Türkgücü München: Fanclub Fanatik will sich nicht von rechter Hetze einschüchtern lassen
Freitag 16.10.20 10:19 Uhr|Autor: Münchner Merkur / Nico-Marius Schmitz4.873
Der erste Fanclub von Türkgücü München hat bereits 20 Mitglieder. Foto: Fanclub Fanatik Türkgücü

Türkgücü München: Fanclub Fanatik will sich nicht von rechter Hetze einschüchtern lassen

„Wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen“
Fanatik Türkgücü ist der erste Fanclub der Geschichte von Türkgücü München. Der Gründer des Fanclubs will sich von rassistischen Bemerkungen nicht einschüchtern lassen.


  • Türkgücü München polarisiert in ganz Deutschland.
  • Vermeintliche Fans des FSV Zwickau heißen den Drittliga-Aufsteiger „nicht willkommen“.
  • Türkgücü-Geschäftsführer Max Kothny lobt die Zusammenarbeit mit dem DFB.

München – Türkgücü München polarisiert. Der Verein hat sich innerhalb von drei Jahren von der Bezirkssportanlage in der Heinrich-Wieland-Straße bis ins Münchner Olympiastadion hochgespielt. 2017 hießen die Gegner in der Landesliga noch Dachau, Hallbergmoos oder Geretsried. Heute spielt man in der 3. Liga gegen die Löwen, Kaiserslautern oder die Amateure von Bayern. Türkgücü ist längst kein Projekt mehr, sondern angekommen im Profifußball. Die Münchner haben an den ersten vier Spieltagen bewiesen, dass sie wieder um den Aufstieg mitspielen können. Es wäre der Vierte hintereinander.

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Türkgücü München: Kivran investierte bereits mehr als eine Million

Solch ein rasanter Aufstieg erfordert vor allem eins: viel Geld. Präsident Hasan Kivran hat nach eigenen Angaben bislang über eine Million Euro investiert. Der Kader wurde vor jeder Saison nahezu ausgetauscht, um in der neuen Liga gleich wieder zur Spitze zu gehören. Es ist ein Aufstieg, der für viele Fußballfans zu schnell, zu aggressiv und ohne den Unterbau einer funktionierenden Jugendabteilung geht.

Doch die Kritik an Türkgücü spielt sich nicht immer nur auf sportlicher Ebene ab. Vermehrt kommt es zu Attacken aus der rechten Szene auf Deutschlands ersten von Migranten gegründeten Verein im Profifußball. Vor einigen Tagen kursierte ein Video im Netz, auf dem vermummte Personen vor dem Stadion des FSV Zwickau ein Banner mit der Aufschrift „Türkgücü NICHT willkommen“ hochhalten. Eine Hetzjagd der rechtsextremen Kleinpartei „Der III. Weg“, die auch Sticker mit derselben Botschaft in Umlauf bringt. Auch im Umfeld des Grünwalder Stadions mussten die Münchner solche Aufkleber entfernen.

Kothny will rechtsextremen Gruppen keine Plattform bieten

„Wir als Verein versuchen vor allem, solchen oftmals rechtsextremen Gruppierungen möglichst keine Plattform zu bieten, indem wir Aufmerksamkeit auf deren geschmacklose Aktionen lenken. Dass wir dieses Verhalten trotzdem in keinster Weise tolerieren und akzeptieren, sollte aber klar sein“, sagt Geschäftsführer Max Kothny unserer Zeitung.

Für Baris Albayrak, 47, sind solche Anfeindungen nichts Neues. Er verfolgt Türkgücü seit Landesliga-Zeiten. Gemeinsam mit einigen Freunden hatte er genug vom Profifußball, sie wollten die Amateure spielen sehen. „Es ist natürlich ein wenig schräg, dass Türkgücü mittlerweile als Profiverein in der 3. Liga spielt“, sagt Albayrak.

Doch er hat auch die Zeiten vor dem professionellen Fußball erlebt, bezeichnet sich als Fan der ersten Stunde: „Wir waren in Kirchanschöring, zu sechst. Natürlich wurden wir da belächelt und es hieß: Guck mal, da kommen die sechs Türken.“ Doch für den 47-Jährigen und seine Freunde war es das Highlight des Wochenendes, ihr Team auf den verschiedensten Sportplätzen Bayerns anzufeuern.

Fanatik Turkgucu erster Fanclub von Türkgücü München

2019 gründet Albayrak Fanatik Turkgucu – der erste offizielle Fanclub in der Geschichte des Vereins. 20 zahlende Mitglieder zählt der Verein, im Dunstkreis befinden sich weitere 40 Personen. Nach Wiesbaden wären sie mit 100 Fans gefahren.

In der Satzung von Fanatik Turkgucu steht, dass die Gegner nicht beleidigt werden. „Fairness ist das oberste Credo“, sagt Albayrak. Der Unternehmer kann viele Vorwürfe gegen Türkgücü nicht verstehen. Etwa, dass der Verein keine sportliche Heimat, also kein Stadion besitzt: „Das finde ich lächerlich. Wer hat in Deutschland schon ein eigenes Stadion, das dem Verein gehört? Wir sind im Fadenkreuz, weil wir Türken sind, da wird mit zweierlei Maß gemessen.“

Trotz der unschönen Botschaft aus Zwickau wäre der Fanclub zum Auswärtsspiel – coronabedingt sind keine Gästefans erlaubt – in den Osten gefahren. „Wir dürfen uns nicht einschüchtern lassen. Aber eins ist klar: Bei solchen Fahrten nimmst du keine Frauen oder Kinder mit, du weißt ja nicht, was dich vor Ort erwartet“, sagt Albayrak.

Türkgücü München lobt den Zusammenhalt mit dem DFB

Bei Türkgücü, die heute im Auswärtsspiel (19 Uhr) auf Magdeburg treffen, spüre man engen Zusammenhalt in der Liga und Unterstützung vom DFB, sagen Vereinsverantwortliche: „Wir haben uns mit dem Verband hinsichtlich der Thematik ausgetauscht. Nicht nur dazu, sondern auch generell kennen wir die Position des DFB, der schon oftmals klare Kante gegen Hass und Rassismus gezeigt hat“, sagt Kothny.

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Albayrak will sich auch in Zukunft nicht die Freude an den Auswärtsspielen nehmen lassen. „Wir reisen mit unserem Verein, weil wir den Fußball lieben, wir wollen keine Auseinandersetzungen.“ Doch nicht nur Albayrak ist sich bewusst: „Jedes Türkgücü-Spiel im Osten ist ein Risikospiel. Vermutlich stehen dann mehr Polizisten um uns herum, als wir mit Fans angereist sind.“

(NICO-MARIUS SCHMITZ)


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