2026-05-29T11:52:36.002Z

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Zwischen Bierwagen und Cocktail-Shakern

Wie der 1. FC Sonneberg 2004 zum perfekten Gastgeber wurde.

von André Hofmann · Heute, 08:00 Uhr · 0 Leser
Roberto Benn (links) und Louis Göhring (rechts) zeigten über Pfingsten ihre Gastgeberqualitäten.
Roberto Benn (links) und Louis Göhring (rechts) zeigten über Pfingsten ihre Gastgeberqualitäten. – Foto: © KI-unterstützt

Eigentlich ist der 1. FC Sonneberg 2004 kein Verein, der Gästen den roten Teppich ausrollt. Zumindest nicht an gewöhnlichen Heimspieltagen. Dann gleichen die Männer aus der Spielzeugstadt eher Türstehern einer Festung: unbequem, bissig, kompromisslos. Wer in Sonneberg Punkte holen will, dem weht häufig ein sportlicher Gegenwind entgegen. Doch an diesem Pfingstsonntag war alles anders.

Da verwandelte sich das Stadion am Sonneberger Stadionweg in einen großen Festsaal des Südthüringer Fußballs. Der 1. FC Sonneberg 2004 richtete das Kreispokalfinale des KFA Südthüringen aus — und tat das mit einer Herzlichkeit, die sonst eher selten zum taktischen Repertoire einer Fußballmannschaft gehört. Statt Gegnern die Luft zum Atmen zu nehmen, servierten die Sonneberger Kaffee, Cocktails und Gastfreundschaft. Und genau darin lag vielleicht die schönste Pointe dieses Tages. Denn die Spieler der Landesklasse-Mannschaft tauschten ihre gewohnten Rollen gegen neue Aufgaben ein — ohne dabei ihre eigentlichen Qualitäten abzulegen.

Der Mann mit dem Hut - Trainer hinterm Tresen

Die Fäden liefen dabei wie so oft bei Vorsitzendem Lutz Krüger zusammen. Der Mann, der im Verein ohnehin meist die Strippen zieht hatte auch beim Pokalfinale „den Hut auf“. Oder wie Trainer Roberto Benn es formulierte: „Lutz war als Springer oder Mädchen für alles eingeplant.“ Und tatsächlich wirkte Krüger an diesem Tag wie ein Feuerwehrmann mit Generalschlüssel — hier noch schnell eine Frage beantworten, dort noch etwas organisieren, immer in Bewegung, immer ansprechbar. FC-Trainer Roberto Benn selbst tauschte die Trainerbank gegen den Verkaufsstand oberhalb des Stadions. Statt Spielzüge zu dirigieren, koordinierte er nun belegte Brötchen, Brezeln, Kuchen und Kaffee. Und wie auf dem Platz stand ihm auch dort sein sicherster Rückhalt zur Seite: Lukas Heß. Der Torhüter, der in dieser Saison nicht nur Bälle, sondern oft auch die Mannschaft zusammenhielt, erwies sich auch hinter dem Verkaufstresen als verlässliche Säule. „Wir haben alle Hand in Hand uns unterstützt und haben von allen Gästen ein tolles Feedback bekommen. Es war ein sehr positiver Umgang. Die beiden Finalteams haben sich schon besonders gefühlt, haben Fotos und Videos gemacht, wie sie bei uns empfangen wurden“, beschrieb Benn die Atmosphäre — und seine Worte zeichneten das Bild eines Vereins, der an diesem Sonntag nicht nur Gastgeber spielte, sondern Gastgeber war.

Ordnung wie auf dem Platz

Selbst Kapitän Lance Hertel, dessen Knieverletzung vom Heimspiel gegen Siebleben wie eine dunkle Wolke über dem Saisonfinale hängt, stellte sich in den Dienst des Vereins. Statt Zweikämpfe zu führen, kassierte der 22-Jährige am Bierwagen ab. Noch ist seine Diagnose nicht endgültig bestätigt, doch vieles deutet auf eine Fraktur unterhalb der Kniescheibe hin — ein bitterer Rückschlag für den Kapitän. Umso bemerkenswerter, dass Hertel trotzdem mitten im Vereinsleben stand, statt sich zurückzuziehen.

