
Drei neue Mädchen-Trainingsangebote in kurzer Zeit in drei neuen Städten: in Nürnberg, Hamburg und Köln. Dazu zwei weitere Standorte in München, wo es damit dann mittlerweile 19 sind. Unsere Bilanz aus dem Frühjahr 2026 kann sich auf jeden Fall sehen lassen. Mädchenfußball kommt an, ohne Frage.
Zusammengefasst klingt das nach einer sehr guten Nachricht, und das ist es auch. Gleichzeitig zeigt sich darin aber gerade auch ziemlich deutlich, vor welcher Herausforderung viele Vereine und Initiativen wie unsere, das bundesweite Projekt Mädchen an den Ball, gerade stehen: Der Mädchenfußball wächst. Aber die Strukturen wachsen nicht automatisch mit.
Mehr Nachfrage bedeutet eben nicht nur mehr Spielerinnen. Es bedeutet auch mehr Trainingszeiten, mehr Trainerinnen und Trainer, mehr Organisation und vor allem auch die Frage, wie das alles langfristig getragen werden kann.
Wachstum ist gewollt, aber nicht trivial
Dass mehr Mädchen Fußball spielen wollen, ist eine gute Entwicklung. Viele Vereine bemühen sich, darauf zu reagieren und bilden neue Teams und zusätzliche Trainingsgruppen, entwickeln Kooperationen mit Projekten oder Schulen.
Doch Wachstum passiert nicht im luftleeren Raum. Die Plätze sind begrenzt, Hallenzeiten sowieso. Trainerinnen und Trainer müssen gefunden, ausgebildet und begleitet werden. Und oft hängt vieles an einzelnen Engagierten, die ohnehin schon am Limit arbeiten. Was von außen wie ein logischer nächster Schritt wirkt, ist in der Praxis häufig ein Kraftakt.
Ohne Größe keine Förderung
Gleichzeitig gibt es eine Realität, die viele Vereine kennen: Wer zu klein bleibt, wird kaum wahrgenommen. Förderprogramme, Sponsoren und Kooperationen orientieren sich oft an Reichweite, an Sichtbarkeit, an der Frage: Wen erreicht ihr eigentlich?
Das führt zu einem Spannungsfeld: Einerseits soll und muss man wachsen, um überhaupt Zugang zu Ressourcen zu bekommen. Andererseits bringt genau dieses Wachstum neue Herausforderungen mit sich. Denn mehr Teams bedeuten mehr Bedarf. An Platz, an Geld, an Struktur.
Zwischen Anspruch und Alltag
Gerade im Mädchenfußball wird dieses Spannungsfeld besonders sichtbar. Die Nachfrage steigt, oft schneller als die Möglichkeiten vor Ort. Ein neues Team ist schnell gegründet, aber damit ist es nicht getan. Es braucht Kontinuität, Verlässlichkeit und Menschen, die das Ganze tragen.
Viele Vereine stehen deshalb vor ganz praktischen Fragen: Wo bekommen wir zusätzliche Trainingszeiten her? Wer übernimmt die Betreuung? Wie finanzieren wir Ausstattung, Fahrten, Turniere? Und nicht zuletzt: Wie schaffen wir das, ohne dass andere Bereiche im Verein darunter leiden?
Wie viel Wachstum ist überhaupt sinnvoll?
Die entscheidende Frage ist deshalb weniger, ob man wachsen sollte, sondern wie. Zu wenig Wachstum bedeutet, dass Angebote fehlen und Mädchen keinen Zugang finden. Zu schnelles Wachstum kann Strukturen überfordern. Dazwischen liegt der schwierigste Teil: ein Tempo zu finden, das tragfähig ist.
Das gilt für Projekte wie Mädchen an den Ball genauso wie für Vereine. Und es betrifft letztlich auch die Verbände, die die Rahmenbedingungen schaffen müssen, in denen dieses Wachstum überhaupt möglich ist.
Was es jetzt braucht
Wenn der Mädchenfußball weiter wachsen soll – und vieles spricht dafür, dass er es auch tut – , dann reicht es nicht, nur neue Angebote zu schaffen. Es braucht verlässliche Strukturen wie den Zugang zu Trainingszeiten ebenso wie langfristige Fördermodelle statt kurzfristiger Projektfinanzierung. Zudem Unterstützung bei Ausbildung und Gewinnung von Trainerinnen und Trainern.
