Der verrückte Erdinger Fußballsonntag
Mittwoch 13.01.21 14:43 Uhr|Autor: Erdinger Anzeiger / Dieter Priglmeir150
Qualitätskontrolle: Was schreibt er denn jetzt schon wieder, da Schreiberling? Redakteur Dieter Priglmeir ist ausnahmsweise selbst vor Ort und tippt noch auf der Tribüne. Den Blicken der Leser zufolge kann der Text nicht allzu spannend sein.  Foto: Andreas Priglmeir

Der verrückte Erdinger Fußballsonntag

Der Redaktionsalltag vor Corona-Zeiten
Der Alltag an einem ganz normalen Fußballwochenende: Nach dem Abpfiff wird’s hektisch in der Redaktion, aber unsere Reporter haben das im Griff.


Es gibt inzwischen Medien, die ihre Fußballberichte von Computerprogrammen schreiben lassen. Sagen wir mal so: Wer wissen will, dass der Achtplatzierte schon 14 Tore daheim, aber erst drei Stück auswärts kassiert hat – für den ist es das Höchste. Wir dagegen finden: Fußball wird von Menschen gespielt und muss auch von Menschen erzählt werden. Wir wollen ja wissen, warum die so viele Tore kassieren

Deshalb schicken wir zum Beispiel „Mister Amateurfußball“ Eicke Lenz zum „Kreisliga-Spiel der Woche“ und haben in der Bezirksliga unsere Schreiber direkt vor Ort. Alle weiteren Partien – allein bei den Männern haben wir rund 50 Mannschaften – telefonieren unsere Reporter ab. Drei Stunden nach dem letzten Abpfiff müssen alle Seiten für den Druck fertig sein. Das ist kein Job für jeden, und deshalb – tara! – hier präsentieren wir unser Fußball-Reporterteam:

Daniela Oldach: Unser wandelnder Terminkalender weiß, wann welcher Kollege gerade Linien zieht (als Platzwart natürlich), beim Bergsteigen, auf Firmausflug oder als DAZN-Reporter im Einsatz ist. Sie stellt das jeweilige Sonntagsteam auf und ist selbst Captain. Ihr Standardsatz als Reporterin gegenüber dem Redakteur: „Ich habe viel zu wenig Platz, können wir das Bild kleiner machen?“ Machen wir, weil wir vorher fasziniert zugehört haben, wie sie dem Kreisklassen-Trainer Geschichten rausgeleiert hat, die der eigentlich gar nicht erzählen wollte.

Walter Pelzl, rostfreier Kirchascher Torwarttitan mit dem Patent für die ganz besondere Begrüßungsformel: „Servus (hier irgendeinen Vornamen eintragen!), lass di griaßn.“ Vom aufreibenden Fußballnachmittag schon etwas geschafft, bringt man ihn wieder auf Betriebstemperatur,
a) indem man nach einer KSC-Pleite nach dem Grund fragt
b) wenn du dich nach dem Schiri bei o. g. Begegnung erkundigst
c) mit einer Tasse Kaffee.
Letzteres ist uns am liebsten, weil er dazu gern mal von seiner Frau gebackene Zwetschgnbuchteln für alle mitbringt.

Tobias Fischbeck hat noch etwas Probleme mit dem Zeitmanagement, weil er mit jedem Vereinsberichterstatter ins Plaudern kommt. Er begeistert sich eben für Zustorf gegen Langenpreising genauso wie für Werder Bremen gegen Wolfsburg. Bundesliga-Berichterstattung ist nämlich sein zweiter Job.

Daniel Georgakos streut immer wieder mal eine blitzgescheite Fußballweisheit in seine Berichte ein. Er ist quasi der Thomas Broich im Team. Wen wundert’s, dass auch er in Australien gelandet ist.

Andreas Priglmeir geht es eher von der sachlichen Seite an. Sein üblicher Einstieg beim Telefonat: „Können wir über das heutige Spiel sprechen?“ So ein Satz nach einem 4:5 in letzter Sekunde – ein Psychiater würde ein Heidengeld dafür verlangen.

Ilies Mebarki hat selbst schon jeden guten Landkreiskicker trainiert und ist bis ins oberste Profigeschäft vernetzt. Da spielen seine besten Kumpels, obwohl sie ihm – rein technisch – nie das Wasser reichen konnten. Sagt er.

Matthias Spanrad , für die Kreisliga Erding/Freising leisten wir uns einen Export aus der Domstadt. Absoluter Fachmann für Fußball und Schachtelsätze (Er ist Lehrer). Die Lotterie, ob Maier, Meier oder doch Meyer, gewinnt er nicht immer. Aber die Redakteure brauchen ja auch noch eine Arbeit.