Ordnung musste an diesem Tag ebenfalls geschaffen werden und wer könnte dafür besser geeignet sein als Hannes Schreck? Der Mittelfeldstratege, der auf dem Feld Räume schließt, Angriffe organisiert und defensive Löcher stopft, wurde kurzerhand zum Platzordnerobmann. Wie ein verlängerter Arm des Trainers hielt er die Fäden außerhalb des Rasens zusammen. Unter seinen Fittichen standen dabei auch die beiden 20-jährigen Youngster Max Blask und Colin Röhlig, die mit Ordnerwesten statt Trikots für Ruhe sorgten. Fast wirkte es, als würde Schreck auch neben dem Platz sein gewohntes Spiel aufziehen: organisieren, absichern, dirigieren. Und dann war da noch Robin Fischer. Eigentlich Abwehrkante, Dauerbrenner und Verlässlichkeitsgarantie mit bereits 24 Einsätzen in dieser Saison. Doch an diesem Sonntag schlüpfte der Defensivspieler trotz eigener Geburtstagsfeierlichkeiten - er wurde an dem Tag 30. Jahre jung - in die Ordnerrolle. Mit Sonnenbrille auf der Nase — möglicherweise weniger wegen der Sonne als wegen der Nachwirkungen des Kuhschwanzfestes in Eisfeld — zog er sich die Ordnerweste über und tat das, was er immer tut: zuverlässig seinen Job.

Sommerfußball und Cocktailduft

Das eigentliche Herzstück des Rahmenprogramms pulsierte allerdings am Cocktail- und Longdrinkstand. Dort wurde gemixt, geschüttelt und eingeschenkt wie in einer Strandbar mitten im Thüringer Fußballsommer. Offensivspieler Kevin Thau unterstützte die „Mixprofis“ Jona Jahn und Lukas Zitzmann mit derselben Geschwindigkeit, mit der er sonst die Außenbahn entlang sprintet. Louis Göhring, bester Sonneberger Torjäger und an diesem Tag organisatorischer Antreiber hinter der Bar, beschrieb die Szene mit sichtbarer Begeisterung: „Während des Spiels lag der Barbereich dann aber in den Händen der vermutlich besten Barkeeper der Stadt: Jona Jahn und Lukas Zitzmann. Die beiden haben unsere Zuschauer den ganzen Tag über überragend versorgt und mit ihrer lockeren Art und richtig starken Drinks dafür gesorgt, dass auch neben dem Platz beste Stimmung herrschte. Da lief alles absolut reibungslos. Ich musste eigentlich nur noch dafür sorgen, dass die Kühlschränke immer gut gefüllt bleiben.“

Doch Göhring war weit mehr als nur Getränkelieferant. Wie auf dem Platz war der Offensivmann überall unterwegs, ständig in Bewegung, ständig einen Schritt voraus. „Meine Aufgabe war eigentlich ganz simpel: Ich habe mich im Vorfeld um die Organisation der Aftershowparty und unseres Cocktail- bzw. Longdrinkstands gekümmert. Das hieß konkret: DJ buchen, Einkäufe erledigen und alles für die Bar vorbereiten. Außerdem habe ich mich um die musikalische Gestaltung vor und nach dem Spiel gekümmert“, erzählte Göhring. Und selbst nach dem Abpfiff sollte der Ball des Tages noch weiterrollen — diesmal musikalisch. „Ein großes Dankeschön geht an der Stelle auch an DJ Kalle, der noch gut 1–2 Stunden nach dem Spiel für richtig gute Stimmung gesorgt hat. Schade war eigentlich nur, dass die Busse der beiden Mannschaften schon relativ früh wieder losmussten. Ich glaube, der ein oder andere wäre gerne noch auf das ein oder andere Getränk länger geblieben.“

