
Bammel vor der großen Aufgabe? Von wegen! Kauczinski startet seine Trainermission bei 1860 selbstbewusst: „Ich kann mich auf meinen Blick verlassen!“
Kurz bevor sich der Neue am Freitag erstmals den Fans zeigte, sah man noch mal Alper Kayabunar, der seit dem Rauswurf von Patrick Glöckner die Stellung bei 1860 gehalten hatte. Trainerwechsel in Echtzeit: Kayabunar schleppte eine Klappkiste vom Profitrakt ins NLZ, er war schon am Abend wieder für seine U 21 im Einsatz (2:0 im Topspiel gegen Landsberg). Fünf Minuten später trat dann Markus Kauczinski aus derselben Tür – an seiner Seite Manfred Paula, der ihn geholt hatte. Freundlicher Gruß, Kult-Allesfahrer Roman Wöll fiel ihm direkt um den Hals: „Ich hab gesagt, was ich zu jedem neuen Trainer sage“, so der 71-Jährige: „Alles Gute, viel Glück – und führ‘ uns rauf!“ In den Löwen-Sehnsuchtsort namens 2. Liga.
Drinnen im Pressestüberl fiel auf, dass dieses Ziel plötzlich kein Tabuthema mehr ist. Ausgerechnet jetzt – nach dem Absturz auf Tabellenplatz 13. Warum er sich am Ende des Castings für Kauczinski entschieden habe? „Er sieht es wie wir, dass mehr im Kader steckt“, sagte Interims-Boss Paula. Neben seinen bekannten Stärken sei Kauczinski „einer, der sich mit Aufstiegskonstellationen auskennt“.
Dass der Neue für große Ziele nicht nur den Ehrgeiz, sondern auch die Disziplin mitbringt, war dann für jeden Reporter im proppenvollen PK-Container gut zu beobachten. Kauczinski sprühte vor Tatendrang und schilderte, wie er die 18 Monate seit seinem letzten Trainerjob in Wiesbaden verbracht habe: „Sport gemacht, meine Ernährung umgestellt, viel Zeit mit der Familie verbracht.“ Äußerlich hat ihm das gutgetan: Kauczinski hat erkennbar abgespeckt. Sein Erfolgshunger hat darunter nicht gelitten. Am Montag legt er mit der Mannschaft los – sechs Tage später wartet schon Spitzenreiter MSV Duisburg: „Ich kann es kaum erwarten, bis es losgeht!“
„Fünferkette, Viererkette, ein Stürmer, zwei Stürmer – ich muss schauen, was zum Team passt, werde viel ausprobieren.
Markus Kauczinski
Die Mannschaft hat er bereits intensiv studiert, sich ein Video nach dem anderen reingezogen („Immer, bis ich genug hatte.“). Einige Spieler kennt er von früheren Stationen: Vollath vom KSC, Christiansen aus Ingolstadt, Reinthaler aus Wiesbaden. Generell will er aber unvoreingenommen an die Aufgabe bei 1860 herangehen. „Fünferkette, Viererkette, ein Stürmer, zwei Stürmer – ich muss schauen, was zum Team passt, werde viel ausprobieren. Ich kann mich auf meinen Blick verlassen.“ Für Kauczinski steht fest: „Ich liebe Ballbesitz, aber es geht nicht darum, dass ich mich hier verwirkliche. Verteidigen gehört auch dazu. Wir wollen schließlich erfolgreich sein.“ Der Aufstieg – auch für Kauczinski ist er offenkundig kein Tabuthema.
Der schmale Grat zwischen hohen Erwartungen und dem Hang zu Unruhe – für einen Positivdenker wie Kauczinski, sozialisiert in der Arbeiterstadt Gelsenkirchen, scheint 1860 kein Verein zu sein, um den man einen Bogen machen müsste, im Gegenteil. „Ich liebe Herausforderungen“, sagt er. Entsprechend seien auch die Reaktionen aus seinem Umfeld gewesen. „Ich habe 250 WhatsApp-Nachrichten bekommen“, berichtete Kauczinski: „Es hat nicht einer gefragt: Warum machst du das? Es haben alle gesagt: Wie geil ist das denn? Sechzig ist ein Verein, den muss man lieben!“
Mit dieser Freude will Kauczinski ab Montag ein zutiefst verunsichertes Löwen-Team aufrichten, neu ausrichten – und auf gemeinsame Ziele einschwören. „Den ganzen Kopf- und Druck-Quatsch lassen wir weg“, lehnt er eine Aufarbeitung der Krise ab. Stattdessen predigt er seine Idee von Fußball: „Einzelne Spieler machen noch keine gute Mannschaft. Jeder Künstler braucht auch einen Kämpfer.“ Und er selbst passt sich an: „Ich bin kumpelig, ich kann autoritär“ – je nachdem, was in der Situation gefragt ist.