So, und jetzt rein in die spannendsten Stunden einer Redaktionswoche: Drei aus dieser Sechser-Kombo sind heute im Einsatz. Es ist 16.50 Uhr, Abpfiff auf den meisten Plätzen. Während sich die Spieler vom Acker machen, greifen unsere Reporter zum Telefon. Wer wird am anderen Ende der Leitung sein? „Pressesprecher, Trainer, Vorsitzender oder der mit Abitur“, werden Sie, verehrte Leser, vermuten. Stimmt, aber wir sortieren sie jetzt mal anders.

Vorab aber noch folgende Vorbemerkung, denn das ist ein Phänomen: Circa 74,37 Prozent aller Vereinsberichterstatter beginnen ihr Statement mit „Wie gesagt...“. Das ist einerseits erstaunlich, weil sie ja vorher noch gar nichts gesagt haben. Andererseits ist es logisch, denn unsere Korrespondenten gehen eben vorher schon mal im Kopf durch, was sie sagen werden. Schon diese 74,37 Prozent aller Berichterstatter sind bestens vorbereitet. Wir können es gar nicht oft genug betonen: Unsere Kontaktleute vom Verein – das sind großartige Stützen, ohne die wir völlig aufgeschmissen sind. Natürlich sind sie auch Typen, die unsere Berichte erst bunt machen.

Aber jetzt rein in die Telefon-Rallye. Inzwischen ist es 17.15 Uhr. In der Leitung ist:

Der Mediendirektor: Gut, andere in der Kreisklasse nennen den Posten Pressewart, aber was der FC Bayern kann, ist für den TuS Oberding gerade gut genug. Von der Kompetenz her könnte Franz H. ohnehin beim Rekordmeister arbeiten.

Der Fakten-Checker: Bestens vorbereitet, nennt jede Ein- und Auswechslung, weiß die exakte Spielminute eines Treffers und Einwurfs. Rechnet auf Wunsch auch Ballbesitzquote und Torwahrscheinlichkeit aus.

Die beiden Redakteure haben inzwischen die Layouts angelegt. Fehlen noch die Bilder. Vier Fotografen haben wir dafür kreuz und quer durch den Landkreis gejagt. Naja, ganz so chaotisch ist es nicht. Mit dem Finger auf der Landkarte überlegen wir schon vorher: Wieviel Kilometer quer durch den Landkreis schafft Roland Albrecht mit seinem Moped? Welche Strecke ohne Blitzer haben wir für den Fotografen ausgeheckt, dessen Namen wir hier geheim halten?Zurück zu den Reportern. Die ersten Statements sind da. Am Telefon war:

Der Tiefstapler: „Ja, wir haben 6:0 gewonnen, aber wenn der Gegner in der 84. Minute getroffen hätte....“

Der Taktikfreak: „Wir haben mit Dreierkette und abkippender Neun agiert. Da tust du dich in der 4-2-4-dominierten A-Klasse schwer.“

Der Hochstapler: „Okay, wir haben 0:6 verloren, aber wenn wir in der 84. Minute getroffen hätten...“

Der zu Ehrliche: „2:0 gewonnen, aber völlig unverdient. Beide Tore waren eigentlich abseits. Ist halt gut, wenn der Schiedsrichter mein künftiger Schwager ist...“

Die Bilder sind eingetroffen – zumindest teilweise. Günter Herkner, unser Technikfreak (hatte – damals in den 1990ern – vermutlich die allererste Digital-Kamera im Landkreis), will mal wieder einen neuen Weg zum Uploaden der Bilder ausprobieren. „Ist viel praktischer für Euch“, verspricht er. Wir glauben ihm kein Wort. Und das ist gemein. Wir kapieren das bloß nicht und sehnen die alten Tage herbei, als Kone Kressierer – neben einer Familienpackung Knoppers und Duplo für die Schreiberlinge – einen Stoß Schwarz-Weiß-Abzüge der besten Sorte fallen ließ und zu jedem zweiten Bild eine Geschichte wusste. Oft haben sie sogar gestimmt.