Kleine Spitzen für den Schiri-Mann

Mitten im Versorgungsgewusel half auch Paul Krüger, Sohn des Vorsitzenden, mit — ein weiteres kleines Bild dafür, wie familiär der Verein an diesem Tag auftrat. Und sogar Ronny Röhr, ehemaliger Trainer und heutiger Nachwuchsleiter, war eingebunden. Er kümmerte sich um die Versorgung der Schiedsrichter — ausgerechnet er, der so Roberto Benn mit einem kleinen Augenzwinkern „auch nicht immer der beste Freund der Unparteiischen“ gewesen sei. Die ein oder andere Spitze musste Röhr dabei schmunzelnd über sich ergehen lassen.

Am Ende präsentierte sich der 1. FC Sonneberg 2004 als Gastgeber, der weit mehr lieferte als nur ein Fußballspiel. „Auch für die Mannschaften sehr gut vorbereitet, Stadion gut abgesteckt, Bälle verteilt — das war ein Highlight für die beteiligten Teams“, lobte Benn.

Der Blick Richtung Derby

Vielleicht war dieser Pfingstsonntag sogar mehr als nur ein gelungenes Pokalfinale. Vielleicht war er ein Testlauf. Ein Probelauf für das letzte Heimspiel der Saison am 14. Juni gegen den SV 08 Steinach — jenes Derby, das in der Region nicht den Reiz verliert. Doch Roberto Benn versucht, die Wellen kleinzuhalten: „Ich denke, das Spiel wird mehr gehypt als es ist. Ich werde die Verletzten da nicht auflaufen lassen. Klar ist dann eine gewisse Anspannung aufgrund der sportlichen Situation raus, aber ich will natürlich das Spiel nicht verlieren."

Vor allem die Rivalität mit Steinach wird in Benns Augen häufig größer gemacht als nötig. „Gefühlt wird das von Steinacher Seite höher gehangen als von anderen.“ Besonders kritisch sieht Benn dabei das formulierte Saisonziel des Rivalen, am Saisonende vor Sonneberg stehen zu wollen: „Wenn es ein sportliches Ziel ist, dann ist es für mich ein wenig fraglich. Man sollte sich doch nicht auf eine Mannschaft fokussieren sondern immer sportlich gesamt gesehen nach dem Höchsten streben.“ Trotzdem bleibt der Ehrgeiz spürbar: „Natürlich möchte ich es nicht verlieren, ich habe noch kein Derby bisher gewonnen. Es wäre schön, wenn das nach dem Spiel anders ist.“

Erst wartet Erlau am Samstag

Zunächst wartet allerdings mit dem Erlauer SV Grün-Weiß der nächste Kontrahent aus dem eigenen Fußballkreis. Der kämpft nach schwacher Rückrunde gegen den direkten Wiederabstieg. Benn will aber sich nichts nachsagen lassen und keine Gastgeschenke verteilen, auch wenn seine Mannschaft personell weiterhin auf dem Zahnfleisch geht. „Ich nehme es sportlich so wie damals gegen Struth-Helmershof, die in einer ähnlichen Situation am Saisonende zu uns reisten. Ich möchte ein Heimspiel rein und es auch gewinnen. Ich hab viele Verletzte – muss jetzt sehen, dass wir etwas mitnehmen. Aber ich werde nicht auf Verschleiß arbeiten und nicht auf Teufel komm raus.“
Vielleicht hat dieses Pokalfinale ohnehin gezeigt, worauf es beim 1. FC Sonneberg 2004 derzeit wirklich ankommt: zusammenzurücken. Auf und neben dem Platz. Denn zwischen Bierwagen, Brötchenstand und Cocktail-Shakern entstand an diesem Pfingstsonntag etwas, das oft wertvoller ist als drei Punkte: echtes Mannschaftsgefühl.