jährige liebt das „Drum-Herum“ bei solchen Spielen: „Das ist der Reiz.“ Es ist aber unglaublich, was der Völzberger noch alles macht. Neben der nunmehr 25-jährigen Schiedsrichtertätigkeit ist er auch seit über 25 Jahren in der Feuerwehr aktiv. Seit 2003 bekleidet Schneider das Amt des Wehrführers. Von 1995 bis heute ist er auch als aktiver Dartspieler beim DC Hotzenplotz in Lichenroth tätig. Wann schläft der Mann eigentlich mal?

Durch sein Hobby hat er ganz Europa gesehen, aber mit seiner Schwester Carolin sogar fast die ganze Welt „erobert“: „Wir waren unter anderem in Jamaika, Kuba, Hawaii, San Francisco, Las Vegas, New York, Mexico und der Dominikanischen Republik.“ Ja, wenn einer eine Reise tut, dann kann er was erzählen. Der beliebte Bayern-München-Fan aus Völzberg gab auf seinen Reisen im Oktober 2018 in Athen sogar dem Bezahlsender „Sky“ ein Interview. Aber auch ohne dieses Schmankerl ist er in der Szene „berühmt“. „Mein Bruder hat ein Haus gebaut. Ich denke, dass ich fast genau so viel Geld ausgegeben habe, um all diese vielen Fußballspiele zu finanzieren“, verrät Jens Schneider. Er ist ein Edel-Fan vom Allerfeinsten.





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