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Mittwoch 08.11.17 12:01 Uhr|Autor: RP / Sebastian Dalkowski2.600
F: Thorsten Benning

Der Torhüter, der sich selbst besiegte

Thorsten Albustin spielte einst für Borussia Mönchengladbach. Dann jagte ihn die Angst durchs Leben. Als sie ihn auch vom Fußballplatz vertrieb, konnte ihn nur noch einer retten.
Der Fußballtrainer Thorsten Albustin besitzt einen Kugelschreiber, in dem vier Minen stecken. Mit Blau trägt er schon vor dem Spiel die wichtigsten Informationen über den Gegner in ein Notizbuch ein. Mit Schwarz hält er die Erkenntnisse fest. Mit Rot die Wechsel. Mit Grün die Tore. Der Kugelschreiber mit den vier Minen gibt eine Ahnung, warum Albustin da sitzt im Oktober 2017. Auf einem Plastikstuhl am Rande eines Fußballplatz genannten Ackers.

Im Hintergrund die Windräder und die Dorfkirche von Vrasselt, kurz vor Emmerich. Der Schiedsrichter mit Bierbauch. Der Kugelschreiber gibt auch eine Ahnung, wie sich Albustin gegen das schwarze Loch in seinem Leben gestellt hat. Gegen die Ängste. Mehr als zehn Jahre lang. Vielleicht gibt der Kugelschreiber aber auch eine Ahnung, wie Albustin überhaupt hineingeraten ist in dieses Loch.

"Wat hasse, Laser?", ruft er einem seiner Spieler zu.

"Da war so ein Erdloch. Hat geknackt."

"Sofort Eis drauf."

Die Angst begleitet Albustin zuerst, dann leitet sie ihn. Er ist acht, die Familie im Winterurlaub in den Bergen, er mit seinem Vater im Sessellift. Eine Lawine geht runter. Ihm passiert nichts. Anderen schon. Die Vorstellung, dass es ihn hätte treffen können, verfolgt ihn lange. Er hat Alpträume. Später im Freibad: Ein Freund packt ihn an den Knöcheln und steckt ihn kopfüber ins Wasser. Die Panik ist wieder da. Andere Kinder vergessen schnell, bei Albustin nistet sich die Angst ein.

Es geht erst mal alles gut. Bis zu einem Sonntag im März 1996. Der Torhüter hat es aus der Kreisliga zu den Amateuren von MSV Duisburg geschafft. Heimspiel, 25. Spielminute, 0:0. Ein Schuss aus 25 Metern. Der Ball kommt auf ihn zu, flattert. Albustin zittert. Der Ball rutscht durch die Hände ins Tor. Passiert jedem Torhüter irgendwann. Die meisten kommen drüber hinweg. Albustin aber ist Perfektionist. Daran hat auch seine Mutter Schuld, die ihm schon früh zu verstehen gab, dass er sie nicht blamieren solle. Die Angst zu versagen spukt ihm schon lange durch den Kopf. Wert hat nur, wer Erfolg hat. Der Flatterball macht etwas kaputt. Mit 22 Jahren lernt er, dass es das vollkommene Leben nicht gibt. Das Gegentor begleitet ihn lange. Erfolge lenken ab, aber am Montag ist da wieder dieser Ball und er geht jedes Mal rein. Im Training lässt sich so ein Flatterball nicht imitieren.

Er hat noch drei Jahre bis zur ersten Panikattacke. Ganz anderes Level.

Albustin bringt weiter Leistung, wechselt zu den Amateuren von Borussia Mönchengladbach, und als sich mehrere Torhüter verletzen, rückt er zur Nummer 2 bei den Profis auf. In der Saison 1998/1999, in der Mönchengladbach zum ersten Mal aus der Bundesliga absteigt, macht er zwei Spiele, hält sogar einen Elfmeter. Danach landet er wieder bei den Amateuren. Eines Nachts reißt ihn die Angst aus dem Schlaf. Später wird er darüber in einem Buch schreiben, sein Körper habe gebebt, "als ob tausende aggressive Wespen durch meine Venen rasten". Angstschweiß. Das Gefühl, sterben zu müssen. Er eilt zur Toilette, kehrt wieder zurück.