Für all das haben die Reporter keine Zeit. Die ersten Berichte sind im Kasten. Es ist kurz nach 19 Uhr, Zeit für die nächsten Anrufe. „Servus, lass di griaß’n.“ Und in der Leitung ist:

Der Historiker: „Das Spiel erinnert mich an den 23.4.1989. Da haben wir auch durch ein Freistoßtor in der Nachspielzeit verloren. Damals war es aber aus halblinker Position, diesmal eher zentral. Die beiden Torschützen sind übrigens verwandt.“

Der Alles-Wisser: „Brauchst du alle Namen der Ballstaffette, die zum Eckball geführt hat? ... Klar, habe ich auch alle sechs Vornamen. ... Nein, der Eckball hat nichts eingebracht. Warum?“

Der Gar-nix-Wisser: „2:1 oder 3:1 – ehrlich, ich kann’s dir nicht genau sagen. Ja, Wörth hat ausgeglichen, oder war’s die Führung? Torschützen? Bitte schaut’s im Internet nach. Der Empfang hier ist ganz schlecht. Bin gerade beim Bergsteigen...“

Inzwischen ist es 19.30 Uhr – auf der Homepage des Fußballverbands fehlen noch immer vier Ergebnisse. Dafür hätten unsere Reporter jetzt aber auch kein Ohr. Auf geht’s in die vierte Telefonrunde, es meldet sich:

Der emotionale Trainer: “Unsere Leistung? Schreib’ auf: Eine bodenlose Frechheit, Arbeitsverweigerung!“

Der runter-gefahrene Trainer: „Bitte streich’, was ich gesagt habe. Schreib’ auf: Die Jungs haben es probiert. Heute war halt nicht mehr drin.“

Der Trickser: „Das 2:0 hat der Leon Maier erzielt. Aber das darfst du nicht schreiben. Der ist krank geschrieben.“

Anruf von Fotograf Hermann „Präse“ Weingartner: „Bilder sind raus!“ Sind sie tatsächlich. Und – Sonderlob – mit allen Namen versehen. Interessant noch: Am Ton von „Bilder sind raus“ erkennt der Fachmann, wie Präses Herzensverein, der TSV Dorfen, gespielt hat. Sein Kollege Christian Riedel ist da ein bisserl sachlicher. Als Poinger ist es ihm relativ wurscht, wer in Erding wen besiegt. Was aber nicht heißt, dass er nicht bei der Sache wäre. Ganz im Gegenteil: Manchmal steht er so nah am Tor, dass nicht der Kasten, sondern er – oder noch schlimmer: seine Kamera – getroffen wird. Diesmal geht alles gut. Auch seine Bilder sind da – und unsere Reporter weiter am Telefonieren. Diesmal am Apparat:

Der Witzbold: „Meine Taktik ging auf: flach spielen, hoch gewinnen, hahaha.“

Der Phrasendrescher: „Ein Spiel auf Augenhöhe. Wir konnten unsere Top-Leistung nicht abrufen. So ist Fußball.“

Für solche Momente haben wir den Reportern ein Werkzeug besorgt: den Phrasenmäher. Gut so, denn allmählich pressiert’s. Ab in die letzte Runde. Da wäre noch ...

Der Abwiegler: „Massenschlägerei auf dem Platz? Gut, es wurde ein bisschen geschubst. Rettungshubschrauber? Hat uns a bisserl Luft zugefächelt.“

Der überzeugte Bayer: „Des zwoate Haisl hod da Savvas g’schoss’n, des dritte war vom Tiago Rodrigues, moan i. War a vadienter Sieg fia uns, also für Aspis.“

Der Selbstverliebte: „Ganz ehrlich, hätte ich mich die letzten zehn Minuten nicht selbst eingewechselt – das 3:0 wär noch mal in Gefahr geraten. Gegen neun Mann tust du dich bekanntlich besonders schwer. Da war meine Erfahrung schon wichtig.“

Und zum Schluss ...Der überlastete Funktionär:„Was, es hat noch keiner zurückgerufen? Warte, ich habe zwar nichts vom Spiel gesehen, weil ich im Kiosk aushelfen musste. Aber ich frag nach und melde mich.“

20.15 Uhr – die letzte Zeile ist geschrieben, die letzte Zwetschgnbuchtel gegessen, die letzten Zweifel („Sorry, dass ich noch mal anrufe, aber im BFV steht ein anderer Torschütze“) beseitigt, die letze Schlagzeile gemacht. Kollegin Oldach hat erfolgreich weitere 30 Zeilen mehr rausgehandelt, weshalb der Redakteur morgen Fotograf Dominik Findelsberger erklären muss, warum sein Bild nicht vier-, sondern dreispaltig im Blatt ist. Ist immer noch schön, findet der Redakteur und lässt die Seiten belichten.

Herausgekommen ist ein Mix aus harten Zahlen im Statistikteil und sehr viel buntem Leben in den Spielberichten. Seine Einschätzung: Das dürfte am Montagmorgen auch dem Leser gefallen – immer vorausgesetzt, seine Mannschaft hat gewonnen.


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