Kurze Arme, lange Leine
Montag 16.11.20 09:33 Uhr|Autor: Christian Kurth 2.885
Foto: Heike Barbuto

Kurze Arme, lange Leine

Dominik Barbuto ist kein normaler Schiedsrichter. Der Familienvater hat verkürzte Arme und ihm fehlen fünf Finger. Trotz dieser Behinderung pfeift er in der Bezirksliga.
Dass Dominik Barbuto Fußballspiele leitet, ist im Fußball-Verband Westfalen nichts Besonderes mehr. Und eigentlich war es das auch nie. Das überrascht durchaus, denn der 39-Jährige ist seit seiner Geburt körperlich behindert. Seine Arme sind verkürzt, an der linken Hand fehlen ihm drei Finger, an der rechten zwei.


Doch das stört weder ihn noch die Spieler, die nach seiner Pfeife tanzen sollen. Am 9. Dezember 2004 bestand Barbuto die Schiedsrichter-Prüfung, wie sie jeder andere Unparteiische auch bestehen muss. Mit 23 Jahren begann so seine offizielle Schiedsrichter-Laufbahn.

Zuvor musste er als Trainer einer C-Jugend regelmäßig selbst die Spielleitung übernehmen, weil aufgrund des Schiedsrichtermangels kein Unparteiischer entsendet worden war. "Das hat mir einfach Spaß gemacht", erklärt der Vater von zwei Kindern. Als er sich daraufhin für den Lehrgang anmeldete, "haben einige schon blöd geguckt". Aber das sei es eigentlich auch schon gewesen. "Ich bin durchweg ganz normal wie jeder andere auch behandelt worden. Es kommt ja auch auf mich an. Meine Spiele werden bewertet und da muss ich schon Leistung zeigen."

Auch an seinen ersten Platzverweis erinnert sich Barbuto noch. "Da hat ein Spieler gleich vier Gegner ausgedribbelt. Und hinter meinem Rücken hörte ich einen üblen Kommentar zu der Aktion, so dass ich wegen Beleidigung zum roten Karton gegriffen habe. Später erklärte man mir, dass der vermeintliche Rot-Sünder 'Trickser' statt des gleichlautenden Schimpfwortes gerufen habe. Ich habe die Karte später dann nicht im Spielberichtsbogen eingetragen und zurückgenommen."

Fehlerfrei wird Barbuto sicher nicht werden, aber seine Leistungen sind so gut, dass der Fußball-Verband ihn seit 2018 in der Bezirksliga einsetzt und noch längere Zeit als Assistent in der Landesliga. Auch bei den Spielen wird er normal behandelt. Beleidigungen wegen seiner Behinderung habe er in seiner Jugend als Spieler des SV Maumke schon vernommen, als Schiedsrichter gab es derlei Vorkommnisse bislang nicht. "Im Gegenteil, man behandelt mich mit Respekt." Selbst bei vermeintlich kritischen Mannschaften, zu denen andere Referees mitunter nicht so gerne hinfahren, "gab es noch nie Probleme. Das läuft fast durchweg ruhig ab". Gewalt sei ihm selbst jedenfalls noch nicht begegnet, wobei ihm das Problem durchaus bewusst ist.

Nach eigenem Bekunden lässt Barbuto, der inzwischen beim TuS Wadersloh im Kreis Beckum zuhause ist, Spiele und Spieler gerne an der langen Leine - zumindest solange es die Akteure nicht ausnutzen. "Ich lasse eigentlich so gut es geht laufen. Ich arbeite mit meiner Mimik. Falls das nicht hilft und es zu bunt wird, kommt die Karte zum Einsatz."

Das Schiedsrichter-Dasein hat den einst schüchternen Barbuto auch im übrigen Leben verändert. "Ich bin zumindest mal entscheidungsfreudiger geworden", sagt er mit gelassener Stimme. "Und ich bin einigermaßen fit." Ängste, dass er etwas nicht schafft, scheinen ihm fremd geworden. Nach einer kaufmännischen Ausbildung wechselte Barbuto das Metier und arbeitet inzwischen als Schaltschrank-Monteur in einem Beruf, bei dem handwerkliches Geschick gefragt ist. Das hätten ihm einige nicht zugetraut, erzählt er. Sie irrten sich.

Wenn Barbuto über die Arbeit spricht, hört man den Spaß heraus, mit dem er dabei ist. Genau wie bei der Schiedsrichterei, die mindestens am Wochenende sein und das Leben seiner Frau und der Kinder bestimmt. "Wir haben es jetzt so geregelt, dass zumindest der Samstag der Familie gehören soll - abgesehen von Ausnahmen." Der Sonntag gehört dann dem Fußball. Der Fan von Eintracht Frankfurt pfeift mindestens eine Partie, wenn nicht noch weitere.

Ein weiterer sportlicher Aufstieg ist für Barbuto aktuell kein Thema. "Der Zug ist abgefahren." Aber das ist ihm auch egal. Er ist glücklich, da wo er ist. Mitten im Leben und auf dem Platz.


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