"Was ist los?", fragt die Frau.

"Ich weiß es nicht, es zerreißt mich, ich habe so viel Angst."

Nach ein paar Minuten schläft er erschöpft ein.

Sein Leben läuft nun anders. Die Angst übernimmt. Das Vertrauen zu seinem Körper hat er in dieser Nacht verloren. Sein Vertrag wird nicht verlängert, mit 26 muss er neu anfangen. Er wechselt zu einem Oberligisten, der ihm auch eine Ausbildung zum Industriekaufmann verschafft. Mit der großen Karriere wird es nichts mehr. Der Bürojob ist nichts für ihn, die Angst quält ihn immer mehr, das im Tor ist nicht mehr der Albustin von früher. Bocholt. Hamborn. Dinslaken. Schermbeck. Bei keinem Verein wird er glücklich. Und dann nimmt ihm die Angst noch sein sicherstes Terrain. Ein Pokalspiel unter der Woche, 50 Zuschauer. Es dämmert, niemand schaltet das Flutlicht ein. Albustin ist zu dieser Zeit so empfänglich für die Angst, dass selbst Licht Einfluss auf ihn hat. Zu viel Licht, zu wenig Licht, das signalisiert Gefahr. Sein Herz rast, sein Magen zieht sich zusammen. Er wankt. Will nur noch weg. Doch im Fußball sagt man nicht: Leute, ich hab Riesenschiss, ich muss runter. Er täuscht eine Verletzung vor, lässt sich fallen, wird ausgewechselt. Gibt nach dem Spiel wieder den Coolen. Er wird als Torhüter nie wieder ein Fußballfeld betreten, denkt er. Es ist der bitterste Moment seines Lebens.

Er beginnt zu verstehen dass er Hilfe braucht. Ein paar Monate später schreit er seinen Chef durchs Telefon an und kündigt. Job weg, Fußball weg. Er kann nicht mal mehr Aufzug fahren, weil er Angst hat, dass er stecken bleibt. Wenn andere diskutieren, steht er auf und geht, weil jeder Stress die Maschinerie in Gang setzen könnte. Seelen-Tumor, so nennt er es, woran er leidet. Er macht eine Gesprächstherapie gegen seine Angststörung, zwei Jahre später die zweite. Da kann er sich immerhin alles von der Seele reden, aber seine großen Ängste bleiben. Medikamente will er nicht nehmen. Zu viel Stolz. Außerdem haben die Ärzte in seinem Körper nichts finden könnten. Er erzählt seiner Familie davon, seiner Frau, seinen Eltern, auch wenn es für sie schwierig ist, seine Krankheit nachzuvollziehen. Weil sie diese Ängste nicht kennen. Auch seine Frau kann ihm nicht helfen. "Es war aber auch schwer, ihm zu helfen, er war zu sehr in sich selbst versunken", sagt ein guter Freund heute. Aus dem Fußball hält er sein Geständnis raus. Spricht man nicht drüber.

Ganz langsam verschafft sich Albustin Luft. Er studiert Sport, wird Torwarttrainer bei Rot-Weiss Essen. Im Training ist alles okay, Spieltage allerdings bleiben ein riesiges Problem für ihn. Er versucht es mit Alkohol, nimmt zu. Sein Gesicht sieht in diesen Tagen aufgedunsen aus. An einem Sonntagmorgen trinkt er Bier auf einem Spielplatz, übergibt sich und erkennt, dass der Alkohol seine Wirkung verloren hat. Bei einem DFB-Pokalspiel gegen Borussia Dortmund flüchtet er während des Spiels in den Fitnessraum. Jetzt gibt es nur noch einen, der ihn retten kann.

