
Na klar, seine Moni, mit der er fast 57 Jahre verheiratet war, ging ihm über alles. Doch seine zweite große Liebe war der Fußball. Dem blieb Willi Weidenstraß stets treu, seit er 1949 als Zehnjähriger zum ersten Mal ins Trikot des BC Noithausen schlüpfte und – nachdem eine fürchterliche Verletzung seine aktive Karriere 1973 mit 34 Jahren abrupt beendet hatte – als hochgeachteter Coach. Die Spieler, die er seit dem Erwerb der B-Lizenz 1972 zu besseren Fußballern – und nicht selten auch zu besseren Menschen – gemacht hat, sind kaum zu zählen.
Stellvertretend für alle, die das Privileg und das Vergnügen hatten, eine Übungseinheit mit ihm erleben zu dürfen, sagt sein ehemaliger Schützling Martin Willmen vom TuS Grevenbroich: „Er hat uns in vier Wochen mehr beigebracht als in der gesamten A-Jugend-Zeit.“ Noch als 84-Jähriger waren seine Dienste beim TSV Westfehmarn gefragt. Sein letzter Job als Trainer. Als ihm seine angegriffene Gesundheit die Fähigkeit nahm, sein (Fußball-) Wissen weiterzugeben, verging der „gute Willi“ einfach. Sein Tod in einem Alten- und Pflegeheim auf der Insel Fehmarn mit fast 86 Jahren „war am Ende eine Erlösung – für ihn und für mich“, sagt Monika Weidenstraß.
Schweren Herzens hatte der lebenslange Fan des FC Schalke 04 vor drei Jahren „Willis kleine Fußballschule“ auf der Sonneninsel für immer schließen müssen. „Der Umgang mit den jungen Leuten hat ihm mehr gefehlt als das Spiel an sich“, weiß seine Frau. Der Trainer aus Leidenschaft konnte gar nicht ohne. Im Rhein-Kreis prägte er Vereine wie den BV Weckhoven, SV Rosellen, den TuS Grevenbroich, dessen Zweitvertretung er in die Bezirksliga führte, und die SG Orken/Noithausen. Und nach dem Umzug vor einem Vierteljahrhundert aus der Schlossstadt in den idyllischen Ferienort Dänschendorf machte der ehemalige Schlossermeister auf der Ostseeinsel entschlossen weiter, schaffte mit der SG Insel Fehmarn 2017 den Aufstieg in die Verbandsliga.
Aber was der für seine Verdienste ums runde Leder 2021 mit dem DFB-Ehrenamtspreis ausgezeichnete Grevenbroicher in den vergangenen sechs Jahrzehnten mit seiner ansteckenden Begeisterung und bewundernswerten Fachkenntnis aufgebaut hat, geht weit über seine sportlichen Erfolge hinaus. Was ihn bewegte und antrieb, verriet er im September 2022 dem Fehmarnschen Tageblatt: „Die Kinder sind der Wahnsinn. Wenn man sie Fußball spielen sieht, kann man gar nicht anders, als selbst mitzuspielen.“ Schon beim Erzählen begannen seine Augen zu leuchten: „Du kannst dir vorstellen, was los ist, wenn du 40 Kinder auf einem Haufen hast. Das macht richtig Spaß. Und dass die Kleinsten zwischendurch ganz selbstvergessen einfach nur das Gras auszupfen, spielt dann gar keine Rolle.“
Ohne eigenes Zutun wurde er damit zwischenzeitlich sogar zu einer Art Medienstar. NDR und WDR („Zeiglers wunderbare Welt des Fußballs“) sowie die Lübecker Nachrichten, die Heiligenhafener Post, fußball.de, dfb.de, facebook, twitter und natürlich youtube widmeten sich in Beiträgen seinem unkonventionellen Wirken. Ein viraler Hit war der 2019 bei einer Trainingseinheit mit den B-Jugendlichen der JSG Fehmarn entstandene Beitrag des Norddeutschen Rundfunks. In dem präsentiert der gewitzte Coach dem überraschten Kamerateam einen seiner vielen Pappkartons, auf denen er schon seit Jahrzehnten die von seinen jeweiligen Schützlingen geforderten Übungen aufzuzeichnen pflegte. „Mein Trainingstablett“, erklärte er den verdutzten Redakteuren damals schmunzelnd.
Die JSG Fehmarn machte ihn zum Ehrenmitglied und schreibt nun auf ihrer Homepage: „Ein großartiger und toller Mensch hat uns verlassen. Du warst für Kinder ein liebevoller Begleiter, für Jugendliche ein echter Ratgeber, für Erwachsene ein Vorbild – und für alle ein Mensch mit riesigem Herz. Für Dich stand der Mensch immer im Mittelpunkt. Du hast nicht nur trainiert, Du hast zugehört, Mut gemacht und alle mit Deiner Energie angesteckt. Wir sagen danke für alles, was Du uns gegeben hast.“ Die Trauerfeier führt die Menschen vor Ort – und das hätte ihm ganz sicher gefallen – am Freitag, den 2. Mai auf dem Sportplatz in Dänschendorf zusammen. „Das ist mein Geschenk an ihn“, sagt Monika Weidenstraß (75), die nun, sobald das Haus auf Fehmarn verkauft ist, zu ihren Töchtern nach Grevenbroich zurückkehren wird. „Mir graut es schon jetzt vor der Grevenbroicher Luft!“
Die Urnenbeisetzung findet am 15. Mai (10 Uhr) im FriedWald Dormagen im Naherholungsgebiet Chorbusch (bei Hackenbroich) statt. Unter einer majestätischen Eiche, Buche, Ulme oder Linde dürfte Willi Weidenstraß dann wohl in aller Ruhe überlegen, wie er den Kreisliga-Kickern des TuS Grevenbroich die Viererkette beibringen könnte. „Das ist ihm nämlich damals nicht gelungen“, erinnert sich Willmen mit einem verlegenen Lächeln.