
Der ASV Habach hat den Klassenerhalt geschafft – Nach einer großen Aufholjagd zum Ende der Saison steht der Ligaverbleib und Habach feiert
Der Abend für die Ewigkeit endete erst, als die Sonne wieder aufging. Uli Feigl, der Abteilungsleiter des ASV Habach, erzählt, dass seine Frau um drei Uhr nachts daheim ankam und berichtete: „Da ist noch richtig was los im Sportheim.“ Maximilian Kalus lag in etwa zur selben Zeit wach im Bett. Er hatte die Party vor Mitternacht verlassen, weil er am nächsten Morgen früh zur Arbeit musste.
„Jetzt stellt ihnen ein Denkmal hin.“
Kapitän Maximilian Feigl über seine Trainer
Er sagt: „Ich hab’ nicht schlafen können.“ Körper und Geist befanden sich noch immer im Ausnahmezustand. Gelähmt wie geprägt von einem Gefühlscocktail aus Adrenalin und Endorphinen. Was sie in der Relegation gegen Sulzemoos erreicht haben, nennen nicht wenige in Habach ein Wunder. Egal, wie man es dreht und wendet, mit dem Aufstieg im Vorjahr und der zauberhaften Auferstehung hat sich diese Mannschaft selbst verewigt. Kapitän Maximilian Feigl forderte in den Momenten nach dem 12:9-Sieg im Elfmeterschießen: „Jetzt stellt ihnen ein Denkmal hin“ – und meinte damit die beiden Trainer Andreas Hoiß und Markus Vogt. Genau der passende Zeitpunkt, um zurückzublicken, wie die Fußballer aus Habach ihrem eigenen Grab entstiegen.
Die Chronologie des Wahnsinns beginnt – welch’ Omen – am Karsamstag. Dem althochdeutschen Wort „Kara“ entlehnt, was so viel bedeutet wie Klage, Kummer oder Trauer und die Stimmung dieses Tages präzise beschreibt. Sollte es wirklich einmal eine Skepsis gegeben haben an der Ligatauglichkeit des ASV, dann nach dem Sturz von Brunnthal, nach dem 0:3, nach dem Fall hinunter ans Ende der Tabelle. „Ich hab’ schon ein bisserl dran gezweifelt“, sagt Maximilian Kalus, in Habach nur „Kalle“ gerufen. Uli Feigl nennt die Ereignisse dieses Tages den Tiefpunkt. Und weil sie nicht mehr tiefer sinken konnten, griffen die Trainer zum Surfbrett, das sie retten sollte. Das ist kein Scherz und keine Metapher, sondern eine wahre Geschichte.
Vom mittlerweile denkwürdigen Spaßtraining nach dem Brunnthal-Debakel hat Andreas Hoiß ein Video gedreht. Darin sieht man, wie ein Fußballer auf einem Surfbrett liegt und vier Teamkollegen darunter. Möglichst synchron versucht das Quartett sich auf dem Boden zu rollen und das Brett voranzubringen. „Jeder hat eine Gaudi gehabt“, berichtet Andreas Hoiß, Spitzname „Anda“. Für einen Moment verdrängten sie die Sorgen des Alltags, die Verletzungen und Ausfälle ihrer Schlüsselspieler Felix Habersetzer, Maximilian Nebl, Phil Puchner. „Man hat nicht auffangen können, was sie ausmachen“, sagt Uli Feigl. Mit ihnen, das würden alle im Dorf hoch und heilig schwören, wäre der ASV niemals in die Bredouille geraten.
Doch ohne sie fand sich die Mannschaft auf dem Teufelsrad wieder. Die verbliebenen Oldies wie Maximilian Kalus fuhren mehr Kilometer, als sie vertrugen, auf ihre Reifen. „Es hat eine Zeit gegeben, da hat mir alles weh getan nach einem Spieltag.“ Statt zu trainieren, pausierten er und die Kollegen viel. Darunter wiederum litt die Ausdauer. Immer und immer weiter quetschten sie die Zitrone aus, bis sie keinen Saft mehr zu haben schien. Nach der Niederlage gegen Aubing (1:3) eine Woche später hörte man auch treue Zuschauer sagen: Willkommen zurück in der Kreisliga. „Jeder hat uns abgeschrieben. Sogar unsere eigenen Fans“, sagt Markus Vogt. „Wir waren sowas von abgeschrieben“, sagt Kollege Hoiß.