Torhüter sind es gewohnt, dass sie nur sich selbst helfen können. Wenn ein Abwehrspieler danebenrutscht, gibt es noch den Torhüter. Wenn ein Torhüter danebengreift, ist der Ball im Tor. Vielleicht ist das der Grund, warum Albustin die Sache vor allem mit sich selbst ausmacht. Er hat ein Kämpferherz. Er hat Willen. Er hat Ehrgeiz. Der Mann, der später akribisch in einem Notizheft in vier Farben Auswechslungen und Tore festhält, geht das Projekt "Die Angst vertreiben" ebenso akribisch an. "Er hat den Kampf gegen die Ängste durchgezogen", sagt ein Freund über diese Zeit, "brutal durchgezogen."

2008. Albustin fährt mit dem Wagen zu seinem schwersten Spiel. Dabei will er bloß als Zuschauer ins Stadion. Er hat in den vergangenen Jahren Bücher über seine Angst gelesen. Er wollte zu seinem besten Experten werden. Er hat seine Höhenangst bekämpft, die ihn schon überkam, wenn er hohe Gebäude nur von unten ansah. Erst guckte er auf Baumwipfel, dann auf Häuser, dann auf Schornsteine. Dann schaute er hinunter. Stellt sich auf Brücken über kleine Flüsse, schließlich auf eine Rheinbrücke. Jede Rückkehr ist wie ein gewonnenes Spiel. Aber da ist noch diese Angst vorm Stadion. Sitzt er auf der Tribüne, sieht er sich auf dem Feld stehen und umkippen wie damals. Er fängt auf Fußballplätzen an, geht in kleinere Stadien, fährt dann nach Düsseldorf. Fortuna spielt damals in der dritten Liga, es sind zwar nur 10.000 Zuschauer da, aber das Stadion ist riesig. Der Ticket-Kontrolleur wünscht ihm noch viel Spaß. Kaum ist Albustin auf der Tribüne, rennt er wieder raus – und geht doch wieder zurück. Immer wieder rein und raus. Beim dritten Spiel schafft er es, eine Halbzeit am Stück im Stadion zu bleiben. Er merkt, dass ihm nichts passiert. Sein Matchplan gegen die Ängste funktioniert. Mit Entspannungstraining findet er einen Ort der inneren Ruhe. 2011 hat er die letzte gedämpfte Panikattacke. Er hat sich gegen die Angst geimpft.

Dann erobert er den letzten Ort zurück, den die Angst ihm genommen hat. Er geht wieder regelmäßig joggen, verliert fast 20 Kilo und kehrt 2013 mit 39 Jahren ins Tor zurück. Kreisliga. Aber das ist ein anderer Albustin. Die Unbekümmertheit ist weg, dafür ist er sensibler geworden, verständnisvoller, kritischer gegenüber der Gesellschaft, die jeden unter Druck setzt. Der Ball, der ihm in Duisburg durch die Finger rutschte, ist ihm egal. Der Maßstab ist für ihn nicht mehr die Perfektion. Was zählt ist, dass ihn die Aufgabe herausfordert.

Nun krempelt nicht mehr die Angst sein Leben um, sondern er selbst. Eigentlich soll er als Torhüter nach Dinslaken-Lohberg wechseln, doch als zwei Trainer abspringen, ruft die Vereinsführung ihn an und fragt, ob er die Mannschaft nicht übernehmen möchte. Albustin will endlich selbst die Fäden in der Hand halten auf dem Platz. Er sagt sofort zu, die Mannschaft steigt in die Bezirksliga auf, er stellt sich noch ein paar Mal selbst ins Tor. Dann geht er volles Risiko, kündigt seinen Job als Torwarttrainer der Schalke-Jugend. Der Kick des Cheftrainers ist ein anderer.

