2024-04-16T09:15:35.043Z

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Die Ballre League begeistert besonders das junge Publikum
Die Ballre League begeistert besonders das junge Publikum – Foto: Rolf Vennenbernd/dpa

Zurück auf den Bolzplatz

Viel Prominenz, ein innovatives Konzept, Unmut bei Amateurvereinen: Sechs Spieltage der Baller League von Mats Hummels und Lukas Podolski sind rum. Was läuft gut? Wieso gibt es Kritik? Was kann die DFL lernen? Ein Zwischenfazit.

Ist sie eine Revolution im deutschen Fußball? Gar eine „neue Ära“ und gleichzeitig die „Rückkehr zum ehrlichen Fußball“, wie es zum Auftakt der Baller League hieß? Seit Mitte Januar läuft das neue Hallenfußball-Format der beiden Weltmeister Mats Hummels und Lukas Podolski, die Partien finden montags in Köln statt. Nach sechs Spieltagen lässt sich erkennen, in welche Richtung sich das Format entwickelt, was gut läuft, wo Kritik angebracht ist und wieso die Deutsche Fußball-Liga (DFL) genau aufpassen sollte, was da in der Baller League passiert.

Das Versprechen „Der neue alte Fußball, denn alles begann auf den Bolzplätzen“, heißt es auf der Internetseite der Baller League. „Welcome to a new area of football“ (“Willkommen zu einer neuen Ära des Fußballs“) steht in großer Schrift in der Motorwold in Köln-Ossendorf. Das neue Hallenfußball-Format hat sich auf die Fahne geschrieben, die Bolzplatz-Mentalität zurückzubringen. „Bei uns geht es um den puren Fußball, den Straßenfußball“, sagte Co-Chef und Mitgründer Felix Starck zum Start. „Das Gefühl auf dem Bolzplatz, das wir alle früher hatten. Lattenschießen, Mini-WM und all das. Das ist die Baller League.“ Zwölf Teams treten an elf Spieltagen gegeneinander an. Die besten vier tragen am Saisonende ein Final Four aus. Gespielt wird über zweimal 15 Minuten auf einem für Hallenverhältnisse recht großen Kunstrasenplatz (50 mal 29 Meter) – ohne Banden und Abseits.

Prominentes Teilnehmerfeld

Die Köpfe Gründer und Präsidenten sind Mats Hummels und Lukas Podolski. Um möglichst viel Aufmerksamkeit zu generieren, haben sich die beiden Weltmeister bekannte Namen ins Boot geholt. Ehemalige Profis wie Max Kruse und Kevin-Prince Boateng, aktive Kicker wie Christoph Kramer oder die beiden Nationalspielerinnen Jule Brand und Selina Cerci sowie weitere Promis, darunter Comedian Felix Lobrecht, Rapper Kontra K oder Youtuber MontanaBlack. Sie bilden als Manager die Köpfe der Teams, agieren aber nur am Spielfeldrand.

Auf dem Platz stehen ambitionierte Amateurkicker von der Regional- bis zur Bezirksliga sowie ehemalige Fußballprofis. So spielen Moritz Leitner, Diego Contento, Sascha Bigalke, Richard Sukuta-Pasu, Mehmet Ekici, Marcel Heller und Christian Clemens mit. Darüber hinaus können sich die Mannschaften durch den Gewinn einer Challenge einen Star-Spieler für die kommende Woche sichern, der dann dem Team zur Verfügung steht. Auch dort setzten die Organisatoren auf prominente Namen aus dem Fußball-Kosmos: Aaron Hunt, Zvjezdan Misimović, Gonzalo Castro, Raffael, Kevin Großkreutz, Zé Roberto.

Das läuft gut

Der Mix aus Bolzplatz und Hallenfußball mit semi- oder ehemals professionellen Fußballern soll den Zuschauern ein Spektakel bieten. Und genau das tut die Baller League bisher in den allermeisten Fällen. Die Duelle sind schnell, bunt, abwechslungs- und torreich. 8:6, 4:7, 5:5, 6:2. Auf dem kleinen Platz ist immer etwas los. Das Niveau der Spiele ist hoch, die Tore mitunter spektakulär. Befeuert wird das durch Regeländerungen, die in den letzten drei Minuten jeder Halbzeit zufällig ausgewählt und hinzugefügt werden. Drei-gegen-Drei, Eins-gegen-Eins, das Verbot von Rückpässen. Einige der sogenannten „Gamechanger“ bringen tatsächlich eine neue Dynamik in die Spiele und erzeugen Spannung – wenn auch künstlich.

Zudem haben die Organisatoren bereits eine große Anpassungsfähigkeit bewiesen. So sind beispielsweise die Modi „Volley“ (nur Volleytore zählen) und „One Touch“ nach Abstimmung mit den Zuschauern aus dem Repertoire geflogen, da sie das Spiel eher unattraktiver gemacht haben. Generell ist der ständige Austausch mit den Zuschauern über den Chat auf der Streamingplattform Twitch ein großer Pluspunkt. Die Organisatoren holen sich Feedback der Community ein, reagieren auf Kritik oder Anmerkungen und nehmen Verbesserungen vor. So wurden nach zwei Spieltagen die ineffektiven Eckbälle durch die vom Bolzplatz noch bestens bekannte Regel „Drei Ecken, ein Elfer“ ersetzt. Wobei dieser als Penalty ausgeführt wird.

Darüber hinaus experimentiert die Baller League mit Neuerungen, die für Abwechslung beim Zuschauer sorgen. So trägt Schiedsrichter Babak Rafati (186 Spiele in der 1. und 2. Bundesliga) eine 5G-Bodycam, um noch mehr Nähe zum Spielgeschehen herzustellen.

