Der normale Fan kann der WM in Katar wenig abgewinnen; FIFA-Präsident Gianni Infantino (re.) hingegen erwartet ein Spektakel - und gute Geschäfte für den Weltverband.
Der normale Fan kann der WM in Katar wenig abgewinnen; FIFA-Präsident Gianni Infantino (re.) hingegen erwartet ein Spektakel - und gute Geschäfte für den Weltverband. – Foto: Foto: IMAGO / Xinhua und ActionPictures

WM-Kommentar: Der Fußball als Verlierer - »Bis hierhin & nicht weiter«

Ein Meinungsbeitrag zur Weltmeisterschaft in Katar von FuPa-Redakteur Mathias Willmerdinger

"Du schaust, echt jetzt?" So weit ist es nun also gekommen, dass man als Fußballfan peinlich berührt zugeben muss, das Geschehen bei der anstehenden Weltmeisterschaft zu verfolgen. Es ist noch nicht lange her, da hatte eine WM den Status eines Bundes-Volksfestes mit Millionen Besuchern beim Public-Viewing und vor den Bildschirmen. Euphorie und Vorfreude waren mit Händen zu greifen. Im Moment überbietet sich Deutschland aber mit Boykottaufforderungen des globalen Turniers. Nach einer neuesten SPIEGEL-Umfrage wollen 70 Prozent der Deutschen das Abschneiden der Nationalmannschaft nicht verfolgen. Wie konnte es nur soweit kommen?

Tausende tote Gastarbeiter auf den Stadionbaustellen, Menschenrechtsverletzungen, Frauenrechte wie im Mittelalter, Homosexualität als Straftat, Schmiergelder - die WM im streng islamischen Emirat Katar ist hochumstritten. Mit unserem Wertekanon in Europa hat das alles wenig bis nichts zu tun. Und die Kataris geben sich noch nicht mal Mühe, ihre für uns rückständige Ideologie zu verbergen, wie im Interview von ZDF-Reporter Jochen Breyer deutlich wurde. Homosexualität als "damage in mind" - frei übersetzt mit Dachschaden - und Frauen als "Süßigkeiten". Dass die Gepflogenheiten in der arabischen Welt ein wenig anders sind als in Westeuropa, hätte man aber vorher wissen können.

In Deutschland wird allerdings kaum differenziert zwischen dem Spektakel am Persischen Golf und der Sportart an sich. Im Moment wird vieles in einen Topf geschmissen. Die WM als Synonym für den Fußball, der derzeit gefühlt so beliebt ist wie eine hartnäckige November-Erkältung. Scheinheilig zu diesem Thema die Einlassungen aus der Politik. Volksvertreter aller Couleur geben sich betont empört ob der Austragung der Wüsten-Weltmeisterschaft. Eifrig wird er moralische Zeigefinger gehoben. Wohlfeil, ein wenig Gratisapplaus dürfte ihnen dabei aus weiten Teilen der Bevölkerung aber sicher sein. Auf der anderen Seite reiste Wirtschaftsminister Robert Habeck nach Katar und bat demütigst um ein wenig Erdgas. Dass viele deutsche Unternehmen sehr gute Geschäfte mit dem Emirat machen, der FC Bayern großer Werbepartner ist? Geschenkt.

Freut sich auf die WM in der Wüste - und satte Gewinne: FIFA-Boss Gianni Infantino (re.)
Freut sich auf die WM in der Wüste - und satte Gewinne: FIFA-Boss Gianni Infantino (re.) – Foto: Imago Images


Dabei ist das Turnier in Katar nicht die Wurzel des Übels, sondern nur ein schmerzhaft spürbares Symptom, dass die Welt des runden Leders aus den Fugen geraten ist. Der Fußball ist auch ein Opfer seiner Beliebtheit geworden. Milliarden Menschen zieht er weltweit in seinen Bann. Und wo viel Aufmerksamkeit ist, da lässt sich auch jede Menge Geld machen. Die Aussicht auf Reichtum lockt dubiose wie zwielichtige Gestalten magisch an.

Der korrupte Weltverband FIFA mit seinen mafiösen Strukturen hat sich den Fußball als Geisel genommen. Die Kuh wird erbarmungslos gemolken und ausgepresst, bis die Dollars nur so sprudeln. Und wo bleibt der Aufschrei der freien Welt? Der fällt ernüchternd kleinlaut aus. Alle wissen Bescheid, dagegen unternommen wird herzlich wenig. Das ist ist für den normalen Fan einfach nur frustrierend. Maximal halbherzig wird, wenn überhaupt, im FIFA-Sumpf ermittelt. Es beschleicht einen der Verdacht, so genau soll da gar nicht hingeschaut werden.

Jüngst wurde FIFA-Patron Gianni Infantino wieder einmal hofiert und war zum G20-Gipfel auf die indonesische Insel Bali geladen, wo man ihn unter anderem feixend mit Frankreichs Staatschef Emmanuel Macron beobachten konnte. Ein fatales Signal an die Weltöffentlichkeit, Gespür für die Situation sieht anders aus.

Kein Wunder, dass sich viele einfach nur angewidert abwenden. Und deshalb ist der große Verlierer eben auch der "kleine" Amateurfußball. Wenn Fußball nur noch mit Korruption, Gier und Geldverschwendung assoziiert wird, werden es sich Eltern schon sehr gut überlegen, ihren Nachwuchs zum Kicken zu schicken.

Es wäre nun endlich an der Zeit, dass die großen Verbände entschlossen gegen das Gebaren der FIFA vorgehen. Es darf nicht sein, dass der Weltverband weiter auf dem Rücken des Fußballs dreist und ungeniert seine Geschäfte macht und den Ruf der gesamten Sportart ruiniert. Dem muss endlich Einhalt geboten werden. Bis hierhin und nicht weiter, das muss die Botschaft sein! Der Deutsche Fußball-Bund (DFB) als größter Einzelsportverband der Welt ist dabei im besonderen Maße gefordert und sollte eine Vorreiterrolle einnehmen. In den vergangenen Jahren war man beim DFB allerdings auch mehr mit sich selbst - Postenabsicherung und Skandalaufarbeitung (Stichwort Sommermärchen) - beschäftigt.

Der neue DFB-Präsident Bernd Neuendorf ist schon mehrfach klar auf Distanz zu Infantino gegangen, was Anlass zu leichtem Optimismus gibt, dass die Zeichen der Zeit endlich erkannt wurden. Weltmeisterschaften müssen in Zukunft wieder Feste sein, die Kinder dazu animieren, in Vereine einzutreten, um dem runden Leder nachzujagen. Allgemeines Desinteresse wären eine Katastrophe für den beliebtesten Sport der Deutschen - nicht nur für das Bundesliga-Spitzenteam, sondern bis hinunter auf den Bolzplatz in der Provinz.

Aufrufe: 019.11.2022, 06:00 Uhr
Mathias WillmerdingerAutor