Und vor allem braucht es ein gemeinsames Verständnis dafür, dass dieses Wachstum kein Selbstläufer ist. Und den Willen gemeinsam etwas zu erreichen und nicht gegeneinander zu arbeiten, weil ein Bereich Sorge hat, benachteiligt zu werden. Wertschätzende interne Kommunikation und klare Ziele sind immens wichtig in diesem Zusammenhang.
Am Ende ist es eine Frage der Balance
Mehr Mädchen auf dem Platz! Das ist das Ziel, auf das sich alle einigen können. Der Weg dorthin ist weniger eindeutig. Er bewegt sich immer zwischen Anspruch und Machbarkeit, zwischen Engagement und Struktur, zwischen Wachstum und Stabilität. Vielleicht liegt die eigentliche Herausforderung genau darin, nicht möglichst schnell größer zu werden, sondern so zu wachsen, dass es langfristig trägt.
Denn am Ende geht es nicht um Zahlen. Sondern um einen Sport, der einfach wunderbar ist und mit dem wir unsere Kinder und Jugendlichen, Mädchen genauso wie Jungs, begeistern können. Und dass wir das weiterhin tun können, ist im Grunde doch das Wichtigste.
Über die Kolumne „Mädchen an den Ball“
In der Kolumne schreiben Maja Weber, Anna Seliger, Lily Koch und Julia Keller vom bundesweiten Fußballprojekt Mädchen an den Ball im regelmäßigen Wechsel über aktuelle Themen aus dem Frauen- und Mädchenfußball.
Das Projekt „Mädchen an den Ball“ ist ein kostenfreies, regelmäßig stattfindendes Fußballprogramm für Mädchen in München, Augsburg, Bochum, Dortmund, Chemnitz, Düsseldorf und Karlsruhe. Ziel des Projektes ist es, niederschwellige und breitensportbetonte Angebote nur für Mädchen zu schaffen.
Über unsere Autorin
Anna Seliger ist Bildungsexpertin und Diplom-Sozialpädagogin. Sie ist Gründerin von „Mädchen an den Ball“ und hat das pädagogische Konzept hinter dem Projekt entwickelt. Anna ist schon immer fußballbegeistert, will sich aber auf keinen Verein festlegen „da gibt es viele gute.“ Und auch bei der Frage nach ihrer Lieblingsspielerin findet sie, dass es einfach „viele tolle Fußballfrauen gibt“.
In Oldenburg geboren, lebt und arbeitet Anna schon viele Jahre in München. Im Sinne einer Förderung von Mädchen und Frauen nutzt sie schon immer gerne den Sport, um sich zu ermutigen und zu ermächtigen.
Speziell am Frauenfußball begeistert sie, wie exzellent und präzise sich die Spielerinnen auf dem Platz miteinander abstimmen – und bereits die Mädchen in jungen Jahren zeigen, wie kommunikativ und sozial sie im Spiel agieren.
Weil es jedoch an flächendeckenden Grundlagenangeboten fehlte, gründete Anna „Mädchen an den Ball“, das niedrigschwellig, kostenlos, ohne Zwang und ohne Leistungsdruck den Start in den Breitensport Fußball ermöglicht.
Dabei beeindruckt sie, wie durchsetzungsstark die Mädchen sind und werden: Einmal habe eine Neunjährige einige Jungs, die nur das Training stören wollten, vom Platz gejagt mit den Worten: „Das ist unser Platz, und wenn wir hier grillen!“
Kolumnen-Archiv
#6: Ohne Leistungsdruck, aber mit Spaß: Auch so klappt Nachwuchsförderung von Maja Weber
#5: Warum so viele Mädchen in der Pubertät mit dem Fußball aufhören von Lily Koch
#4: Warum es so schwer ist, Mädchenfußball zu organisieren von Anna Seliger
#3: Kreis- bis Bundesliga: Der "steinige Weg" nach oben im Frauenfußball von Julia Keller
#2: Gleichberechtigung im Verein? Eine Realität mit Hürden von Lily Koch
#1: Mädchen an den Ball! Warum wir über Mädchenfußball sprechen müssen von Anna Seliger