„Sagt es uns offen, wenn wir wegmüssen.“
Andreas Hoißl an seine Mannschaft während der Ergebniskrise
Die beiden Trainer waren als Feuerwehrmänner gekommen, im Oktober 2021. Sie gehen auch wieder als solche. Vielleicht ist dies das bemerkenswerteste Kapitel der ganzen Rettungsgeschichte: dass sich der Unmut über die schlechten Ergebnisse nie gegen die Trainer richtete. Sie riefen selbst auf zum Misstrauensvotum. „Sagt es uns offen, wenn wir wegmüssen“, so erinnert sich Andreas Hoiß an die Szenen, als sie die Mannschaft vor die Wahl stellten. „Wir sind keine ausgebildeten Trainer. Wir sind als Feuerwehrmänner eingesprungen. Wir werden taktisch nicht alles richtig gemacht haben“, betont Markus Vogt. Sie mögen keine Profis sein. Viel wichtiger war, dass sie sich nie verbogen, dass sie sich selbst treu blieben: locker, nahbar, leidenschaftlich und vor allem menschlich.
Will man wissen, wie es um einen Verein bestellt ist, braucht man ihn nur unter Druck zu beobachten. Weiten sich die Risse zu Brüchen aus, schleichen die Spinnen und Schlangen durch die Fragmente, dann sind die Tage gezählt. In Habach verhielt es sich spiegelverkehrt. „Das ist ein Dorfverein. Da sind Leute, die zusammenhalten. Wir haben richtig gute Leute, die sich aufrichten“, sagt Uli Feigl. In guten wie in schlechten Zeiten fängt einen die Dorfgemeinschaft auf. Stefan Sillmann, der bekannte Mentalcoach, der in Habach wohnt, schaute in losen Abständen vorbei. So auch an einem Abend nach dem Tiefpunkt. Bevor er mit seiner Arbeit begann, fragte er in die Runde: „Glaubt ihr überhaupt noch an den Klassenerhalt?“ Wenn auch nur ein kleines Grüppchen mit „Nein“ gestimmt hätte, Sillmann wäre wieder gegangen. Unisono antwortete das Team: Ja. Im Hintergrund leiteten die Fußballer die Reanimierung ein.
„Letzter Strohhalm haben wir das genannt.“
Maximilian Klaus über die spielereigene WhatsApp-Gruppe
Sie erstellten eine Gruppe im Nachrichtendienst WhatsApp, beratschlagten sich dort, wie es noch klappen kann mit der Rettung. „Letzter Strohhalm haben wir das genannt“, sagt Maximilian Kalus.So kam auch die Sache mit der Nummer 10 auf. Seit Jahren trägt die Matthias Adelwart. Tobias Habersetzer, der junge Flitzer auf rechts, hätte sie auch gerne gehabt, legte sie etwa schon beim Hallenturnier an. Wie Adelwart verletzt wegbrach, ging es irgendwann wieder um die verflixte Rückennummer. Vor dem Spiel gegen Pasing war das. „Wir haben gesagt: Das ist die letzte Chance der Trainer. Sie müssen ihm den Zehner geben“, erzählt Kalus. An jenem Samstag lief Tobias Habersetzer erstmals mit der Nummer 10 auf, er schoss drei Tore, Habach gewann 5:1 – und da soll keiner dem Aberglauben verfallen? Nach diesem Sieg speicherte sich Maximilian Kalus ein Bild der Tabelle auf seinem Handy ab. Acht Punkte betrug der Rückstand auf die Relegationsplätze mit noch fünf ausstehenden Partien. Beinahe jeden Tag schaute er sich das Tableau an. Wie ein Löwe seine Beute. Die Jagd war eröffnet.
Mit jedem genesenen Spieler kehrte die Hoffnung zurück. Mit jedem Punkt der Glaube. „Wir wollen nicht nach einer Saison die Loser sein“, so fasst Uli Feigl die aufkeimende Dynamik zusammen. Im letzten Akt eilten die Nachbarn aus dem Oberland zu Hilfe. Raisting, Penzberg und Murnau bezwangen verlässlich die ASV-Rivalen, ließen den uralten Stadt-und-Land-Konflikt in der Bezirksliga aufleben. Die Brüderlichkeit gipfelte im Relegationsrückspiel. Als sich die Murnauer in ASV-Trikots zwängten und lauter anfeuerten als jeder andere am Platz. Am Ende, als zig Menschen zu einer Jubeltraube verschmolzen, war nicht zu unterscheiden, wer woher kommt. Das kleine Wunder von Habach war ein Sieg für die Kinder des Dorfes, für die Frauen am Essensstand, für den Stadionsprecher, den Mann am Liveticker, den Grillmeister, den Wirt, für Habach, das ganze Oberland und für die Idee Amateurfußball. „Für so was spielst du“, sagt Maximilian Kalus. „Wenn du so was miterlebst, dann hast du alles gesehen.“ (am)