Das könnte besser sein

Einige störende Elemente haben die Organisatoren mithilfe der Zuschauer bereits identifiziert und verändert, dennoch bietet die Baller League nach sechs Spieltagen sicherlich noch weiteren Raum für Verbesserungen. So sind die Spiele zwar flott und dynamisch, ein gesamter Spieltag erstreckt sich aber dennoch über etwas mehr als sechs Stunden Sendezeit. Um 18.15 Uhr startet die Übertragung auf Twitch (Joyn und ProSieben Maxx zeigen das Topspiel um 20.15 Uhr), beendet waren die bisherigen Spieltage erst nach Mitternacht.

Das sorgt während der letzten Spiele nicht nur bei den Zuschauern an den Bildschirmen für geringere Zahlen, auch die Stimmung in der Halle flacht mit voranschreitender Zeit ab, weil die wenigsten Fans vor Ort bis zum Ende durchhalten. Möglicherweise würde eine Reduzierung der Spielzeit auf zweimal zehn Minuten guttun.

Kritisch wird die Baller League aktuell von einigen Amateurvereinen gesehen. Da im Spielerpool nicht nur ehemalige Profis und vertragslose Akteure stehen, sondern auch aktive Spieler von der Regionalliga abwärts dabei sind, haben sich mittlerweile einige Klubs zu Wort gemeldet – insbesondere aus dem Fußballverband Mittelrhein (FVM). So haben die beiden Oberligisten FV Bonn-Endenich und Siegburger SV wichtige Spieler aus dem Verein geworfen, weil sie sich für eine Teilnahme an der Baller League entschieden haben und in der Folge den Einsatz beim eigentlichen Verein vermissen lassen haben. FVE-Sportdirektor Markus Köppe sprach unter anderem von einer „Kirmesliga“, die einen „Virus“ in die Kabine gebracht haben soll. Auch beim FC Hennef sehe man eine echte Gefahr für den Amateurfußball, da Spieler mit Bezahlungen und Versprechungen auf eine potenzielle Profi-Karriere zur Baller League und damit weg vom Spielbetrieb in den regulären Ligen gelockt werden würden. Eine transparente und offene Kommunikation mit Klubs und Spielern könnte die Situation befrieden.

Vorbild für die DFL?

Im Zuge der Diskussion bei der DFL über den mittlerweile gescheiterten Investoreneinstieg, steht auch die Frage im Raum, wie die Bundesliga im In- und Ausland, und insbesondere bei der jungen Generation attraktiv bleiben kann. Die Baller League zeigt im kleinen Rahmen, wie wichtig es ist, die Interessen der Zielgruppen zu verstehen, ihnen regelmäßigen Content zu präsentieren und sie in die Gestaltung der Abläufe einzubinden. Knapp 300.000 Follower hat die Baller League in den sozialen Medien. Dort versorgt die Liga ihre Fans mit regelmäßigem Content: vor und nach, aber vor allem während des Spieltags. Alle Ergebnisse, die spektakulärsten Szenen und schönsten Treffer sind dort umgehend zu bestaunen, die Highlight-Videos gehen nach Abpfiff bei Youtube online. Und das kostenlos. Ein Luxus, den man als Fan der Bundesliga nicht gewohnt ist.

Auch die direkte Einbindung der Zuschauer über den Chat, unter anderem durch Abstimmungen über mögliche Veränderungen, sollte der DFL zeigen, dass es sich lohnen kann, mehr auf die Fans zu hören.

Die Aussicht

Die Baller League steckt noch in den Kinderschuhen. Dennoch hat sich das Format in den ersten Wochen schon gewandelt, der Beginn war noch sehr hektisch und wild. Mit Anpassung einiger Regeln und einem Moderationsteam, das sich mehr und mehr einspielt, hat die Liga zunehmend an Struktur gewonnen und macht den Zuschauern Spaß. Ausgerichtet ist das Projekt mit seiner schnellen und multimedialen Aufbereitung auf die „Generation Z“, aber auch ältere Fußballfans, die sich über einen Auftritt von Zé Roberto oder Tim Borowski als Experten am Mikrofon freuen dürften, werden von den Organisatoren mitgenommen. Man muss nicht zwangsläufig der größte Fan der Brotatos oder Trymacs sein – geschweige denn jemals von ihnen gehört haben –, um von der Baller League unterhalten zu werden. Das facettenreiche Format liefert genug Geschichten. Und sei es nur durch das Engagement von Borussia Mönchengladbachs Profi Christoph Kramer, der beim Team „Golden XI“ die ersten Schritte im Trainerleben geht.

Bis zum Final Four sind noch einige Spieltage zu gehen. Wie mittel- und langfristig der anfängliche Erfolg und Hype des neuen Formates sind, wird sich zeigen. Auch wie sich der wachsende Unmut einiger Amateurvereine entwickelt. In diesem Bereich droht Zündstoff. Eine Gefahr für die Bundesliga sollte die Baller League aber nicht werden, daran werden die Organisatoren auch gar kein Interesse haben. Das Format ist mit seiner Aufmachung und den Spieltagen am Montagabend sowieso nie als Konkurrenzprojekt zum etablierten Profifußball gedacht gewesen.

Ob die Baller League dann am Ende eine Revolution, eine neue Ära oder gleich die sehnsüchtig erwartete Rückkehr zum ehrlichen Fußball sein wird, muss und kann wohl jeder Zuschauer für sich entscheiden.

Aufrufe: 029.2.2024, 10:00 Uhr
Sebastian KalenbergAutor