2026-09-10T11:51:54.263Z

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„Wir waren eigentlich schon tot“

In einem irren Spiel gegen Ratingen kommt die Holzheimer SG nach eigener Führung gleich zweimal zurück. Doppelpacker Tom Nilgen trifft in der Nachspielzeit der Nachspielzeit zum 3:3.

von RP / Dirk Sitterle · Gestern, 17:30 Uhr · 0 Leser
Nilgen rettet mit einem Doppelpack den Punkt
Nilgen rettet mit einem Doppelpack den Punkt – Foto: Hubert Wilschrey

Wer tatsächlich noch Zweifel hatte, dürfte jetzt überzeugt sein: Die linke Klebe Tom Nilgens sucht in Deutschland ihresgleichen. Wie der Spieler des Oberligisten Holzheimer SG den Ball beim 3:3 gegen Ratingen 04/19 zweimal fast von der Eckfahne ins Netz zirkelte, macht sprachlos. Auf die beiden monumentalen Kunstwerke angesprochen, stellte der erst in der 74. Minute genau für diese Momente eingewechselte 32-Jährige kalt lächelnd fest: „Mit Glück hatte das nichts zu tun. Das war Absicht.“

„Wir haben 3:3 gewonnen!“

Und zudem der ebenso mitreißende wie emotionale Schlussakt eines „recht wilden Spiels“, stellte Ratingens nach dem fünften Unentschieden in Folge um Contenance bemühte Trainer Damian Apfeld nüchtern fest. Ganz anders sah das in Sven van Beuningen aus. „Ich bin komplett leer, aber glücklich“, bestätigte der Coach der HSG nach dem ersten Punkt unter seiner Regie. Und den, befand David Rodriguez aus der sportlichen Leitung, „haben wir uns verdient.“ Das Fazit van Beuningens nach mehr als 90 aufreibenden Minuten traf den Nagel auf den Kopf: „Wir haben 3:3 gewonnen!“

Dabei, schickte er unmittelbar nach dem Schlusspfiff des von seinen Assistenten Alexander Tiemann und Marcel Herrmann vorbildlich unterstützten Schiedsrichters Emircan Kandemir im Mannschaftskreis voraus: „Nach der ersten Hälfte hätte ich noch gesagt, wir haben zwei Punkte verloren.“ Obschon der in der vergangenen Saison noch bei der TuS Reuschenberg in der Kreisliga A tätige Torhüter Patrick Herzke in seinem erst zweiten Oberliga-Einsatz zweimal in höchster Not gegen Lukas Korytowski retten musste und zwei haarige Abseitsentscheidungen zu Ungunsten der Gäste ausfielen, ging die knappe Führung der HSG zur Pause in Ordnung. Wobei van Beuningen nach dem von Emre Caraj sicher verwandelten Foulelfmeter (Joel Agbo war im Strafraum zu Boden gegangen) einräumte: „Ich weiß nicht, ob es einer war.“

Noch vor dem Seitenwechsel übernahmen die Ratinger – in der vergangenen Saison an 27 von 34 Spieltagen an der Tabellenspitze, auf der Zielgeraden aber noch vom VfL Hilden abgefangen – jedoch das Kommando. Entlastung: Fehlanzeige. Dass es trotzdem bis zur 75. Minute dauerte, ehe Korytowski den überfälligen Ausgleich herstellte, war auch dem leidenschaftlichen Abwehrkampf der Hausherren zu verdanken. Kapitän Robert Wilschrey und vor allem Jan Schumacher, der sich an allen Brandherden für keine Löscharbeiten zu schade war, aber auch Connor Klossek auf der linken Außenbahn rissen ihre Teamkollegen förmlich mit. An vorderster Front liefen Joel Agbo und Derick Gyamfi unermüdlich an.

Nilgen rettet den Punkt

Und dann begann die komplett irre Schlussphase, in der die am Ende konsternierten Gäste gleich zweimal auf der Siegerstraße schienen: Gianluca Silberbach traf nach einem Freistoß per Hacke zum 2:1, Nolan Manassa in der vierten Minute der Nachspielzeit zum 3:2. Nicht auf der Rechnung hatte der Vizemeister allerdings Tom Nilgen. Der famose Linksfuß, der nur deshalb nicht bei den Profis spielt, weil seine Athletik im krassen Gegensatz zu seinem beeindruckenden Fußball-IQ steht, schlug nur drei Minuten nach dem 1:2-Rückstand das erste Mal zu: Nach einer schon brandgefährlichen Ecke kam der Ball über Jannik Schulte zurück zu ihm, sein Schuss fast von der Torauslinie ins kurze Eck zum 2:2 überraschte alle – außer ihn ... Und als nach dem 2:3 selbst der Coach am Boden lag, „wir waren eigentlich tot“, trieb Nilgen seine One-Man-Show auf die Spitze: Die fünfminütige Nachspielzeit war schon abgelaufen, als er nach einem Foul am ebenfalls eingewechselten Kaiya Otsu noch einmal zu einem Freistoß antrat. Und den setzte er von weit draußen durch Freund und Feind zum 3:3 direkt zwischen die Stangen. Danach war Feierabend.

Für van Beuningen auch das Ergebnis einer emotionalen Kehrtwende seiner Jungs im Vergleich zum 0:5 im Monheim. Umso mehr betrübt ihn, dass er die beiden nächsten Spiele auslassen muss. Der bereits im März und damit weit vor der Vertragsunterzeichnung in Holzheim festgemachte Trip zur Familie seiner Frau in Australien steht. Ab Donnerstag übernehmen daher seine Co-Trainer Stephan Wanneck und Hayato Yakumaru. Damit verpasst van Beuningen, „schweren Herzens“, am Samstag auch die Rückkehr ins Zoostadion des Wuppertaler SV, dessen C-Junioren er in der vergangenen Saison trainiert hatte.