»Ein Armutszeugnis«
Dienstag 17.11.20 15:25 Uhr|Autor: Mathias Willmerdinger 5.670
Ein reichlich kurioses erstes Jahr hat Tobias Strobl als Cheftrainer des 1. FC Schweinfurt 05 hinter sich. Foto: Imago Images

»Ein Armutszeugnis«

Regionalliga-Rückblick (3): Stimmung, Aussicht und Personalien in Schweinfurt
Ein nie dagewesenes Jahr neigt sich in der Regionalliga Bayern vorzeitig dem Ende zu. Grund genug, um sich bei den Vereinen mal umzuhören. Wie haben sie das verrückte 2020 erlebt, was bleibt in Erinnerung, was macht Hoffnung? Weiter geht`s mit dem 1. FC Schweinfurt 05.


Das Corona-Jahr 

Ziemlich genau ein Jahr ist Tobias Strobl nun als Hauptverantwortlicher an der Seitenlinie des 1. FC Schweinfurt 05 unterwegs. Ganze sechs Ligaspiele durfte er in diesem Zeitraum bestreiten. "Das ist alles sehr surreal", sinniert er nachdenklich. Strobl verrät, dass er sich mit Geschäftsführer Markus Wolf zum Gedankenaustausch getroffen hat. Das Ergebnis? "Wir haben probiert, ein Fazit über dieses Jahr zu ziehen. Es ist uns aber nicht gelungen. Was willst du auch für ein Fazit ziehen?" Unterm Strich sei es ein Seuchenjahr gewesen, sportlich "das schlimmste Jahr", das er je erlebt habe. Eine einzige Achterbahnfahrt. Die ewig lange Vorbereitung im Sommer sei extrem gut gewesen, nur um dann im einzigen Ligaspiel nach dem Re-Start in Aschaffenburg nicht auf der Höhe zu sein. Es passte ins Bild eines verkorksten Jahres, dass die Schweinfurter im September schon auf dem Weg nach Gelsenkirchen waren, als Türkgücü München per Einspruch die DFB-Pokal-Partie zunächst verhinderte. Ein quälend langes juristisches Tauziehen begann, an dessen Ende die Schnüdel doch noch auf Schalke antreten durften - Anfang November. 

"Ich muss aber aufpassen, dass ich nicht zu schlecht über das Jahr 2020 rede. Da muss ich nämlich klar differenzieren. Auch meine Frau sagt dann immer: 2020 ist unser Baby gesund zur Welt gekommen", kann der 33-Jährige zumindest privat ein großes Erfolgserlebnis verbuchen. 

Tobias Strobls persönliche Achterbahnfahrt: Sportlich ein Jahr zum Vergessen, privat sah er Vaterfreuden entgegen.

Tobias Strobls persönliche Achterbahnfahrt: Sportlich ein Jahr zum Vergessen, privat sah er Vaterfreuden entgegen. Foto: Hans Will

Das macht Mut

"Ehrlich gesagt macht mir im Moment wenig Mut. Vielmehr gibt es einige Dinge, die mich stark beunruhigen."
Was Strobl konkret Sorgen bereitet: "Die Uneinigkeit der Regierung macht mich nervös. Ich frage mich: Welcher Plan wird denn da überhaupt verfolgt? Da werden wir täglich mit neuen Maßnahmen und Verschärfungen konfrontiert, aber keiner gibt Hoffnung." Dabei hat er in erster Linie nicht den Sport im Auge, der flächendeckend auf unbestimmte Zeit einfach mal verboten wurde. "Ich kann keinerlei Plan erkennen, was mit unseren Schulen passieren soll. Da gibt`s seitens der Politik allen Ernstes den Vorschlag, Kinder schon bei Schnupfen zuhause einfach in Quarantäne zu stecken. Hilfloser geht`s nicht mehr. Da frage ich mich: Was wurde eigentlich das letzte halbe Jahr getan, um in dieser komplizierten Zeit ein funktionierendes Schulsystem zu gewährleisten? Hatte man ernsthaft die Hoffnung, nach den Sommerferien hätte sich das alles von selbst erledigt? Ein Armutszeugnis", echauffiert sich Strobl. 