Doch in der zweiten Saison hat er das Gefühl, dass die Mannschaft nicht mehr richtig mitzieht, noch vor der Winterpause geht er. Weil niemand anruft, bewirbt er sich selbst. Hamminkelner SV, bei Wesel, Bezirksliga. Er verhindert so gerade eben den Abstieg.

Die Zeiten, in denen es für Albustin eine Herausforderung war, überhaupt auf dem Platz zu stehen, sind vorbei. "Das ist kein Rucksack, das ist kein Druck. Wir wollen uns was Gutes tun." Mit diesen Worten schickt er seine Hamminkelner aus der Kabine. Das Spiel gegen Vrasselt, den Favoriten, läuft noch keine halbe Minute, da springt Albustin schon auf. 1,83 Meter. Kein überflüssiges Fett, keine überflüssigen Worte.

"Aktivität!", ruft er.

"Flach spielen! Sicherheit!"

Dann setzt er sich wieder neben seinen Co-Trainer. Albustin in Jeans, Kapuzenjacke, praktischer Kurzhaarschnitt. Als seine Mannschaft das 1:0 schießt, entspannt er. Kurz. Diesen verbissenen Blick wird er das ganze Spiel nicht ablegen, danach auch nicht. Es ist ein Blick, den er auch schon auf Fotos aus seiner Bundesliga-Zeit zeigt. Gesellig, so erzählt ein Freund, ist er nur im Privaten. Job ist Job. Wenn die Mannschaft freitags nach dem Training noch ein Bier trinkt, fährt er nach Hause, weil Nähe auch mal aufhören muss. Für ihn fällt das unter Professionalität.

Zur Halbzeit steht es 2:0. Albustin geht zügig Richtung Kabine, zieht vor der Tür ein paar Mal an einer Zigarette, drückt sie wieder aus, steckt sie ein. Kurze Ansprache in der Kabine: "Ihr macht das so hervorragend … Ihr spielt eine grandiose erste Halbzeit. Ich will, dass Ihr daran anknüpft." Danach wieder raus, Zigarette zu Ende rauchen. Hoffentlich halten sie diesen Level aufrecht, denkt er. Albustin hat nicht zwei Möglichkeiten im Kopf, sondern immer fünf, und von denen sind drei schlecht.

Das 3:0 fällt in der 72. Minute. Es ist das erste Mal, dass er während des Spiels entspannen kann mit dieser Mannschaft. Falls sie früher gewann, dann knapp. Jetzt fallen noch das 4:0 und das 5:0. Die Mannschaft wird am Ende des Tages auf einen einstelligen Tabellenplatz klettern. Oberliga will er mal spielen, zu mehr reicht seine Trainerlizenz sowieso nicht. Aber das Haifischbecken Profifußball will er sich nicht antun, er will es auch nicht unterstützen. Macho-Geschäft hoch zehn. Er will, dass die Leute zu ihren Schwächen stehen.

Während er das Spiel verfolgt, stehen hinter ihm ein paar A-Jugendliche und reden. Er hört sie nicht, er konzentriert sich aufs Spiel. Sie erzählen von nächtlichen Pizza-Orgien, Mäckes, vom Saufen am nächsten Wochenende und dem darauf. Die übliche Prahlerei und Coolness. Sind das die jungen Leute, die später mal von ihren Schwächen erzählen, anstatt sie vor allen geheimzuhalten?

Nicht jeder, den seine Psyche plagt, ist Torhüter, ausgestattet mit einem besonderen Willen. Nicht jeder Torhüter ist wie Thorsten Albustin. Es hätte auch für ihn ganz anders kommen können. Als er in Mönchengladbach in den Profikader rückt, ist da noch ein Keeper über ihm. Sie sind jung, sie erzählen einander nicht von ihren Problemen. Der Konkurrent spielt später für Barcelona und die deutsche Nationalmannschaft. Am 10. November 2009 geht Robert Enke, von Depressionen zermürbt, auf die Schienen. Der deutsche Profifußball schwört danach, dass nun alles anders wird. 

 
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