Sportlich gibt zumindest das DFB-Pokalspiel auf Schalke Hoffnung. "Es war ein Riesenhighlight. Wir haben bewiesen, was in diesem Kader steckt. Wenn wir es schaffen, diese Performance im Frühjahr auch in der Liga abzurufen, dann wird an uns kein Weg vorbeiführen. Da bin ich mir sicher", betont Strobl. 

Konnte mit seinem Power-Fußball überzeugen - und hat das Potenzial zum Publikumsliebling: Martin Thomann (vorne).

Konnte mit seinem Power-Fußball überzeugen - und hat das Potenzial zum Publikumsliebling: Martin Thomann (vorne). Foto: Imago Images

Das Personal

Die Schnüdel haben im Sommer in allen Mannschaftsteilen kräftig nachgelegt. Martin Thomann, Sascha Marinkovic und Amar Cekic verstärken die Offensive. Vor allem Erstgenannter unterstrich nicht erst seit seinem tollen Treffer auf Schalke, dass er das Potenzial zum Publikumsliebling hat. Im Mittelfeld soll der beim TSV 1860 München turbulenzerprobte Kristian Böhnlein für Struktur sorgen, in der Defensive haben sich die 05er die Dienste von David Grözinger und Nico Rinderknecht gesichert. Beiden ist auf Sicht eine Führungsrolle zuzutrauen. Coach Tobias Strobl ist demnach auch sehr zufrieden mit seiner Auswahl: "Wir haben uns intern besprochen und sind zu dem Ergebnis gekommen, dass wir dem Kader zu 100 Prozent vertrauen." Ein kleines Hintertürchen bezüglich Wintertransfers lässt sich Strobl aber dann doch noch offen: "Uns fehlt ein wenig das Tempo. Wenn uns ein Spieler vom Typus eines Marco Fritscher, der ja nach Offenbach gewechselt ist, über den Weg laufen würde, dann würden wir wohl nicht nein sagen." 

Der Winterfahrplan 

Auch die Schweinfurter fühlen sich derzeit wie Fische auf dem Trockenen. Am heutigen Dienstag haben sich Trainerteam und Mannschaft getroffen, um die weiteren Laufpläne für den November durchzusprechen. "Ich habe den Jungs gesagt, das ist kein Sprintwettbewerb. Das soll einfach dazu dienen, körperlich fit zu bleiben", erklärt Strobl und richtet fast schon flehend einen Appell an Politik und BFV: "Wir brauchen einen Anhaltspunkt, einen Termin, an dem wir uns orientieren können. Ich kann meine Mannschaft doch nicht ziellos den ganzen Winter laufen lassen." Der Schweinfurter Coach sieht eine "vielleicht noch nie dagewesene" Gefahr: "Einige werden bestimmt überpowern, weil es im Endeffekt nun wieder auf eine ewig lange Vorbereitung hinausläuft. Wiederum andere, befürchte ich, werden die Lust komplett verlieren." 


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Tabelle
1. Aschaffenb. 2524 50
2. Nürnberg II 2529 49
3. SpV Bayreuth 2525 49
4. Schweinfurt 2319 44
5. Aubstadt (Auf) 252 39
6. Eichstätt 2614 37
7. Gr. Fürth II 26-2 36
8. Buchbach 253 35
9. FC Augsburg II 259 34
10. SV Wacker 251 33
11. Schalding 24-11 32
12. Illertissen 25-14 31
13. TSV Rain (Auf) 25-15 30
14. Heimstetten 25-10 26
15. 1860 Rosenh. 25-31 21
16. FC Memmingen 22-12 20
17. VfR Garching 20-31 13
18. Türkgücü Mün o.W. (Auf) 00 0
Die vier Erstplatzierten spielen eine Aufstiegs-Playoffrunde um die Relegationsteilnahme, die dann gegen den Meister der Regionalliga Nord ausgetragen wird.

Tordifferenz zählt bei Punktgleichheit.
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